Vor Ort

Immer im Stress, aber happy

Johannes Groß am Traktor
Paul Kannamüller
am Montag, 15.11.2021 - 10:50

In Zeiten, in denen Hofnachfolger fast so schwer zu finden sind, wie Ehrenamtliche für Vorstandsämter, macht er beides: Besuch bei Johannes Groß, leidenschaftlicher Landwirt und Vorsitzender der Jungbauernschaft Oberbayern.

Wenn man wissen will, wie es dem Sohn geht, dann fragt man am besten die Mama, die gerade mit dem Auto in den Hof einbiegt, um ihre Einkäufe auszuladen. „Der Johannes ist immer im Stress“, sagt Maria Groß, während sie ihre Sachen ins Haus schleppt. Im Moment besonders, denn es gebe nämlich keinerlei Verbindung zur Außenwelt, „weil alle Leitungen tot sind“, vermutlich „irgendein Router kaputt“. Für einen dynamischen Junglandwirt ist das natürlich so eine Art „Worst Case“, also schlechtester Fall, weil Kommunikation auf allen Ebenen heutzutage fast so wichtig ist, wie das tägliche Brot.

Ansprechpartner für 1800 Jungbauern

Um die wichtigsten Dinge zu erledigen, fährt Johannes Groß jun. (28) nun zu Bekannten. Alle hoffen auf eine schnelle Reparatur, damit anfallende Büroarbeiten wieder am Betrieb erledigt werden können. Denn es sei ein „riesiger Bürokratismus“, mit dem sich Landwirte heutzutage herumschlagen müssten, sagt Groß, der in Priel bei Bergkirchen/Lks. Dachau den Haupterwerbsbetrieb der Eltern weiterführt.

Johannes Groß mit Kalb

Groß muss aber auch zwingend „online“ sein, weil er zudem noch Ansprechpartner für 1800 Mitglieder in 42 Ortsgruppen beim Bezirksverband der Jungbauernschaft Oberbayerns ist. Ende Oktober wurde er erneut zu deren Vorsitzenden gewählt (siehe Wochenblatt, Nr. 44). Seit 2018 bekleidet er das Amt und ist damit einer, von dem es eigentlich viel mehr bräuchte, wahrscheinlich nie genug geben kann: Einer, der zwar immer im Stress ist, als Landwirt sowieso, der sich aber trotzdem noch für andere engagiert, weil ihm die Landwirtschaft über den eigenen Hof hinaus wichtig ist.

Gerade ist Groß dabei, den Milchviehbetrieb zu erweitern, auf dem derzeit 35 Kühe stehen. Dabei stand er vor der nicht einfachen Frage, alles komplett neu zu bauen oder lediglich den Altbestand durch Neubauten zu ergänzen. Nach reiflicher Überlegung entschied er sich für die zweite Variante, die hinter dem alten Milchviehstall langsam Gestalt annimmt. Dort entstehen nun also eine Liegehalle mit Laufhof für 20 weitere Milchkühe und ein Abkalbe-Stall. Stück für Stück geht es voran, sodass im Frühjahr 2022 mit der Fertigstellung zu rechnen ist. Die Umbaulösung am Hof bezeichnet Johannes Groß als „sehr gute Lösung, weil ich nicht auf der grünen Wiese bauen wollte“. Vorausschauend habe er dieses Projekt in Angriff genommen, um langfristig als Landwirt überleben zu können.

Erste Milchtankstelle der Gemeinde

Groß hat den Hof vor drei Jahren von seinen Eltern übernommen, die nach wie vor mithelfen. Weitere Mitarbeiter gibt es nicht. Es ist einer der typischen bayerischen Familienbetriebe, die über Generationen immer wieder weitervererbt werden. „Es wird nicht langweilig“, sagt er, während er dem Reporter die Funktionsweise des Milchautomaten erklärt, der in einem kleinen Holzhaus untergebracht ist. Bereits 2015 richtete Groß diese erste Milchtankstelle der Gemeinde und die zweite im Landkreis Dachau ein, weil er schon damals einen Markt für Direktvermarktung sah. Das Milchhäusl hat quasi die Funktion eines Hofladens, in dem man sich selbst bedienen muss, wobei „erst was rauskommt, wenn man Geld einwirft“. Außer Milch gibt es Eier, selbst gemachte Marmelade und saisonale Produkte wie Kartoffeln.

