Gemüsebau

Kraut: Günstig und vitaminreich

Hofladen
Helga Gebendorfer
am Donnerstag, 26.11.2020 - 09:46

Franz Wöhrl ist einer der letzten Krautbauern im Süden Ingolstadts. Auf insgesamt 85 Hektar baut er Gemüse an – konventionell und biologisch.

Kraut hobeln

Der letzte von 19 Landwirten der Krautanbaugemeinschaft Ingolstadt-Unsernherrn ist Franz Wöhrl, der Sohn des damaligen Vorstands Anton Wöhrl, zusammen mit zwei weiteren Direktvermarkter-Kollegen.

Kraut wird in der ehemaligen Großgemeinde Unsernherrn schon von jeher angebaut. Die Schwemmlandböden im Süden Ingolstadts eigneten sich besonders dafür. Bis vor rund 40 Jahren war es eine Kunst, Kraut anzubauen, denn die alten Sorten platzten bei Überreife, ungleichem Wachstum und zu viel Stickstoff oftmals auf.

Seit die Krautbauern sich an den niederbayerischen statt an den Ismaninger Preisen orientieren müssen, haben viele Kollegen in der Region den Krautanbau aufgegeben. Hinzu kam auch noch, dass die Interessengemeinschaft Unsernherrn früher bei den Preisverhandlungen mitverhandelte, es heutzutage aus kartellrechtlichen Gründen dagegen nur noch Markgespräche mit der bayerischen Konservenindustrie gibt, erzählt Franz Wöhrl. In früheren Zeiten wurde zu 50 % ein Festpreis verhandelt, die anderen 50 % bei Erntebeginn und in der Mitte der Saison.

Ertragsaussichten und Marktlage spielten eine große Rolle, denn die Beregnung der Anbauflächen war eine Ausnahme, so dass es regional sehr große Ertragsschwankungen gab. „In einem guten Jahr konnte man sich von den Einnahmen aus vier Tagwerk Kraut einen Schlepper kaufen“, erinnert sich Wöhrl an die Aussagen seines Vaters.

Am Stammtisch am Sonntag wurde gehandelt

Kraut putzen 1

Die täglichen Liefermengen wurden früher am Sonntag im Frühschoppen ausgehandelt. Wer am runden Stammtisch nicht da war, konnte in dieser Woche kein Kraut liefern.

Bis 1980 wurde das Kraut auf dem Betrieb Wöhrl mit selbst gezogenen Pflanzen und einem 2-reihigen Rau-Gerät gepflanzt, dann mit einer pneumatischen Einzelkornsämaschine gesät und seit 2015 mit einer 8-reihigen Ferrari Speedy-Pflanzmaschine wieder gepflanzt. Pro Hektar werden 27 000 Pflanzen ausgebracht.

Die kleinen Pflänzchen, die von Jungpflanzenbetrieben bezogen werden, kosten zwar vergleichsweise mehr, doch bei der Saat mussten früher drei, später zwei Körner pro künftigen Krautkopf ausgebracht werden, um dem Risiko von mangelnder Keimfähigkeit und Auflaufproblemen entgegenzuwirken. Den Mehraufwand durch das Pflanzpersonal steht ein geringerer Hackaufwand gegenüber und die Bestandsdichte ist bedeutend besser als bei der Saat.

Größter Krautkopf brachte 23,5 Kilo auf die Waage

Ernte 2

Dem Erdfloh, als besondere Gefahr in den ersten vier Wochen nach Auflauf des Keimlings, kommt man so auch besser bei. Kraut braucht viel Stickstoff und Kali und im konventionellen Anbau hohen Pflanzenschutzaufwand, um eine gesunde, schädlingsfreie saubere Ware mit ausreichend Ertrag zu ernten. Bei Bio-Verarbeitungsware muss der Einsatz von wenigen im Biobereich zugelassenen Pflanzenschutzmittel reichen. „Gleichzeitig braucht man das nötige Glück, um mit dem doch erheblich höheren Preis den geringeren Ertrag oder den vereinzelten Ausfall zu kompensieren“, berichtet der Gemüsebauer.

Ein Krautkopf sollte durchaus 5 bis 6 kg wiegen um auf einen Ertrag von mindestens 100 t/ha zu kommen. „Wir hatten schon Jahre mit einem Durchschnittsertrag von 70 Tonnen, aber auch Erträge von über 160 Tonnen pro Hektar“, erzählt der Landwirt und ergänzt, dass der größte je bei ihm gewogene Weißkrautkopf 25,3 Kilogramm wog. In der Erntezeit liefert sein Betrieb wöchentlich bis zu 900 Tonnen an die Heiss Sauerkraut GmbH in Ingolstadt.

Der Absatzmarktist leicht rückläufig

Der Landwirt bewirtschaftet aktuell 85 ha, davon 8 ha biologisch. Den Anbauschwerpunkt bildet heute mit 60 ha das Kraut – alles Industrieware mit Ausnahme von 1 ha Weiß- und Blaukraut, Wirsing, Spitzkraut, Rosen- und Grünkohl für die Direktvermarktung.

