Regionalvermarktung

Ein Hofladen mitten in der Metropole

Kunde 1
Helga Gebendorfer
am Dienstag, 13.10.2020 - 14:38

Die Nachbarn sind drei große Firmen und ganz viele Städter. Georg Ostler war Zimmermann und führt nun mit seiner Tochter Natascha einen Hofladen mit warmer Küche in München. Da hat er viel zu tun.

Natascha in der Küche

„Es war nie geplant, dass wir selbst vermarkten“, sagt Georg Ostler. Im Jahr 2018 gab er seine Beschäftigung bei einer Baufirma auf und übernahm von seinem Freund Wilhelm Neuner den Hofladen in der Borstei, einer Wohnsiedlung in München-Moosach. Den Laden betreibt der gelernte Zimmerer mit seiner Tochter Natascha.

„Es war eine spontane Eingebung. Ich habe darin meine Zukunft gesehen, war überzeugt von dem Konzept mit vielen kleinen Vermarktern und Produkten mit gesicherter Herkunft“, erläutert er seine Beweggründe. Ostlers Freund Neuner gehört weiter ein Hofladen in Mittenwald. Der Landwirt aus Wallgau begann vor etlichen Jahren mit der Mutterkuhhaltung der regionaltypischen Murnau-Werdenfelser Rinder und setzt aktuell auf 50 Zuchttiere. „Unser gemeinsames Anliegen ist, diese alte, mittlerweile gefährdete Rasse nach vorne zu bringen – auch durch den Verkauf der eigenen Produkte“, sagt er.

Ostler ist Zimmerer und seine Frau Christine Bäckereifachverkäuferin. Die Landwirtschaft entdeckte der 52-Jährige vor 15 Jahren für sich – als seine drei Söhne drei Schafe mit nach Hause brachten. Im Laufe der Zeit wuchs die Tierhaltung auf dem Anwesen seiner Großmutter in Obernach. „Ich war dabei immer bestrebt, alte und gefährdete Nutztierrassen zu erhalten und zu fördern“, erzählt er.

Gefährdete Nutztierrassen sind sein Faible

2018 übernahm Ostler diesen großmütterlichen Betrieb nahe dem Walchensee und bewirtschaftet nun im Nebenerwerb 15 ha reines Grünland. Im Stall stehen 25 Mutterschafe der Rassen Werdenfelser Weißes Bergschaf, Geschecktes Bergschaf und Alpines Steinschaf, 20 Mutterziegen der Rasse Passeirer Gebirgsziege sowie Rinder der Rassen Murnau-Werdenfelser, Pinzgauer und Pustertaler Sprinzen. Im Sommer weiden die Schafe und Ziegen an der Isar und am Walchensee, wo sie als Teil des Naturschutzprogramms das Verbuschen verhindern.

In der Borstei in München ist eine Reihe kleiner Einzelhandelsgeschäfte – umringt von 750 Wohneinheiten. Der Hofladen Ostler erstreckt sich auf 100 m2. Schwerpunkt dessen ist die Metzgerei, wo Fleisch-, Wurst- und Speckwaren von Schwein, Rind, Lamm, Ziege, Wild und Geflügel verkauft werden. Dabei arbeitet Ostler eng mit der Metzgerei Weber in Lenggries zusammen. Hier werden seine selbst gezogenen Ochsen, Lämmer und Ziegen geschlachtet sowie der Rest der benötigten Erzeugnisse bezogen.

Dazu kommt Käse, Mehl, Müsli und der Honig darf auch nicht fehlen

Die zehn verschiedenen Käseerzeugnisse liefert der Biobetrieb Obermooser in Irschenberg, Molkereiprodukte die Hofmolkerei Zum Marx in Obersöchering, Mehl und Müsli kommen von der Off-Mühle in Sindelsdorf, Honig von einem Imker aus dem Landkreis und im Sommer Fisch vom Walchensee.

