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Politisches Großereignis

G7-Gipfel: Ausnahmezustand für die Bauern in der Region

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Antonia Reindl
am Montag, 20.06.2022 - 07:01

Schloss Elmau ist zum zweiten Mals Austragungsort des G7-Gipfels. Wie Garmischer Bauern sich für den Ansturm der Delegationen und Demonstranten bei dem Großereignis im Juni wappnen.

Seit beschlossen ist, dass der G7-Gipfel ins Schloss Elmau zurückkehrt, hat Krüns Bürgermeister Thomas Schwarzenberger „gemischte Gefühle“. Es schlagen „zwei Herzen in meiner Brust“, sagt er. Auf der einen Seite sei es eine Ehre, dass Krün – als erster Ort überhaupt – zweimal hintereinander für das Treffen der größten Industriestaaten der westlichen Welt gewählt worden sei. Beim letzten Mal trank Schwarzenberger vor dem Rathaus alkoholfreies Weißbier mit Angela Merkel und dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama.

Große Zahl an Demonstranten erwartet

Auf der anderen Seite sorgt der Bürgermeister sich dieser Tage, wie alle Garmischer, um das, was da noch kommen möge: Demonstrationen, deren Ausmaße nicht berechenbar seien – beim letzten Mal waren es 3600 Demonstranten, vor allem Gipfelgegner und Klimaschützer.

Diesmal hat die Polizei auch Querdenker mit ihren „gewaltbereiten und sicherheitsgefährdenden, demokratiefeindlichen Bestrebungen“ im Visier. 20 000 schwer bewaffnete Einsatzkräfte mitten im Landkreis, das reichte 2015, diesmal werden es noch mehr. Auch, weil der G7-Gipfel 2022 vom Krieg in der Ukraine überschattet wird. Das Gipfeltreffen sei gerade deshalb „nie wichtiger“ gewesen, sagt Schwarzenberger mit einem seiner zwei schlagenden Herzen.

Viele ha landwirtschaftliche Fläche werden in Mitleidenschaft gezogen

Klaus Solleder BBV

Garmisch bereitet sich auf den absoluten Ausnahmezustand vor. Und auch für die Landwirte vor Ort werden die Tage vor und nach dem Gipfeltermin vom 26. – 28. Juni eine Extremsituation. Das Treffen der internationalen Staatselite „fällt bei uns relativ voll in die Erntezeit“, sagt der Garmischer Kreisobmann Klaus Solleder gerade heraus, wie es nun mal aus Perspektive eines Bauers ist. Zufahrten zu einigen landwirtschaftliche Flächen und Wiesen werden wieder gesperrt, andere für das große Gremiumstreffen und das nicht minder große Drumherum gebraucht, für Sicherheitsbereiche, Pressezentrum, Hubschrauberlandeplatz.

Über wie viele Hektar man hier spricht und auch, wie viele Landwirte direkt betroffen sind, weiß zur Stunde keiner so genau. Das Landratsamt hat darüber „noch keinen Überblick“, teilt ein Sprecher auf Anfrage mit. Wie auch schon beim G7-Gipfel 2015 sollen aber „grundsätzlich so wenige Flächen wie möglich betroffen sein“, heißt es. Im Vorfeld hat es dazu schon Gespräche mit Involvierten und Tangierten gegeben – und wird es auch weiter geben, sagt Solleder.

Polizei führt die Grundstücksverhandlungen

Die Polizei führt die Grundstücksverhandlungen mit jedem Eigentümer selbst und schließt mit ihm die Pachtverträge. Das war schon beim G7-Gipfel 2015 der Fall, nun dürfte zumindest die bürokratische Arbeit leichter sein, denn die Flächen sind ja schon festgehalten. Und auch, wenn dem Landratsamt zur Stunde auch keine genaueren „Regularien zu etwaigen Entschädigungen“ bekannt sind, ist jetzt schon gewiss: „Den Bewirtschaftern soll kein finanzieller Nachteil entstehen“, weiß Kreisobmann Solleder.

Natürlich braucht es in der Vorbereitung „einen Haufen Schadensschätzer“. Diese sollen, erklärt Solleder, nach dem Gipfel schauen, ob auf den Feldern die Grasnarbe beschädigt wurde, ob noch Futter zu gewinnen ist oder „ob die Wiese ausschaut wie ein Kartoffelacker“. Im Vorfeld werden diese Schätzer auch geschult. Aus der Vergangenheit habe man gelernt, sagt der Landwirt. Unter anderem auch, wie man Schäden korrekt ablichtet. Begangen wurden einige Flächen an zwei Tagen bereits, um den Ist-Zustand festzuhalten.

