Obstbau

Kirschdorf aus Tradition

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Andrea Hammerl
am Donnerstag, 09.07.2020 - 12:59

Im trockengelegten Niedermoor Gietlhausen gibt es noch acht Kirschbauern.

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Seinen Eltern wäre es „nie eingefallen, wegen fünf Pfund Kirschen vom Baum zu steigen“. Ernst Reng (53) schmunzelt, als er erzählt, wie sich die Kirschenvermarktung im Laufe seines Lebens verändert hat. In seiner Kindheit und Jugend wurden Kirschen wäschekörbeweise verkauft, manche Kunden holten sogar 100 kg auf einmal ab. Das Einzugsgebiet reichte von Augsburg bis Eichstätt und Weißenburg, zum Teil kamen sogar Münchner nach Gietlhausen.

Das kleine Dorf am südlichen Jurahang oberhalb der Kreisstadt Neuburg/Donau ist bekannt für seine lange Kirschdorf-Tradition. Vor mehr als 200 Jahren, um 1817/18, wurden hier Kolonisten angesiedelt, Kleinbauern, die mit wenig Fläche auskommen mussten. Sie waren überwiegend Austragler oder jüngere Söhne aus dem nahegelegenen Donaumoos und Marienheim, was erklärt, dass die meisten Protestanten waren – wohl Nachkommen von Pfälzern, die Ende des 18. Jahrhunderts von Kurfürst Karl Theodor im trockengelegten Niedermoor angesiedelt worden waren.

In Gietlhausen erhielten die Kolonisten zwischen drei und 15, die meisten um sieben oder acht Tagwerk. Entsprechend klein sind heute noch die Nebenerwerbsbetriebe. Die Familien komplett ernährt haben sie zu keiner Zeit, die Männer verdienten damals als Korbflechter, Holzarbeiter oder Rechenmacher dazu. Doch die Kirschen waren ein wichtiger Faktor. „Gietlhausen war ein Kolonistendorf mit lauter kleinen Bauern“, erzählt Georg Weingärtner, „sie häuften das Jahr über Schulden an, die dann nach der Kirschenernte getilgt wurden“.
Der 92-jährige steigt heute noch auf die Leiter – zum Ernten, aber auch zum Schneiden der Bäume. „Das muss der Vater machen, ich kann das nicht“, sagt sein Sohn Jürgen Weingärtner lächelnd.

Tradition wird fortgeführt

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Die Tradition wird fortgeführt, auch wenn die Vermarktung schwieriger geworden ist. „Jetzt haben die Erdbeeren das Geschäft übernommen“, meint der Junior. Früher dagegen vermarkteten sich die Kirschen quasi von alleine, das Gros ging nach Augsburg. Heute verkauft die Familie überwiegend auf dem Wochenmarkt in Eichstätt.

Acht Kirschenbauern gibt es noch im Ort – die meisten haben allerdings nur noch wenige Bäume. Jede Familie hat ihre eigene Strategie. Familie Reng verkauft direkt im etwa einen halben Hektar großen Kirschgarten, der 1964 angelegt wurde. Während Ernst Reng für Ernte und Pflege der gut 100 Bäume zuständig ist, übernimmt seine Frau Heidi den Verkauf. Sie steht lieber vor der Holzhütte am Rand des Kirschgartens, sortiert und wiegt die von Familienangehörigen gepflückten Kirschen in mitgebrachte Schüsseln der Kunden ab. Ein bis zwei Kilogramm zum Frischessen, das ist heutzutage die häufigste Abgabemenge.

Ehemann Ernst und die Kinder Julian (18) und Marlene (16) werden beim Pflücken von Onkeln und Schwestern von Heidi Reng unterstützt. Um Lohnarbeiter zu beschäftigen, ist das Geschäft zu schwankend. Wenn das Wetter gut ist, gehen die Kirschen am Stand so weg, wie sie von den Bäumen geholt werden – frischer geht es nicht. Wer größere Mengen – zehn bis 20 kg – kaufen will, sollte sie vorbestellen – oder muss Zeit mitbringen. 50 kg schafft ein guter Pflücker am Tag, maximal sind in guten Jahren bis zu 90 kg möglich – zehn Kilogramm pro Stunde sind schon sportlich. Insgesamt ernten die Rengs meist rund 2 t, in Spitzenjahren bis zu drei. Heuer rechnen sie aufgrund der Spätfröste allerdings mit nur 1 t.

Frisch gepflückt am besten

Kirschen reifen nicht nach, sie schmecken frisch gepflückt am besten, halten sich aber natürlich noch ein paar Tage. Heuer ist die Qualität gemischt, weshalb sie günstiger verkauft werden. Aufgrund des Regens sind viele Früchte aufgeplatzt. „Sie sind nicht schlecht, nur optisch nicht schön, das erkläre ich den Leuten und die verstehen das auch“, sagt Heidi Reng.

Wer mag, darf auch selber pflücken – und spart 50 ct/kg. Neben Wochenmarkt und Direktverkauf etabliert sich in Gietlhausen als dritte Vermarktungsart „Selber nehmen und zahlen“. So hat Familie Kreller, deren Kirschgarten direkt an den der Familie Reng angrenzt, einen Tisch in der Hofeinfahrt zur Selbstbedienung stehen.
Von Mitte Juni bis Mitte Juli reifen die Kirschen, beginnend mit den dunkelroten Herzkirschen Kassins Frühe, einer uralten Sorte aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Es folgen Große Prinzessin, gelbe und rote Knorpelkirschen, die junge, erst etwa 20 Jahre alte Sorte Sunburst und schließlich die späte Hedelfinger Riesenkirsche.

Die Arbeit im Kirschgarten

Während der Ernte befindet sich Familie Reng ganztags im Kirsch- garten, auch das Mittagessen wird hier eingenommen. Arbeit machen die Bäume jedoch rund ums Jahr. Geschnitten werden sie im Winter, meist Februar/März, was zwar fachlich nicht ideal ist, wie Ernst Reng einräumt, aber arbeitstechnisch am besten passt. Einen Großteil der Bäume im knapp 60 Jahre alten Kirschgarten hat er bereits nachgepflanzt. Eine Arbeit, die im März/April oder November ansteht. „Ich versuche immer Lücken zu füllen“, sagt der Bauingenieur und Nebenerwerbslandwirt, der im Gegensatz zu seinen Vorfahren Viertelstämme, also weniger wüchsige Bäume pflanzt. Beim Nachpflanzen achtet er darauf, besonders große Pflanzlöcher auszuheben – der Bodenaustausch habe einen positiven Effekt auf die Jungbäume. Gespritzt wird zweimal mit der Handspritze, sodass er mit etwa 20 % der empfohlenen Spritzmittelmenge auskommt. Den Rest des acht Hektar großen Betriebes, wo er Weizen, Braugerste, Mais und Triticale anbaut sowie Heu erzeugt, stellt Ernst Reng gerade auf Bio um, doch beim Segment Kirschen funktioniert rein biologische Bewirtschaftung nicht. Die Bäume sind zu groß, um sie mechanisch vor Schädlingen zu schützen, begründet Reng. Dieser Betriebszweig läuft künftig auf Heidi Reng.

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