Regionales Saatgut

Grünland: Elektrokäfer hat Hunger auf Saatgut

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Externer Autor
am Dienstag, 25.08.2020 - 09:57

Bis Anfang September noch erntet der E-Beetle des Landschaftspflegeverband Traunstein Wiesenblumensamen, die auf anderen Flächen ausgebracht werden.

Über diesen Anblick wird in Zukunft noch so mancher Passant staunen: Wie einen großen Rasenmäher ohne knatternden Motor schiebt Sigrun Thaler vom Landschaftspflegeverband Traunstein (LPV) einen silberfarbenen Kasten über eine Wiese, das Gras dahinter ist aber nicht gemäht. Dank des Elektromotors fährt das Gerät auch fast geräuschlos steilere Hänge hinauf. „Das ist unser neuer E-Beetle, auf deutsch Elektrokäfer“, erklärt Jürgen Sandner, der Geschäftsführer des LPV, der am Rand der Wiese steht und die Pflanzenarten der Wiese notiert. Geerntet werden damit die Samen typischer heimischer Wiesenblumen, die früher weit verbreitet waren, heute aber nur noch auf wenigen Restflächen wachsen, die nicht oder allenfalls gelegentlich mit Festmist gedüngt werden. „Die verbreitete Gülledüngung in Verbindung mit einer mehr als dreimaligen Mahd pro Jahr ist der Tod jeder Blumenwiese“, sagt der LPV-Geschäftsführer. Den Sammelbehälter des E-Beetle leeren die beiden Landschaftspfleger über großen Stofftüchern am Rande der Wiese aus, auf denen die gewonnenen Samen und Blütenstängel vortrocknen können. Danach muss das Erntegut noch zwei bis drei Tage in einem luftigen Raum nachtrocknen, bevor es in alte Bettlaken oder Kissenbezüge gesteckt oder Pappkartons gefüllt wird, in denen bis zum Aussattermin im Herbst oder Frühjahr aufbewahrt wird.

Private und öffentliche Spenderflächen

Der LPV gewinnt das Saatgut von ausgewählten privaten und öffentlichen „Spenderflächen“ in den vier Naturräumen des Landkreises Traunstein, dem Inn-Chiemsee-Hügelland, dem Salzach-Hügelland, der Alzplatte und den Chiemgauer Alpen. Je nachdem, ob es sich um eine zweischürige ungedüngte Heuwiese, einen üblicherweise im Spätsommer nur einmal pro Jahr gemähten Halbtrockenrasen oder um eine im Herbst gemähte Streuwiese auf Moorböden handelt, wird geerntet – immer dann, wenn die meisten der für die jeweilige Wiese typischen Pflanzenarten reife Samen ausgebildet haben.
So wird der E-Beetle des LPV noch bis Anfang September bei trockenem Wetter im Einsatz sein, um mit seiner Bürste die Samen von Glockenblumen, Echtem Labkraut, Heil-Ziest, Zittergras & Co. zu gewinnen.
Der LPV dankt den Landwirten im Chiemgau und Rupertiwinkel, die die Samenernte auf ihren außergewöhnlich artenreichen Wiesen ermöglichen.

Großzügige Spende von der Bank

„Das 23 000 € teure Spezialgerät aus der Schweiz hat uns die VR meine Raiffeisenbank komplett aus den Erlösen des Gewinnsparens finanziert, wofür wir uns ganz besonders bedanken, denn eine Spende in dieser Größenordnung haben wir noch nie erhalten“, betonte LPV-Vorsitzender Markus Fröschl bei einem Ortstermin im Naturdenkmal „Wacholderheide bei Unteröd“ in der Nähe von Tittmoning, wo kürzlich der E-Beetle im Einsatz gezeigt wurde. Auf dem artenreichen Kalkmagerrasen konnten sich auch Vorstand Franz Hofmann von der VR meine Raiffeisenbank eG, Christian Homeier vom Gewinnsparverein Bayern e. V., Kreisfachberater für Gartenkultur und Landespflege Markus Breier sowie Dr. Birgit Seeholzer von der Wirtschaftsförderung GmbH des Landkreises Traunstein ein Bild von der schweißtreibenden Samenernte mit dem E-Beetle machen.

Mageres Dauergrünland aufpeppen

Die Ernte von regionalem Saatgut ist deshalb so wichtig, weil in jedem Naturraum die Wiesen unterschiedliche Kombinationen von Pflanzenarten aufweisen und manchmal auch besonders seltene Arten der Roten Listen beherbergen. „Und genau diese Artenkombination wollen wir auf die Empfängerflächen, die in der Nähe der Spenderflächen liegen sollten, übertragen“, so Sandner. Manchmal handelt es sich bei den Empfängerflächen um Ausgleichsflächen für Bauvorhaben, auf denen nach entsprechender Bodenvorbereitung artenreiche Wiesen neu begründet werden sollen, in derselben Gemeinde, in der auch die Spenderwiesen liegen.
Ein anderes Mal verwendet der LPV das Erntegut des E-Beetle dazu, um bestehendes Dauergrünland, das seit einigen Jahren ausgemagert – d. h. gemäht, aber nicht mehr gedüngt – wurde, mit Wiesenblumen „aufzupeppen“.
Ziel ist immer, den Anteil blütenreicher Wiesen in der Landschaft zu erhöhen und damit auch Lebensräume für Insekten zu schaffen, also ganz allgemein die Biodiversität im Grünland zu erhöhen.

Lokale Besonderheiten für die freie Landschaft

Handelsübliche Blühwiesenmischungen enthalten oft nichtheimische Arten und sind daher allenfalls für den Siedlungsbereich, nicht aber für die freie Landschaft geeignet. Es gibt zwar auch Saatguthersteller, die in ihren Mischungen ausschließlich heimische Arten verwenden und diese in verschiedenen Gebieten Bayerns ernten. Diese sog. Regiosaatgut-Mischungen enthalten aber oft nur die häufigen heimischen Wiesenblumen und nicht die lokalen Besonderheiten oder seltenen Arten, die für die jeweiligen Naturräume des Landkreises typisch sind. Zum anderen sind derartige Regiosaatgut-Mischungen für bestimmte Regionen Bayerns, z. B. das Voralpenland und den Alpenraum, zurzeit nicht lieferbar. Auch der LPV Miesbach setzt auf das „Wiesenkopierverfahren“, wie sie es nennen.Gemeinsam mit Flächeneigentümern, Landwirten, Kommunalvertretern und Bauhöfen erarbeitet der Verband im Oberland unterschiedliche Maßnahmen im Projekt „Miesbacher Wiesen schaffen Vielfalt“.