Gemeinschaftswerk

Kapelle: Maria Schnee über dem See

MariaSchnee3
Anja Kersten
am Donnerstag, 06.08.2020 - 10:16

Sechs Landwirte haben gemeinsam eine Kapelle in der Nähe des Ammersees gebaut, ihre große Schwester Maria Maggiore liegt in Rom.

MariaSchnee2

Es ist ein Ort zum Innehalten und zum Stillwerden. Hoch über dem Ammersee, im Schatten einer mächtigen Linde, steht in Aidenried (Lks. Weilheim-Schongau) die Kapelle Maria Schnee. Sie gehört zu sechs Höfen. Einer davon ist der Hof von Landwirt Hans Mayr. Nur ein paar Schritte ist die Kapelle von seinem Hof entfernt, der seit 1640 in Familienbesitz ist.

Warum die sechs Bauernfamilien das kleine Kirchlein gebaut haben, ist nicht bekannt, sagt er. Selbst Nachforschungen in jahrhundertealten Unterlagen, die seine Vorfahren sorgfältig aufbewahrt hätten, hätten keinen Hinweis ergeben. Lediglich eine Miteigentumsabtretung von 1878 liege vor. Aus der geht hervor, dass bei dem Bau alle sechs Bauern zusammengeholfen haben.

Den Baugrund unentgeltlich abgetreten

In dieser Urkunde erklären die Eheleute Joseph und Crescenz Mayr, den Baugrund für die Kapelle unentgeltlich abgetreten zu haben und mit den Berufskollegen Casian Hörner, Jacob Hörmann, Anselm Dusch, Mathias Bauer und Johann Mayr vor zwei Jahren gemeinschaftliche eine Kapelle errichtet zu haben. Diese sollen auch verbindlich ihre Besitznachfolger auf gemeinschaftliche Kosten unterhalten.
Das ist seit der Einweihung im Oktober 1876 so geblieben und Maria Schnee gehört seit fast 150 Jahren den Höfen mit den Hofnamen Fischerbauer, Schmidbauer, Thomabauer, Neubauer, Heinrichbauer und dem Schusteranwesen. Drei davon bewirtschaften derzeit noch ihren Bauernhof.
Durch Unterlagen belegt kann es nicht werden, aber der Altartisch und die Kirchenbänke, so wurde es jedenfalls von Generation zu Generation weitergegeben, sollen aus dem ehemaligen Ort Ramsee stammen. Das Dorf lag südlich von Herrsching, etwa sechs Kilometer von Aidenried entfernt und bestand um 1800 aus sechs Häusern. 1849 brannten drei Häuser ab, 1852 kaufte ein Spekulant das gesamte Dorf und verkaufte es Jahre später mit Gewinn an den Staat. Dieser ließ das Dorf bis auf die Kirche abreißen, pflanzte dort einen Wald und riss 1865 auch die Kirche St. Nikolaus ab.
Der Heilige ist der Schutzpatron der Seefahrer, erklärt Hans Mayr und zeigt auf die Wellenornamente an den Kirchenbänken in Maria Schnee. Diese waren genau wie der Altar ursprünglich länger und wurden durch Zuschnitt auf die Maße der kleinen Kapelle in Aidenried angepasst.

Auch Balken im Stadel stammen aus Ramsee

„Baumaterial war damals knapp“, weiß Mayr und ergänzt, dass auch in seinem Stadl Balken aus Ramsee stammen. Ob es für den Bau des Gotteshauses einen Architekten gab, ist heute nicht mehr zurückverfolgbar. Die Kapelle weist laut Mayr eine große Ähnlichkeit mit der Friedenskapelle in Andechs auf.
Geweiht wurde die neue Kapelle aber nicht mehr dem heiligen Nikolaus wie in Ramsee, sondern Maria Schnee. „Die große Schwester unserer Kapelle steht in Rom, heißt Maria Maggiore und ist einer der bedeutendsten Marienkirchen“, meint Mayr und zeigt auf ein Foto dieser Kirche, das er in der Kapelle aufgehängt hat.
Der Legende nach erschien Maria dem Papst im Traum und trug ihm auf, an jeder Stelle eine Kirche zu bauen, an der er Schnee vorfinden werde. Mitten im Rom, im Hochsommer schneite es am 5. August und der Papst baute 352 an dieser Stelle die Kirche Maria Maggiore.

Jedes Jahr wird eine Maiandacht gefeiert

In dem kleinen Kirchlein in Aidenried, in dem etwa 20 Gläubige Platz finden, wird statt des Patroziniums am 5. August jedes Jahr eine Maiandacht gefeiert. Auch jede Taufe in der Familie Mayr und sogar Hochzeiten wurden dort gefeiert. In ganz besonderem Glanz strahlt die Kirche an Weihnachten, nicht nur durch die Beleuchtung von draußen, sondern auch durch den liebevollen Schmuck im Inneren. Dieser liegt Austragsbäuerin Anneliese Mayr besonders am Herzen. An Heiligabend kommt die ganze Familie zum Singen und Beten in der Kapelle zusammen.
Ob Winter oder Sommer, die Kapelle ist, wie Hans Mayr und Birgit Anklam sagen, ein ganz besonderer Ort, ein Ort, an dem man Kraft tanken kann und bei einem Blick auf die Berge und den See auf der Bank vor der Kapelle zur Ruhe finden kann.