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Beutegreifer

Auch Herdenschutzhunde sind Beute

Herdenschutz
Kilian Pfeiffer
am Mittwoch, 18.05.2022 - 10:00

Der Graubündner Biologe Marcel Züger warnt, beim Wolf die Fehler der Schweiz zu wiederholen.

Immer mehr Risse und eine Wolfspopulation, die sich alle zwei Jahre verdoppelt: Für eine konsequente Bestandsbegrenzung und ein striktes Wolfsmanagement setzt sich der Schweizer Biologe Marcel Züger ein.

Zuletzt sprach er auf Einladung der BBV-Kreisverbände Traunstein und Berchtesgadener Land über die Erfahrungen der Schweiz mit dem Wolf. An beiden Terminen wurden die anschließenden Diskussionen zum Teil sehr emotional geführt.

Jedes Jahr 30 – 40 % mehr Wölfe in der Schweiz

Marcel Zueger

Dass es in der Schweiz mit dem Herdenschutz gut läuft, wie es oftmals über das Vorzeigeland heißt, kann Marcel Züger nicht bestätigen. In den frühen 1980er Jahren war er selbst noch Naturschützer und trat für die „würdige Rückkehr“ der Wölfe ein. Heute sieht Züger, der Biologie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) studiert hat, das anders – und nicht nur für die Schweiz.

Züger stammt aus Salouf im Kanton Graubünden. Die dortigen Verhältnisse seien auf Bayern übertragbar, die Landschaft vergleichbar mit der rund um Berchtesgaden. Viele Almbauern, viel Kulturlandschaft, in Jahrhunderten geschaffen – und mittlerweile jede Menge Wölfe, seit sich in der Schweiz 2012 ein erstes Wolfsrudel gebildet hatte.

In Graubünden leben Züger zufolge heute mindestens zwölf Wolfspaare auf 7000 km². Die Rudelbildung sei in vollem Gange. „Es dauert nicht mehr lange, dann lebt er hier bald überall”, so Züger. Schon jetzt fände in der Schweiz eine Verdopplung der Population alle zwei Jahre statt, 30 – 40 % pro Jahr. „Da geht die Post ab“, sagte Züger. Solang, bis natürliche Kapazitätsgrenzen erreicht sind und der Wolf sich durch territoriales Verhalten selbst reguliert.

Für Züger ist die Schweiz nur früher dran als Bayern. Herumstreifende Vertreter im vergangenen Jahr in Traunstein und dem Berchtesgadener Land seien hier erst der Anfang gewesen. Eine Koexistenz zwischen Wolf und Landwirt im bayerischen Alpenraum? „Zu uns gehört er nicht“, meldete sich ein Almbauer entschieden zu Wort. „Wir könnten damit nicht umgehen. Der Wolf lässt sich nur mit aktiver, massiver Jagd in Bereichen regulieren, wo er nicht sein sollte.“

Eingezäunte Tiere sind gefährdeter

Ähnlich sieht das Züger. Die Landbewirtschaftung in Almregionen sei für die Biodiversität besonders wichtig. Ohne Eingriff treibe der Wolf die Entwicklung aber in die entgegengesetzte Richtung und bringe die ganze Almwirtschaft in Gefahr. Die Almbauern befürchten Tiermassaker, auch da, wo Weiden unter hohem Aufwand gezäunt werden können.

Weil Wölfe aus Beutereflex töten, seien eingezäunte Tiere sogar deutlich gefährdeter, so Züger. Der Wolf töte dort, bis sich nichts mehr bewegt. In einem Video zeigte Züger Wölfe, die über 1 m hohe Hindernisse aus dem Stand überspringen und noch deutlich höhere Zäune erklettern. „Unsere Tierhaltung und der Wolf passen einfach nicht zusammen.”

Auch Herdenschutzhunde sind Beute

Herdenschutz

In der Schweiz seien bereits jetzt viele Weidetierhalter am Ende, psychisch und physisch. Viele seien angespannt, müssten jeden Tag mit neuen Hiobsbotschaften auf der Weide rechnen. Gleichzeitig erhöhe sich das Arbeitspensum, weil Schafe zum Schutz häufig in Nachtpferche gebracht werden. Aber der Wolf sei außerordentlich schlau. In Frankreich hätten sich Wolfsangriffe auf den Tag verlagert, nachdem die Tiere nachts geschützt waren.

Auch Herdenschutzhunde sind Züger zufolge keine Lösung. Ihre Zahl müsste deutlich erhöht werden, wenn die Wolfspopulation weiter wächst. Vor einem solchen „Wettrüsten“ warnte der Referent. „Wir würden die Tiere in den Krieg schicken.“ Wenn ein Rudel komme, sei „alles potenzielle Beute”, auch Herdenschutzhunde.

Wolf und Tourismus - mehr als fraglich

Maximal zwölf Rudel sind für die Schweiz in Zügers Augen tragbar. Diese müssten überwacht werden mit Sendern. Ein enormer Aufwand, aber besser als eine unkontrollierte Vermehrung des streng geschützten Raubtieres in einer eng strukturierten Landschaft wie jener der Schweiz.

Ohne Kontrolle droht Züger zufolge die Zerstörung der Artenvielfalt der Schweizer Kulturlandschaft. Ähnliches befürchtet er auch für Bayern, eine „Laissez-faire-Politik” samt erschöpfter Landwirte, ständiger Anspannung und „reduziertem Tierwohl”. Der Weg, auf dem sich die Politik befinde, führe ins Chaos. Noch gebe es in keinem einzigen Land ein „vernünftiges Wolfsmanagement, nirgends eine Koexistenz”.

Den Wolf in die Kulturlandschaft zu integrieren, das sei „noch nie in der Menschheitsgeschichte gelungen“, so Züger. Wie Wolf und Tourismus parallel existieren könnten, sei mehr als fraglich.

Sein Fazit: „Es muss eine Null-Toleranz-Schutzjagd wie in Frankreich geben. Die auffälligen Tiere müssen weg.“ Dazu müssten „sämtliche technischen Hilfsmittel zugelassen“ werden. Nur so lerne der Wolf, sich von Nutztier fern zu halten.

Wenn nicht bald Lösungen für das Wolfsproblem gefunden würden, „hört ein Haufen Landwirte auf”, prognostizierte Bezirksalmbauer Kaspar Stanggassinger. Auch Margit Weindl, Jagdpächterin im Revier Schönau, befürchtet Schlimmstes für die Landwirtschaft: „Mit Geld ist das alles nicht bezahlbar“, sagte sie. „Landwirte schmerzt es, wenn sie über Jahre geschädigt werden.“

Einen offensiven Weg aus dem Dilemma schlug Helmut Grassl aus Berchtesgaden vor: „Ich verstehe nicht, dass ihr euch Zäune und Hunde aufoktroyieren lasst“, sagte er zu den Anwesenden. „Ihr solltet den Ball zurückspielen und den Schutz vor dem Wolf von der Politik einfordern!”