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Schutz vor dem Wolf

Herdenschutzhunde: Ein Leben für die Herde

Anton Votz und Herdenschutzhund Cara
Barbara Höfler
am Donnerstag, 05.05.2022 - 09:28

Seit 10 Jahren halten Nicole und Anton Votz Herdenschutzhunde, die ihre Zuchtpferde vor dem Wolf beschützen – mitten im touristisch hochfrequentierten Almgebiet. Das Wochenblatt hat eine Besuch abgestattet - am ersten Tag einer unberechenbaren Weidesaison.

Nicole Votz Herdenschutzzaun

Als Nicole und Anton Votz den ersten Herdenschutzhund angeschafft haben, war der Feind noch nicht der Wolf. Damals häuften sich die Vorfälle auf der Almweide des Ruppenlehens in Ramsau. Gift wurde von Unbekannten ausgelegt, immer wieder stand das Weidegatter offen. Wer ihnen und ihren Pferden schaden wollte, wissen die beiden bis heute nicht. Doch zehn Jahre später sind sie gerüstet für den neuen Feind, den Wolf.

Nicole und Anton Votz zählen zu den wenigen Weidetierhaltern, die im Almgebiet bisher mit Herdenschutzhunden arbeiten. Für ganz Bayern sind dem LfU nur 38 solche Betriebe bekannt. Die beiden züchten Tinker und Minishetlandponys. Acht Muttertiere mit Fohlen und ein Hengst stehen auf 3 ha Almweide, komplett mit 5-litzigem Herdenschutzzaun gesäumt. Immer wieder galoppieren sie vor Freude los. Es ist der erste Tag auf der Alm nach dem Winter, den sie am Hof im Offenstall verbracht haben. In aller Frühe ging es heute von dort ca. 1 km rauf auf die Alm, wachsam begleitet von Kimi und Cara, den mächtigen Maremmanos, die die Pferde mit ihrem Leben beschützen würden – vor Mensch und Wolf.

Hunde stufen Bedrohung eigenständig ein

Nicole Votz Almhützte Ramsau Tinker

Wie die Hunde nach dem Auftrieb so daliegen, zu Füßen von Anton Votz, wirken sie absolut friedlich. „Nachts, wenn du hier rumläufst und wir nicht dabei sind, schaut das anders aus“, sagt er. Dann tun die Hunde ihre Arbeit, was bedeutet: Sie entscheiden eigenständig, ob eine Bedrohung für die Herde vorliegt. Falls ja, bringen sie 70 cm Schulterhöhe und 50 kg Masse ins Spiel, stellen sich zwischen Angreifer und Herde und bellen in so tiefem Ton, dass es noch unten im Dorf zu hören ist.

Wie weit die Hunde gehen würden, um die Herde zu beschützen, mussten sie noch nie zeigen. Drohen hat bisher immer gereicht, wenn – was nicht selten passiert – nicht angeleinte Hunde von Freizeittouristen durch den Herdenschutzzaun schlüpfen und kläffend auf die Pferde losstürmen. „Das Problem haben diese Hunde dann eher mit dem Stromzaun“, sagt Nicole Votz. Manches Herrchen oder Frauchen bekommt selber einen Schlag, beim Versuch, den eigenen Hund aus dem Zaun zu bekommen.

Wölfe gehen auch auf Pferde

Kimi war der erste Herdenschutzhund, den das Paar 2011 kaufte, im Rahmen eines LfU-Pilotprojektes zum Herdenschutz. Dass sie dabei mitmachen wollten, darin sahen manche Bauern eine Kapitulation vor dem Wolf, andere lachten. Wölfe gehen nicht auf Pferde, hieß es damals. Was sich als falsch erwies. Durch die Medien gingen zuletzt die Bilder der sechs gerissenen Pferden im Schermbecker Wolfsgebiet in NRW.

Herdenschutzhunde im Almgebiet

Herdenschutzhund Cara frontal
Herdenschutzhund Cara gegähnt
Nicole Votz und Tinker
Tinker mit Anton Votz
Nicole Votz und Minishettys
Minishetty Nicole Votz Farbwechsler

Auch bei Familie Votz schaute 2021, vier Tage vor Weihnachten, ein Wolf vorbei. Nicht der später in Tschechien überfahrene „GW2425m“, der wenige Kilometer weiter zu der Zeit zahlreiche Weidetiere riss, an dem Tag aber woanders zugange war. Ihre Hunde witterten einen anderen Wolf, ist Nicole Votz sicher. Noch Tage später sei die Pferdeherde beim geringsten Anlass „explodiert“. Eine der wertvollen Stuten, alle trächtig, sei fast kollabiert. Wo Wölfe auf Pferde gehen, ist der Schaden auch schon ohne Riss oft groß. Nicole und Anton Votz verbringen viel Zeit mit dem Ausmähen ihres kilometerlangen Herdenschutzzaunes. Nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn die Herde in Panik ausbricht.