Fester Bestandteil ist weiter der tägliche Mittagstisch. Diese warmen Gerichte bereitet Tochter Natascha, gelernte Köchin, zu. Die Fleischzutaten dafür werden ebenso bei der Metzgerei Weber eingekauft. Die Feinarbeiten, wie Rouladen füllen oder Schaschlik stecken, werden selbst erledigt. Gekocht wird in der Gewerbeküche, die neben Verkaufsfläche, Kühlraum, Lager und Büro im Laden integriert ist. Den Wochenplan legen Vater und Tochter gemeinsam fest. Er hängt im Laden aus und ist auch im Internet zu finden. „Bei uns gibt es eine abwechslungsreiche, bayerische Küche.“

Drei große Firmen in der Nachbarschaft - das ist der Trumpf

Ein Pluspunkt ist die Nachbarschaft von drei großen Firmen, einige der Beschäftigten sind Stammgäste. Hofläden sind eine willkommene Alternative zum Supermarkt für Menschen, die Wert auf gesunde Ernährung legen und die wissen wollen, wo die Produkte herkommen. „Dabei hat regional tendenziell die Nase vor bio“, ergänzt Georg Ostler. Täglich werden 30 bis 35 Portionen warme Mahlzeiten vorbereitet, von 11 bis 14 Uhr angeboten. Je nach Gericht schwankt der Preis zwischen fünf und acht Euro. Weiter gibts Brotzeit wie Leberkäse, Braten und Schnitzel.

Aufgrund des schwankenden Bedarfs ist es schwierig, die tatsächlichen Verkaufsmengen abzuschätzen. Doch meist passt es am Ende des Tages – nicht zuletzt weil viele Kunden ihr Essen auch mit nach Hause nehmen. „Unser Vorteil ist sicher auch, dass wir uns durch Raritäten wie Lamm- oder Wildfleisch von anderen Metzgereien abheben, meint Ostler, der viel auf Werbung setzt, etwa im Anzeigenblatt und auf der Homepage. „Vor allem Mundpropaganda bedeutet mir viel“, erklärt er.

Seit einem Jahr auch Catering-Service

Vater und Tochter bewältigen die anfallende Arbeit in Vollzeit. Täglich pendeln sie 90 km einfach. Abfahrt ist um 6 Uhr früh und oft startet Natascha Ostler dann bereits mit dem Kochen. Seit fast einem Jahr bieten die Ladenbetreiber auch einen Catering-Service an. Auftraggeber sind Firmen oder Privatpersonen, die Veranstaltungen durchführen oder Feste feiern. Bis zu 60 Personen wurden in dem Rahmen angenommen.

Jeden Tag wird der vorhandene Warenbestand geprüft und gegebenenfalls aufgestockt. Dabei holen die Direktvermarkter die Fleisch- und Wurstwaren von der 40 km entfernten Metzgerei in Lenggries mit dem eigenen Kühlwagen selbst ab – entweder auf dem Nachhauseweg oder bei der Anfahrt am Morgen.

Noch viel Aufklärungsarbeit in der Stadtbevölkerung nötig

Als Aufgabe für die Zukunft sieht Ostler eine verstärkte Werbung nach außen, denn der Hofladen in der Borstei ist im Viertel doch etwas abgeschottet. „Wir müssen in der Stadtbevölkerung viel Aufklärungsarbeit über die landwirtschaftliche Produktion und Zubereitungsmöglichkeiten leisten“, stellt er fest.

Seit Beginn zeigt Ostlers Weg nach oben – mit der einen oder anderen Durststrecke. Braucht es doch gerade am Anfang viel Eigeniniative. Doch das Unternehmen „Hofladen in der Stadt“ hat sich positiv entwickelt. Ostler: „Ich bereue bis jetzt nichts. Die Vermarktung macht viel Freude, muss aber noch weiter ausgebaut werden.“
Top Themen:
  • Interview mit LfL-Präsident Jakob Opperer
  • Was kostet das eigene Kartoffellager?
  • Verbandskörung Süddeutsches Kalblut
  • Staatsforsten machen erstmals Minus
  • Der Herbst deckt den Tisch
  • Börsenkurs: Weizen springt über 200 Euro
Kostenfreies Probeheft Alle Aboangebote