Höfesterben

Der letzte Bauer

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Anja Kersten
am Mittwoch, 10.06.2020 - 09:45

Karl Wallner ist Bauer in der Landsberger Altstadt – der einzige. Für das Wochenblatt blickt er zurück auf seinen vielseitigen Betrieb und dessen Wandlungen.

Auf einen Blick

  • Nach einem Brand im Jahr 1965 gab Karl Wallners Familie die Tierhaltung auf.
  • Seit 1994 wird in Bioqualität produziert, derzeit Dinkel, Roggen, Weizen, Leguminosen, Kartoffeln sowie Hanf und Linsen als Sonderkulturen.
  • Hühnerhaltung und Erdbeeranbau wurden aufgegeben, weil nicht praktikabel.

Mitten in der Altstadt

Mitten in der Altstadt von Landsberg am Lech, umgeben von Häusern und nur über eine schmale Straße mit Kopfsteinpflaster erreichbar, liegt der Naturlandhof der Familie Wallner. Heute ist es kaum mehr vorstellbar, dass bis 1965 noch Milchvieh im Stall stand, daneben ein Misthaufen, landwirtschaftliche Fahrzeuge ein- und ausfuhren und sich weder Nachbarn noch Verbraucher an dem Anbindestall, dem Lärm oder dem Geruch störten. „Damals gehörte die Landwirtschaft einfach dazu“, bringt es Karl Wallner auf den Punkt.

Tierhaltung war damals recht gewöhnlich

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Nicht nur seine Familie und drei weitere Landwirte in der unmittelbaren Nachbarschaft hielten ihr Vieh mitten in der Stadt, auch viele Stadtbewohner hatten ein paar Hühner, manche sogar eine oder zwei Kühe in einem kleinen angrenzenden Stall neben ihrem Wohnhaus, um ihre Versorgung zu sichern.

Heute ist Karl Wallner, der zusammen mit seiner Frau Beatrix den Naturlandbetrieb bewirtschaftet, als einziger Landwirt hier in der Altstadt übriggeblieben. Jetzt steht er in der Mitte seiner großen Hofstelle vor dem schmucken Bauernhaus mit grünen Fensterläden, im Rücken die mächtige Heilig-Kreuz-Kirche mitsamt des Klosters, blickt auf die Häuser herab, die sich an der schmalen Straße entlang reihen und sagt: „Ich könnte mir keinen schöneren Ort zum Wohnen als unseren Hof vorstellen.“ Denn natürlich stand auch bei Wallners Eltern damals die Frage im Raum, ob sie aufgrund der beengten Lage in der Stadt besser aussiedeln sollten.

Hintergrund ist, dass im Februar 1965 der Stall komplett abbrannte, als ein Knecht die eingefrorene Wasserleitung im Stall mit einer Lötlampe auftauen wollte und das Heu Feuer fing. Die Tiere wurden in einem damals neuen und noch nicht gebrauchten Milchviehstall eines Berufskollegen außerhalb der Stadt untergebracht.
Der Hof wurde viehlos weiter bewirtschaftet – mit dem Schwerpunkt im Getreide- und Rapsanbau. Den Ackerbau hat Karl Wallner, der nach dem frühen Tod der Eltern den Hof mit 20 Jahren übernahm, fortgeführt. 85 ha bewirtschaftet er zusammen mit seiner Frau, etwa 1 ha mit Kartoffeln als Nischenprodukt, den größten Teil mit Dinkel, Roggen, Weizen und Leguminosen sowie einen kleinen Teil mit Sonderkulturen wie Hanf und Speiselinsen.

Unabhängig die Kartoffeln aus der Erde holen

Der Landwirt baut die drei Kartoffel-Sorten Marabel, vorwiegend festkochend, Nicola, festkochend und Filou, eine mehlig kochende Sorte an. Natürlich könnte er noch weitere Sorten anbauen, doch je mehr Sorten, desto mehr Arbeit – bei der Ernte als auch bei der Verpackung, erklärt Wallner. Bei einem Familienbetrieb ohne Fremdarbeitskräfte für die Ernte ist das schon ein Argument. Geerntet wird mit dem eigenen Voll- ernter, um unabhängig vom Lohnunternehmer die Erdäpfel einzubringen.
Sortiert und abgepackt werden die Kartoffeln dann von Hand und sowohl über den örtlichen Einzelhandel, vorwiegend aber ab Hof in Tüten zu zwei und fünf Kilogramm und in 12,5- und 25-kg Säcken verkauft.
Auch Dinkel, Roggen und Weizen werden verpackt in 5-kg-Einheiten zusätzlich ab Hof verkauft, allerdings nur ein kleiner Teil. Gelagert wird das Getreide in Silos, die zusammen mit der Maschinenhalle 2004 außerhalb des Hofes neu gebaut wurden.

