Dorfgemeinschaft

Gebäude wieder mit Leben erfüllt

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Helga Gebendorfer
am Donnerstag, 15.11.2018 - 12:40

In Langenpreising reagierte die Dorfgemeinschaft auf das Lädensterben und betreibt seither in einem ehemaligen Bullenstall einen Nahversorgungsladen.

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Den „Oberwirt“, eine Gast- und Landwirtschaft in der Ortsmitte von Langenpreising im Landkreis Erding, gibt es schon seit 125 Jahren. Zum Anwesen gehören 28 ha LN und 4 ha Wald. 1991 übernahm Johann Daschinger den Hof von seinen Eltern und betrieb noch zehn weitere Jahre den Ackerbau. Die Bullenmast wurde 1997 aufgegeben und die Gastwirtschaft wurde zum Lebensmittelpunkt. Doch dann kam es zu einem Engpass bei den Arbeitskräften, denn die Eltern verstarben und Daschingers Partnerschaft ging in die Brüche. „Die Arbeitsbelastung wurde mir letztendlich zu viel und so entschloss ich mich zur Umstrukturierung“, erzählt der 56-jährige Landwirt und Vater von zwei erwachsenen Töchtern. So sind die landwirtschaftlichen Flächen seit 2008 und die Gastwirtschaft seit 2011 verpachtet. Was blieb, ist das landwirtschaftliche Gebäude mit dem ehemaligen Bullenstall, in dem sich von 1999 bis 2006 ein Getränkemarkt befand.

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Vor fünf Jahren gründete die Gemeinde den Arbeitskreis „Handel, Wirtschaft und Gewerbe“, bei dem Johann Daschinger Mitglied wurde. In diesem Gremium reifte der Gedanke, einen Dorfladen einzurichten. Hintergrund war die Schließung des örtlichen Spar-Einkaufsmarktes 2014. Für das Projekt war das teilweise leerstehende Altgebäude die ideale Voraussetzung. Als Vorbild diente dabei der kurz zuvor eröffnete Dorfladen im nahegelegenen Haag an der Amper (Lks. Freising). Als erstes wurde mit dem Dorfladenbrater vom Dorfladen-Netzwerk Verbindung aufgenommen und anschließend zu einer Infoveranstaltung für alle Bürger eingeladen. „Die Rückmeldung war so gut, dass wir eine Machbarkeitsstudie in die Wege leiteten und Fragebögen an alle Dorfbewohner verteilten“, blickt Daschinger zurück und weist darauf hin, dass die Bevölkerung somit eng in das Vorhaben eingebunden wurde. Auf dieser Grundlage fiel dann maßgeblich auch die Entscheidung zur Durchführung des Projekts. „Allerdings war klar, dass der Laden nicht nur Verkaufsstätte sein soll, sondern einen zusätzlichen Nutzen für die Gäste in Form eines Cafés mit zentralem Treffpunkt sein sollte.“
Um die Investitionssumme von 90 000 € zu stemmen, wurde eine klassische Unternehmergesellschaft (UG) mit stillen Beteiligten ins Leben gerufen. Von den 2800 Einwohnern in Langenpreising sind momentan rund 240 Mitglieder. 70 bis 80 % von ihnen haben einen Anteil von 250 € gezeichnet. Schon bei der Gründungsversammlung kam ein Grundstock von 30 000 € zusammen und nachfolgend konnten weitere Bürger gewonnen werden.

Der große Tag

Am 4. Juni 2016 wurde der Laden, der zum größten Teil in Eigenleistung eingerichtet wurde, eröffnet. Das Geschäft ist 220 m2 groß und wird von acht bis neun Verkäuferinnen im Alter von 20 bis 60 Jahren betreut. Leiterin dieser Gruppe ist Ursula Rieger. Während sie und eine Kollegin 30 Stunden beschäftigt sind, arbeitet eine Dame in Vollzeit und eine weitere 20 Stunden. Die verbleibenden Kräfte sind auf 450-€-Basis angestellt. Darüber hinaus steht ein Heer von Ehrenamtlichen im Hintergrund, die etwa für die Warenanlieferung oder den Wäschedienst zur Stelle sind.
Ziel ist ein Mischkonzept mit Unterscheidung zu Aldi, Lidl & Co. Es gibt ein Grundsortiment mit Markenartikeln, aber auch günstige Waren. Freilich haben Regionalität und Saisonalität ein starkes Gewicht: So deckt ein mittelständischer Großhändler als Hauptlieferant das Trockensortiment ab. Obst und Gemüse stammen vom Großmarkt und von einem Bio-Landwirt aus dem Nachbarort. Backwaren liefern zwei Bäckereien aus der Region und Eier ein Bio-Landwirt aus dem Nachbarort. In der Saison gibt es Erdbeeren und Spargel direkt vom Bauern in der Nähe, an Kirchweih Enten. „Insgesamt werden wir von 29 Lieferanten bedient“, rechnet die Verkaufsleiterin vor. Im Durchschnitt begrüßen die Betreiber 200 bis 300 Kunden täglich, schwerpunktmäßig aus dem Ort und Umgebung, aber auch viele Handwerker. Der Hauptverkaufstag ist eindeutig der Samstagvormittag. Die Kunden schätzen das Persönliche, das breite Sortiment sowie die guten Parkmöglichkeiten vor der Tür.
Ein Pluspunkt ist auch das Café, das sich mittlerweile zum sozialen Treffpunkt entwickelt hat. Es bietet Platz für 20 bis 30 Gäste und lockt mit sieben Frühstücksvarianten und mit frisch gebackenen Kuchen zum Nachmittagskaffee. Hauptverkaufsprodukte sind die Backwaren, die rund ein Drittel des Umsatzes ausmachen. Zum Renner haben sich die „Kaspressknödel“ entwickelt. Aber auch die Brotzeittheke mit Sandwiches oder selbstgemachten Fleisch- und Nudelsalaten ist sehr gefragt.
Der Dorfladen hat sich zu einem Netzwerk entwickelt. Es werden Kontakte gepflegt sowie Hilfe und Unterstützung vermittelt. Die Langenpreisinger sind heute froh, dass sie diesen Weg eingeschlagen haben. „Nach einer Anlaufphase sind wir zufrieden, wie sich alles entwickelt hat. Unsere Erwartungen sind mehr als erfüllt worden. Luft nach oben ist natürlich immer“, fasst Geschäftsführer Michael Brandt zusammen. Beim Blick in die Zukunft wünscht er sich, dass die wirtschaftliche Basis weiter gestärkt wird. „Vielleicht sogar über eine schwarze Null hinaus“, hofft er. Grundsätzlich sind die Ladenbetreiber offen für neue Projekte. So können sie sich etwa vorstellen, einen Mittagstisch anzubieten.

Das Gebäude mit 800 m2 und zwei Etagen ist mittlerweile gut vermietet. Neben dem Dorfladen, in dem auch eine Postagentur betrieben wird, sind weitere Geschäfte, Praxen und Wohnungen vorhanden. „Ich bin froh, dass das alte Gebäude wieder mit Leben erfüllt ist. Auf diese Weise bleibt mit der Nutzung sein besonderer Charakter erhalten“, freut sich Johann Daschinger.

HG