Almbauernjahrtag

Keine Toleranz für den Wolf

Wolf
Maria Horn
am Mittwoch, 10.11.2021 - 21:43

Kaspar Stanggassinger fordert beim Almbauernjahrtag 2021 im Berchtesgadener Land mehr Verantwortungsbewusstsein beim Weidetierschutz von der Politik.

Der 73. Almbauernjahrtag der Bezirksalmbauernschaft Berchtesgaden war geprägt von festlicher Stimmung – immerhin gilt der Tag am Ende der Saison als Erntedankfest der Almleute. Doch es gab auch kritische und sehr deutliche Worte: Klar positionierten sich der Bezirksalmbauer Kaspar Stanggassinger und der Vorsitzende des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern (AVO) Josef Glatz zum großen Beutegreifer: Beim Wolf gebe es „keine Toleranz“.

Gruppenfoto Ehrungen Almbauernjahrtag 2021

Im festlich geschmückten Saal des Gasthofs Alpenglück in Weißbach an der Alpenstraße sprach Stanggassinger zu 120 Almleuten, Behördenvertretern und Ehrengästen. „Sogenannte Fachleute befassen sich mit der Entwicklung von Wolfsrudeln“, sagte er. „Aber schon unsere Vorfahren haben gewusst, dass dieser Beutegreifer für Viehhalter nicht zu tolerieren ist.“ Viele Menschen hätten „eine Vorstellung von Artenvielfalt, aber sie muss mit der Nutzviehhaltung vereinbar sein. Die Politik muss hier mehr Verantwortung übernehmen“.

Auch der erste Vorsitzende der AVO, Josef Glatz, bezog klar Stellung: „Die uneingeschränkte Verbreitung des Wolfes in unseren Regionen gefährdet die kleinbäuerliche Landwirtschaft“, sagte er und hinterfragte: „Warum klappt es in anderen Ländern gut, dass sich der Wolf ausbreiten kann und es keine Probleme gibt? Die Antwort liegt auf der Hand, denn in diesen Gebieten wurde die Landwirtschaft bereits aufgegeben.“ Das Aufziehen von gesundem Vieh, das Pflegen der Almen und die Erzeugung gesunder Lebensmittel sei die Arbeit der Almbauern. „Durchziehende Wölfe können wir nicht verhindern. Aber wenn die Tiere unsere Almen eingenommen haben, dann wird es schwierig mit dem Fortbestand der Almwirtschaft“, warnte Glatz. Die offiziellen Zahlen zum Wolfsbestand im Alpenraum hält er für zu niedrig. Der BBV-Kreisobmann des Berchtesgadener Landes, Georg Baumgartener, lobte die Arbeit der Almbauern als gelebten Umweltschutz und geleistete Heimatpflege. „Der Wolf gehört für mich in das Jagdrecht“, sagte er .

Kirchgang mit Blasmusik und Böllerschützen

Den Reden im Festsaal vorausgegangen war der traditionelle Kirchgang der Almleute: In Tracht, begleitet von Böllerschüssen und der Musikkapelle Weißbach unter Leitung von Peter Baueregger zogen die Teilnehmer vom Gasthof zur Pfarrkirche St. Vinzenz, wo Pfarrer Hans Krämer einen festlichen Gottesdienst hielt. Kirche und Festsaal hatten, wie schon 2019, der Senner Markus Nitzinger und seine Helfer liebevoll hergerichtet und mit Fuikln geschmückt.

Almbauernjahrtag Stanggassinger Glatz

Ein weiterer Brennpunkt für die Almbauern ist die aktuelle Situation der Fleischvermarktung. „Der Preis für unsere Produkte muss steigen, vom Idealismus können wir nicht leben“, sagte Kaspar Stanggassinger. Außerdem brauche es „ein leistungsfähiges Vermarktungszentrum“. Seit die Schneelast 2018 das Dach der örtlichen Vermarktungshalle eingedrückt hat, behilft man sich in Traunstein mit einem Zeltstall als Provisorium. „Das ist keine Lösung“, sagte Stanggassinger. Landrat Bernhard Kern pflichtete bei: „Wir müssen das forcieren, dass wir eine Versteigerungshalle in der Nähe haben, damit lange Transportwege entfallen.“

Weißbachs Bürgermeister Wolfgang Simon betonte die Bedeutung regional erzeugter landwirtschaftlicher Produkte zur Versorgung der Bevölkerung und prognostizierte eine Steigerung der Wertschätzung: „Wir müssen darauf achten, dass die Lebensart, die hier entstanden ist, nicht verloren geht.“ Auch der Geschäftsführer der Milchwerke Berchtesgadener Land, Bernhard Pointner, sagte: „Regionale Produkte werden ihren zweiten Frühling erleben.“ Milch aus den Bergregionen werde nahezu CO2-neutral produziert.

Eine große Sorge äußerte der Leiter der Landwirtschaftsschule Traunstein, Hans Zens. Es werde immer schwieriger, Nachfolger für die Vorstandsgremien verschiedener Verbände zu finden. „Die Verbandsarbeit muss neu überdacht werden“, sagte der Schulleiter. „Man muss sich als Bauer sonst nicht wundern, wenn man von außen gesteuert wird.“

Almbestoß im Berchtesgadener Land

Almfachberater Alfons Osenstätter hatte das Zahlenwerk zum Almbestoß mitgebracht, auch für das Jahr 2020, in dem der Almbauernjahrtag wegen Corona ausfiel. Bei Rindern und Milchkühen liegt das Berchtesgadener Land in Oberbayern an der Spitze: 2021 waren 1875 Rinder aufgetrieben worden, 257 Milchkühe, 3 Pferde, 214 Schafe und 10 Ziegen. 2020 lagen die Zahlen ähnlich, leider gab 26 Todesfälle bei den Tieren, sechs starben durch Blitzschlag. 2021 kamen 24 Tiere nicht mehr zurück ins Tal, eines erschlagen vom Blitz.