Erst mangelte es an Strukturen, jetzt am Preis

Was sich bewährt hat weiterführen, für Neues offen sein und dennoch nicht jedem Trend folgen – das ist es, womit die Wallners ihren Betrieb erfolgreich durch 40 Jahre geführt haben, seit 1994 als biologische Landwirtschaft. Damals war die Vermarktung noch schwieriger, weil die Strukturen fehlten – heute hingegen verfallen die Preise, weil viel Bioware am Markt ist.
Für die Biobauern heißt das, dass auch sie immer größer werden müssen. Als Direktvermarkter kann der Landwirt so manche Geschichten über die Eigenarten von Verbrauchern erzählen, fügt aber auch gleich hinzu, dass die meisten „durchaus in Ordnung“ wären.
Im Gedächtnis bleiben eben die, die einem auffallen und über die man sich ärgert. Da sind die, die zwar in der Nachbarschaft wohnen, aber ihre Kartoffeln oder ihre Eier lieber im Supermarkt als beim Landwirt nebenan kaufen. Dafür kamen Kunden, die fast 50 km entfernt wohnen, extra wegen der Eier. Denn bis vor fünf Jahren hielt der Hof noch 70 Hennen. Die Eier wurden direkt vermarktet und auf dem Hof verkauft. Vor Ostern hätten ihnen die Leute die Türen eingerannt, erzählt Wallner, danach und vor allem an Pfingsten und in den Sommerferien wussten sie nicht mehr, was sie mit den Eiern machen sollten. Als dann eine an den Hof angrenzende Wiese verkauft wurde, wo die Hühner zuvor ihren Freilauf hatten, gab Familie Wallner die Hühnerhaltung auf und das, obwohl es auf dem Hof eigentlich immer Hühner gab, wie Wallner mit belegter Stimme berichtet.
Dann gab es da noch die Familien, die mit ihren Kindern Erdbeeren auf dem 0,5 Hektar großen Feld pflückten. Noch einmal betont Wallner, dass er mit den meisten keine Probleme gehabt hätte. Nicht wenn Kinder und Erwachsene Erdbeeren gegessen hätten, aber doch, wenn die Kinder, gelangweilt vom Erdbeerpflücken, munter über die Pflanzen hüpften und dabei sowohl den Pflanzen als auch den Erdbeeren Schaden zufügten. Weder er noch seine Frau hatten das mit anschauen können.

Die Tücken der Selbstpflückanlage

Letztlich führten aber andere Gründe dazu, dass die Familie nach zehn Jahren den Anbau von Erdbeeren beendete. In den vergangenen Jahren habe die Witterung den Erdbeeren stark zugesetzt. Einmal ließ der Frost die Blüten erfrieren, vor zwei Jahren war es Starkregen und im letzten Jahr die Trockenheit.
Und selbst wenn es keine solchen Wetterextreme gäbe, wäre die Ernte stark vom Wetter abhängig. Nicht einmal zu viel Sonne täte den Biobeeren gut. Weil sie weniger Blattgrün haben als konventionelle, können sie leichter Sonnenbrand bekommen und werden dann matschig. Und matschige Erdbeeren will keiner.
Dass grundsätzlich nur die schönsten Erdbeeren gepflückt werden, ist ebenfalls ein Problem beim Selberpflücken. Auf diese Weise blieben an jeder Pflanze Erdbeeren, die man, sollen sie nicht verderben, selbst ernten müsse, schildert Wallner die Tücken der Selbstpflückanlagen. Vor allem für seine Frau bedeutete das eine hohe Arbeitsbelastung. Denn die Erdbeeren als leicht verderbliche Ware müssten schnell verkauft werden.
Als dann der Service des Landwirts wegfiel, der die Erdbeeren maschinell mit Stroh unterlegte, und die Wallners selbst eine Maschine dafür hätte anschaffen müssen sowie eine neue Pflanzung anstand, fiel der endgültige Entschluss für das Aus.

Neue Nischen: Biohanf und Biolinsen

Ein paar neue Projekte hat Wallner bereits gestartet. So baut er seit zwei Jahren auch Biohanf für eine Ölmühle an und auch Speiselinsen der Sorte Arnika in Bioqualität. „Ich probiere als Nischenprodukte nur das aus, was ich auch mit meinem eigenen Mähdrescher ernten kann“, begründet der Landwirt seine Wahl. Das geht nur solange gut, solange ein Produkt ein Nischenprodukt bleibt, fasst er seine Erfahrungen der letzten 26 Jahre als Biobauer zusammen.