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Ländliche Entwicklung - über den Zaun blicken

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Sybilla Wunderlich
am Montag, 15.10.2018 - 10:15

2. Netzwerktreffen ILE-Kommunen in Oberbayern

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Schleching/Lks. Traunstein Auf einen erneuten Anschub für die vielfältigen Projekte setzte Behördenleiter Peter Selz vom Amt für Ländliche Entwicklung Oberbayern (ALE) beim zweiten oberbayerischen ILE-Netzwerktreffen, das das Amt zusammen mit der ILE (Integrierte Ländliche Entwicklung) Achental veranstaltet hat. Rund 50 Akteure, größtenteils Bürgermeister aus den acht oberbayerischen ILE-Gemeinden und Angehörige des ALE, trafen sich im Haus des Gastes in Schleching zum Erfahrungsaustausch. Selz forderte dazu auf, „über den Zaun zu blicken“. Mit ILE will er eine Plattform schaffen, um eine Verbesserung der ländlichen Entwicklung zu erreichen.

Die Bürgermeister Stefan Schneider aus Bergen (1. Vorsitzender Ökomodell Achental) und Josef Loferer aus Schleching begrüßten die Gäste, darunter auch Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber. Diese entschloss sich spontan, ihre vorbereitete Rede nicht zu halten. Sie wolle lieber den Vorträgen zuhören und daraus Ideen mitnehmen. „Der ländliche Raum ist der Schlüssel jeglicher Entwicklung“, war ihre Meinung, und das solle in Bayern auch so bleiben. „Für mich ist wichtig, dass der Austausch in der Region gelebt wird.“ Mit einem Augenzwinkern meinte sie, „entscheidend ist nicht, was eine Ministerin sagt, eher was sie mitbringt“. Und das war die schriftliche Zusage zur Verlängerung der ILE-Umsetzungsbegleitung für die nächsten vier Jahre im Achental unter der Trägerschaft des Ökomodells Achental.
Bei den sieben Vorträgen ging es thematisch zunächst um die „Vernetzung durch Zusammenarbeit“ sowie im zweiten Teil um die Innenentwicklung und Bauen im ländlichen Raum. Alle acht Regionen (Achental, Auerbergland e.V., Limes Gemeinden, Kulturraum Ampertal e.V., Zwischen Lech und Wertach, Erdinger Holzlandgemeinden, Waginger See-Rupertiwinkel, Altöttinger Holzlandgemeinden) treiben die gleichen Probleme um, die nicht von heute auf morgen zu lösen sind. Es braucht jeweils ein ganzes Paket an Maßnahmen, die auf den Status quo und die Zukunft ausgerichtet sind, das wurde in den Vorträgen sehr deutlich.
Die Idee dieses Treffens war, die Erfolgsmodelle und Erfahrungen von anderen Gemeinden zu nutzen – ganz ohne Wettbewerb, durch offene Gespräche und Vertrauen. Die Motivation zum Handeln ist der Erhalt der lebens- und liebenswerten oberbayerischen Landschaften, der Raum, in dem Menschen gut leben und arbeiten können, war der Konsens in den Pausengesprächen.
Reinhard Walk (Geschäftsführer und Umsetzungsbegleiter der ILE Auerbergland) berichtete an Beispielen von seinen persönlichen Erfahrungen in den letzten 25 Jahren. Er sieht die gemeinsame Aufgabe in der Weiterentwicklung der Vernetzung. „Offen miteinander reden, Kompromissbereitschaft, die aktive Beteiligung des Gemeinderats und die Integration lokaler Bedürfnisse der ILE-Partner“, lautete sein Fazit.
Stefan Schneider und Stephanie Hennes (Projektleiterin ILE und Beiratsvorsitzende der Förderstiftung Ökomodell Achental) stellten das 1999 gegründete Ökomodell Achental vor. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen der Erhalt der Natur- und Kulturlandschaft, die Sicherung der kleinstrukturierten Landwirtschaft, die Förderung eines naturverträglichen Tourismus und Gewerbes sowie die Nutzung erneuerbarer Energieträger aus der Region und für die Region. Als Beispiel hierfür wurde der „Biomassehof Achental“ in Grassau angeführt.
Stephanie Hennes stellte die Frage: „Wie passen die Themen ,Energie‘ und ,Tourismus‘ zusammen?“ Lösungen sah sie bei Elektromobilität, im Carsharing, Shuttle-Busse zum Biathlon und in Skigebiete, Schulbusse und – wieder ein Erfolgsmodell als Beispiel – bereits an 22 Stellen Ladesäulen für „landmobile“.
Die geplanten ILE-Projekte für die nächsten vier Jahre betreffen den Erhalt und die Unterstützung der Almen (Frischwasserversorgung, Abwasser, Schwenden, Besucherlenkung), die Bekämpfung des Kreuzkrautes (Schulungen, Entsorgung), die interkommunale Zusammenarbeit (z. B. Förderung des Klimaschutzes durch Radverkehr) und das Flächenmanagement (Datenbank).
Letzteres war ein Thema, das in mehreren Vorträgen behandelt wurde. Martin Hinterbrandner (Bürgermeister Bernbeuren) berichtete über die „Innenentwicklung am Auerberg“ und den Aufbau der Datenbank zum Flächenmanagement, um Leerstand und Nahverdichtungspotenzial zu erfassen. Sein Kollege Hans-Jörg Birner (Bürgermeister Kirchanschöring) stellte ortsspezifische Konzepte mit dem Vortrag „Anderes Wohnen in Kirchanschöring“ vor.
Professorin Anne Beer (Architektin BDA) gab dem Publikum Beispiele für die „Innenentwicklung und Bauen im ländlichen Raum“ anhand von vier Bauprojekten. Rupert Popp (Bürgermeister Allershausen) teilte die Meinung seiner Vorredner, dass die Probleme nur durch überregionale Zusammenarbeit gelöst werden können. In seinem Vortrag „Mobilität und bauliche Entwicklung im Ampertal“ zeigte er die Situationen der Pendlerströme der Kreisstadt Freising auf und die daraus entstehenden vielfältigen Probleme.

In seinem Resümee bestätigte Guido Romor (Baudirektor am ALE) den Mehrwert der interkommunalen Zusammenarbeit, besonders wenn alle mit Herzblut und Wertschätzung dabei sind. Es brauche einen Wandel „weg vom Flächenverbrauch – hin zur Innenverdichtung“ war seine Meinung.