Milchtankstelle Johannes Groß

Für ihn war immer klar, dass er einmal den Betrieb übernimmt, erzählt der Landwirt, der nach seiner Lehre auch noch die Meisterprüfung mit Erfolg abgelegt hatte – und da war er gerade einmal 22 Jahre alt. Seine ersten Runden mit dem Schlepper durfte der kleine Johannes im zarten Alter von neun Jahren in Begleitung seines Papas Johann drehen. Von da an war die Laufbahn in der Landwirtschaft mehr oder weniger vorgezeichnet. Mit 14 Jahren machte er dann eine Art Traktorführerschein, um hinaus aufs Feld fahren zu können.

Apropos Laufbahn: Stets blickte Johannes Groß über den Tellerrand des eigenen Betriebes hinaus, was ihn eines Tages auch zu einem sechsmonatigen, vom DBV vermittelten Auslandspraktikum in die USA führte. Gerne denkt er an den Aufenthalt in North Dakota im Norden der USA zurück, wo er mit ganz anderen Dimensionen der Landwirtschaft in Berührung kam als in Bayern oder Deutschland. Groß lässt es sich nicht nehmen, ein dickes Fotoalbum herzuzeigen, in dem all die Erinnerungen im Bild festgehalten sind.
Es handelte sich um eine Farm mit reiner Weidehaltung, auf rund 15 000 ha 900 Angus-Mutterkühe, die Tag und Nacht draußen verbringen. „Fleischlieferanten“ auf vier Beinen. Viel gelernt habe er in der Zeit, sagt Groß – und gern würde er noch mal die Farm in North Dakota besuchen, wo er auch Schneestürme und Tornados erlebt hat. Aber aus Priel kann er eigentlich überhaupt nicht weg: Überaus vielfältig gestaltet sich der Arbeitsalltag des Landwirts. Und auch die im Bezirksverband der oberbayerischen Jungbauern.

Für North Dakota leider gerade keine Zeit

Zusammen mit seiner Kollegin Barbara Weindl bildet Groß die Verbands-Doppelspitze, womit sich der Arbeitsaufwand in erträglichen Grenzen halte, aber „nicht ohne ist“. „Wir sind Ansprechpartner für alle Belange, die unseren Mitgliedern auf den Nägeln brennen“, sagt Groß. Das beginnt beim Besuch von Ortsgruppen-Versammlungen, geht über Agrarlehrfahrten bis hin zu Fortbildungen. Zum Aufgabenbereich gehört auch die Organisation des alljährlichen Bezirkslandjugendtags und die der Fahrt zur Grünen Woche nach Berlin, „für die wir schon Bus und Hotel reserviert haben“. Man sei „startklar“, betont der Bezirksvorsitzende, dem man anmerkt, dass er seine Aufgaben mit Freude angeht und sich natürlich auch darüber freut, dass er bei den jüngsten Wahlen mit großer Mehrheit wiedergewählt worden ist.

Die Landjugend sieht sich als große Familie, die den ländlichen Raum gestalten und erhalten will. Groß geht in seinen Aufgaben als Landwirt und Bezirksvorsitzender gleichermaßen voll auf. Nicht zuletzt sieht er die Erhaltung der bäuerlichen Familienbetriebe als „wichtige Aufgabe“, für die es sich zu engagieren lohnt. Und: „Man lernt immer wieder neue Leute kennen“, sagt Groß, der sich nach dem Besuch vom Wochenblatt gleich wieder an die Arbeit macht. Übrigens: Großes Aufatmen im Hause Groß, das Internet funktioniert wieder.