Oberbayern

Das Kreuz gehört zum Hof

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Dr. Andrea Hammerl
am Mittwoch, 14.10.2020 - 15:48

Gefahr im Verzug lautete das Urteil des Hochbauamtes Ingolstadt. Daraufhin wurde das geschichtsträchtige Feldkreuz von Familie Wagner umgesägt, weil es auf der Grundstücksgrenze zum städtischen Grund steht.

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Das Ev-Kreuz – benannt nach dem Hofnamen des Besitzers – ist wieder zurück, wenn auch nicht an seinem angestammten Platz als Feldkreuz. Vielmehr liegt es nun in Robert Wagners Scheune und ist zudem ein gutes Stück kürzer. Die kuriose Geschichte beginnt mit dem Auftrag der Stadt Ingolstadt an zwei Studenten, die alle städtischen Feldkreuze auf ihre Standfestigkeit und Verkehrssicherheit überprüfen sollten.

Im Glauben, das Kreuz gehöre der Stadt, transportierten die jungen Leute es ab. Wagners Mutter staunte nicht schlecht, als sie im Gottesdienst in der Kirche auf das verschwundene Kreuz angesprochen wurde. „Saniert ihr es jetzt schon?“, war sie gefragt worden, denn in Hundszell war bekannt, dass die Restaurierung eigentlich für den kommenden Winter geplant war.

Anzeige bei der Polizei wegen Diebstahls

Sie fragte bei ihrem Sohn nach, der fuhr sofort aufs Feld, wo das Kreuz zwischen zwei mittlerweile gut 70 Jahre alten Ahornbäumen stehen sollte. Dort fand Robert Wagner aber nur die leere Halterung vor und erstattete Anzeige bei der Polizei wegen Diebstahls.

Nachdem ihm Hundszeller erzählten, dass sie ein Auto der Stadt gesehen hatten, rief der Landwirt beim Gartenbauamt an. Dort wurde er an das Hochbauamt weiterverwiesen. Nachdem das Kreuz nun wieder aufgefunden und ihm versprochen worden war, es wieder zurückzubringen, hätte er die Anzeige eigentlich auf sich beruhen lassen.

Der Kirchenmaler war schon beauftragt

Aber nicht so schnell: Erst später erfuhr er, dass das Kreuz abgesägt worden war, weil die Studenten es nicht aus seiner Verankerung lösen konnten. Sachbeschädigung war also noch dazu gekommen. „Ich weiß, dass es in keinem guten Zustand ist, aber es wäre nicht umgefallen“, sagt Wagner, und berichtet, neues Holz lagere bereits seit drei Jahren beim Zimmerer zum Trocknen. Auch der Kirchenmaler sei schon beauftragt.

„Das Hochbauamt hat die Standfestigkeit geprüft und festgestellt, dass dieses Kreuz dringend sanierungsbedürftig ist“, rechtfertigt Ingolstadts Pressesprecher Michael Klarner die Aktion mit „Gefahr im Verzug“. Die Mitarbeiter seien davon ausgegangen, dass das Feldkreuz auf städtischem Grund stehe. „Das hat sich zwischenzeitlich auch bestätigt“, sagt er. Wagner hat jedoch beim Vermessungsamt erfahren: „Es geht um 23 Zentimeter“, das Kreuz stehe auf der Grenze zwischen städtischem und privatem Grund. Was allerdings nicht bekannt war, als sein Urgroßvater Blasius Wagner das mit Marterwerkzeugen, den Arma Christi, versehene Kreuz errichtete und am 27. Juni 1948 einweihen ließ. Vermessen wurde die Flur erst 2008, als die Wasserleitungen gebaut wurden. „Damals hätte man reagieren müssen, das ist vom Amt versäumt worden“, sagt Wagner, für den das Kreuz eine Herzensangelegenheit ist.

Die Pflege steht im Übergabevertrag

Es gehört nicht ihm persönlich, sondern zum Hof, die Pflege ist ihm im Übergabevertrag anvertraut worden. „Und wir wollen es ordentlich weitergeben, wenn wir den Hof übergeben“, betont seine Frau Tanja. Jeder, der mit dem Kreuz zu tun habe, hänge daran, erzählt sie. So sei es zum Beispiel auch in die Fronleichnamsprozession eingebunden, immer wieder stelle jemand eine Kerze hin und eine Hundszellerin bringe regelmäßig Blumen zum Andenken an ihren Schwiegervater, der sehr auf dieses Feldkreuz hielt. Es ist also nicht allein das Privatkreuz der Familie Wagner.

So wird zur Restaurierung wieder Eichenholz verwendet, wie von Josef Wagner senior bei der ersten Restaurierung anno 1977. Josef Wagner war einer der drei Söhne von Blasius Wagner, die aus dem Zweiten Weltkrieg heimgekehrt sind. Aus Dankbarkeit hatte der Vater das Kreuz errichten lassen. Zwei weitere Söhne hat er jedoch verloren, der eine, Robert, war noch im Februar 1945 in Oberschlesien gefallen, der andere, Blasius, beim Rückzug in Ostpreußen verwundet und dann verschollen.

Auch die Marterwerkzeuge Hammer, Zange, Lanze, Schwamm und Geißel wurden 1977 erneuert, nur der Korpus ist noch original von 1948. Er wurde nur neu bemalt.

Die Chronik ist im Kreuzbalken verborgen

Eine weitere Besonderheit des Kreuzes ist die Chronik, die in den Kreuzbalken eingelassen und hinter einer Tafel verborgen ist. Diese ist im unteren Drittel des senkrechten, 18 cm starken Kreuzbalkens angebracht und trägt den Spruch: „Suchst du des großen Gottes Spur, du findest sie in der Natur, willst du ihn aber größer sehn, dann bleib bei diesem Kreuze stehn.“

Das 50 mal 25 cm messende, eingerollte Schriftstück enthält unter anderem die Maße des Feldkreuzes, das auf einem 70 mal 70 cm großen, 80 cm tiefen Sockel steht, 4,15 m hoch und 1,5 m breit ist.

Immerhin: Die Posse sorgt für Aufmerksamkeit

So viel Aufmerksamkeit wie aufgrund dieser Posse hat das Feldkreuz wohl schon lange nicht mehr erfahren. Nach der Restaurierung soll es wieder sein beschauliches Dasein führen und Anlaufstelle für Menschen sein, die hier Andacht suchen.

„Wir wollen eine saubere Lösung“, sagt Robert Wagner mit Blick auf die Grenzregelung. Das Kreuz komplett auf seinen Grund zu versetzen, wie von der Stadt vorgeschlagen, ist für ihn nicht optimal, denn das würde die Bäume und deren Wurzeln wohl schädigen. Am liebsten würde der Landwirt daher der Stadt den Grund abkaufen.