Für die Projektleiter des LfU war ihr Betrieb gerade deshalb interessant, weil es damals noch keinerlei Erfahrung mit Herdenschutzhunden und Pferden gab. Ungünstiger hätten die Voraussetzungen dabei gar nicht sein können: Das Ruppenlehen liegt direkt an einer Hauptstraße, das Paar hatte drei kleine Kinder und eine Ferienwohnung – mit Gästen – im Haus. Das LfU vermittelte sie an Walter Hildbrand vom Herdenschutz-Kompetenzzentrum Oberwallis, ein Herdenschutzhundzüchter und Pionier. Er besuchte die Familie, sah sich alles genau an. Ein halbes Jahr später rief er an und sagte: „Ich habe den passenden Hund für euch.“

Nicht jeder Welpe ist geeignet

Nicht jeder Welpe eines Herdenschutzhund-Wurfes ist auch einer. „Es sind immer welche dabei, die zu gutmütig oder zu scharf sind“, sagt Nicole Votz. Ob sich ein Hund für Herdenschutz eignet, kann ein Laie nicht beurteilen. Problem: Aus einem untauglichen Hund wird nie ein tauglicher. „Erziehung in dem Sinn gibt es nicht“, sagt sie. Viele Hunde werden als Welpen einfach in die Herde geworfen. Das meiste ist Instinkt und individuelles Wesen. Wichtig ist dennoch, wie die „Integration“ verläuft, die Phase, in der der Hund sich als Teil der Herde identifiziert und bestenfalls Regeln verinnerlicht. Regel Nr. 1: Spring nie über den Zaun! Regel Nr. 2 am Betrieb Votz: Kämpfe gegen den Wolf, nie gegen Menschen!

Hier, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Nationalpark Berchtesgaden, ist diese Regel lebenswichtig. Mehr Freizeitdruck als hier geht kaum. Aber vom Hund darf niemals eine Gefahr für Wanderer, Mountainbiker oder Kinder ausgehen. „Die Haftung liegt immer bei uns“, sagt Anton Votz. Selbst dann, wenn sich nicht die Hunde, sondern die Touristen falsch verhalten. Trotz überall angebrachter Warnschilder.

Sozialisieren der Hunde ist zweijahrige Arbeit

Darauf, dass sie es mit viel Geduld und in je zweijähriger Arbeit geschafft haben, ihre Hunde so zu sozialisieren, dass sie unterscheiden zwischen freundlicher oder feindseeliger Annäherung, Wanderer und Eindringling, Wolf und Dobermann, sind sie stolz. Es gibt Herdenschutzhunde, die das nicht können und eine echte Gefahr für die Umwelt sind. Mit Sorge betrachten die beiden, dass mit dem Näherrücken der Wölfe zahlreiche Herdenschutzhunde unbekannter Eignung aus dem Ausland geholt würden. Wichtig sei, dass die Elterntiere aus arbeitenden Linien stammen und nicht nur rassetreu aussehen. Kimi musste im LfU-Projekt noch eine Eignungsprüfung in der eigenen Herde ablegen – Cara, die später aus Mecklenburg-Vorpommern kam, schon nicht mehr. „In vieler Hinsicht waren wir beim Herdenschutz vor zehn Jahren weiter“, bedauert Anton Votz.

Förderung gibt es nur unter gewissen Voraussetzungen

Staatlich gefördert werden bis heute nur die Anschaffungskosten pro Hund (Minimum zwei) zu je 3000 €. Und nur, wenn der Betrieb in der Förderkulisse liegt – Ramsau liegt nicht darin – sowie ab 50 Schafen oder einer zahlenmäßig „vergleichbaren“ Großvieheinheit. Familie Votz liegt darunter, wie fast jeder Weidetierhalter im kleinstrukturierten Almgebiet. Unterhalt, Tierarztkosten und Versicherungen verbleiben beim Halter, tausende Euro pro Jahr.

Das LfU ändert derzeit die Förderbedingungen. Wie sie danach aussehen, wer profitiert, ist noch offen. Würden sie, nach zehn Jahren Erfahrung, anderen den Einsatz von Herdenschutzhunden empfehlen? „Wir wollen unsere Hunde nicht mehr missen“, sagt Nicole Votz. „Aber es ist eine Mammutaufgabe. Ein Haufen Arbeit, ein Haufen Geld, sicher nicht die Lösung für jeden Betrieb, ganz sicher nicht für die Almen.“ Dafür seien die Bauern zu klein, das Gelände zu schlecht zäunbar, die Touristen zu viele. Und wohin mit den Hunden nach dem Almsommer? Auf dem Ruppenlehen können sie im Offenstall bleiben. Täglich Hundekot misten, hoffen, dass die Nachbarn das Bellen aushalten. „Mit damisch viel Herzblut geht’s. Aber rentiert es sich?“ Es wird sich zeigen, wenn der Wolf kommt.