Die Krautfläche wurde ab 1991 mit den Jahren stufenweise ausgeweitet, wobei die Entwicklung seines 1-Reiher-Krauternters 1991, seines 4-Reihers 1994 und nachfolgend der 1997 selbst konstruierte und entwickelte Selbstfahrer-Krautvollernter jeweils für einen Wachstumsschub sorgten. In Spitzenzeiten wurden bis zu 80 ha angebaut, der Absatzmarkt ist aber leicht rückläufig, wenngleich Wöhrl den Trend feststellt, dass Familien wieder selbst Sauerkraut einmachen oder Krautköpfe einlegen. Besonders nachgefragt sei das günstige und vitaminreiche Gemüse dann, wenn Salat und Frischgemüse teurer sind.

Direktvermarktung ist lukrativer

Das größere Standbein ist allerdings die Direktvermarktung, die sein Vater schon seit jeher betrieben hat. So wurde im Jahr 1994 der erste Hofladen und 2001 der neue Hofladen, der mittlerweile schon auf 120 m² erweitert wurde, gebaut. Das Anbausortiment erweiterte sich über die Jahre und besonders auch durch die Nachfrage der Kunden, so dass heute 6 ha Kartoffeln, 1 ha Spargel, 1 ha Erdbeeren und 7 ha verschiedene Gemüse (ca. 25 Sorten biologisch, 20 Sorten konventionell und zehn Sorten in Folienhäusern) angebaut und vermarktet werden.
Im Hofladen erfreut sich der Hobelservice mit einem alten Industriekabelhobel großer Beliebtheit: Rund 80 % der verkauften Ware geht gehobelt über die Ladentheke. Dank einer Lagerkapazität von rund 120 t gibt es bei Wöhrls das ganze Jahr über frisches Kraut. Neben dem Hofladen werden noch privat geführte Edeka-Märkte, ein Fruchtgroßhandel und Gaststätten beliefert.

60 Hektar Krautanbauist fast zu wenig

Die große Sortenvielfalt ist schon ein enormer Aufwand und besonders personalintensiv. Aber aus Erfahrung weiß Wöhrl, dass der Absatz deutlich niedriger ausfällt, wenn nicht mehr Eigenbau auf den Produkten steht. „Nicht nur im Hofladen und der Erzeugung dafür, sondern auch beim Krautanbau ist Umsatz das A und O. Denn bei ausschließlich Fremdarbeitskräften ist alles ein sehr knappes Geschäft“, betont der Krautbauer. Er weist darauf hin, dass 60 Hekar Anbaufläche bei seinem Technik- und Personalaufwand fast zu wenig ist.
Um die Fruchtfolgen einzuhalten, tauscht Wöhrl seit mehr als 20 Jahren mit bis zu zehn Berufskollegen die Flächen. Diese Zusammenarbeit ist sehr wichtig. „Denn nur so können wir dem Preisdruck standhalten, der von uns Bauern, speziell auch bei den Pachtpreisen, mitverschuldet ist“, erklärt Wöhrl.

Trockenes Frühjahrund Regen im Sommer

Für ein gutes Krautjahr wünscht sich Wöhrl Trockenheit im Frühjahr und Frühsommer sowie Regen im August und September. „Anfangs müssen die Pflanzen nur gesund sein und überleben. Wenn es anschließend kühl und nass ist, herrscht richtig gutes Krautwetter“, spricht er aus Erfahrung.
Er ist am Betrieb zuständig für das Arbeitskräfte-Management, den Pflanzenbau und die Organisation aller Arbeiten, vor allem bei der Ernte. Neben ihm sind im Betrieb drei Personen durchgehend in Vollzeit angestellt. Daneben helfen von April bis November acht Saisonarbeitskräfte und vier kurzfristige Aushilfen. Im Laden sind drei Halbtagsangestellte und zwei Aushilfen beschäftigt.

Erfolg hängt von Technik und Mitarbeitern ab

Beim Blick in die Zukunft des Krautanbaus wird Wöhrl nachdenklich. Der Erfolg beim Krautanbau ist maßgeblich abhängig von der Erntetechnik und motivierten Saisonarbeitern, die draußen zu der Jahreszeit arbeiten, wenn man „keinen Hund auf die Straße jagt“. Einige Neulinge haben schon nach einem Jahr Krautanbau wieder aufgegeben.
Um die Attraktivität des Krautanbaus wieder zu steigern, müsste sich einiges bewegen. „Diese neuen Herausforderungen wären eine Aufgabe, die ich noch angehen könnte, denn so Gott will, darf ich ja noch zehn Jahre Kraut anbauen, so dass in Ingolstadt in den nächsten Jahren Keiner auf das regionale und gesunde Lebensmittel Kraut verzichten muss“, sagt Wöhrl schmunzelnd.