Pachtpreis variiert von Fläche zu Fläche

Im Vorfeld sind auch andere Punkte schon geklärt worden, etwa die Höhe des Pachtpreises, die von Fläche zu Fläche variiert. Schließlich macht es einen Unterschied, ob der Absperrzaun eine Fläche nur am Rand berührt oder diese komplett durchkreuzt. Als Kreisobmann setzte Solleder sich dafür ein, dass die Grundstücksbesitzer nicht alleingelassen werden. Unter den Landwirten „soll nicht das Gefühl aufkommen, dass die Leute kommen und gehen“ – und dann die Bauern mit ihren zerstörten Flächen sitzen lassen. Dass das klappt, davon ist Solleder schon überzeugt, andernfalls „würden wir eine schlechte Arbeit machen“, sagt er. Unter anderem sollen die Absperrzäune als erstes da abgebaut werden, wo zeitig gemäht werden muss.

Vieles ist für die Landwirte schon geregelt. Manches aber lässt sich im Vorfeld nicht regeln. Etwa die zu erwartenden Demonstrationen. Weniger in Elmau rechnet Solleder damit, denn rund ums Schloss gelten großräumige Sicherheitszonen. Das Hauptzentrum werde eher Garmisch-Partenkirchen sein, fürchtet er, „vielleicht noch Mittenwald“. Dass dann „unvorhersehbare Schäden, die unkalkulierbar sind“ entstehen, wäre nicht nur für Solleder „der Worst Case“.

Man muss dem ins Auge schauen

BBV-Ortsobmann Josef Sailer

Josef Sailer denkt an das, was da kommen möge, mit der wohl einzig richtigen Einstellung: Pragmatismus. „Man muss dem ins Auge schauen“, sagt der BBV-Ortsobmann von Garmisch-Partenkirchen, wenngleich „man das schon mit Argusaugen beäugt“. In der Region gebe es eine sehr „kleinstrukturige Landwirtschaft, zum Teil kleinststrukturig“, sagt Sailer. Die Beziehung zum Boden sei da emotional. Als bekannt wurde, dass die Politiker abermals ins Schloss Elmau ziehen, sei er sofort aktiv geworden, erzählt der Ortsobmann. Er suchte den direkten Draht zu den verantwortlichen Stellen, „ein Riesenapparat“. Sein Credo von Anfang an: Das Ganze „positiv zu begleiten“. Sailer wird selbst einen Teil seiner Flächen am Hausberg zur Verfügung stellen.

Sailer war 2015 in der Schadensregulierung eingebunden. Da „haben wir uns abgerackert“, erinnert er sich an all die Grundstücke, die er damals unter die Lupe nehmen musste – und dementsprechend auch selber ablaufen. „Bergauf, bergab“ sei es gegangenen. Eine große Anstrengung, die sich aber gelohnt zu haben scheint. 2015 hielten sich die Schäden in Grenzen, sagt Sailer. Hauptsächlich Kollateralschäden, „nur ein paar Totalschäden“ an Feldern und Fluren. Für die gab es dann dank guter Fluraufnahme im Vorfeld hinterher eine würdige Entschädigung.

Der Zeitpunkt des Gipfeltreffens ist dennoch nicht gerade optimal, zumindest nicht für Landwirte. Stichwort: Schnitt und Ernte. Der Besuch der Staatschefs „fällt in eine Zeit, in der man viel zu tun hat“, sagt Sailer. Unklar ist noch, wann und wie in Partenkirchen Tiere auf die Alm geführt werden können. Der G7-Gipfel fällt in die Zeit des Auftriebs. Was die Partenkirchener angehe, so müsse dieser wohl um eine Woche verschoben werden, meint Sailer.

In Garmisch werde es dagegen vermutlich nur kleinere Verzögerungen geben. „Man wird sich schon drumrumschlängeln können“, meint er in Hinblick auf die zu erwartende Verkehrslage und den Absperrungs-Slalom. Noch ist etwas Zeit zum Planen, aber nicht mehr viel.

2015 war friedlichster Gipfel aller Zeiten

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Als Sailer zum ersten Mal von der Rückkehr des G7-Gipfels in seinen Ort erfahren hat, war sein erster Gedanke, „wir waren zu brav“, erzählt er augenzwinkernd. Tatsächlich bestätigt dem Landwirt das die Statistik, wie mit Stolz auch Landrat Anton Speer noch weiß. „2015 war der friedlichste G7-Gipfel aller Zeiten“, sagt er, „und ich hoffe sehr, dass auch der kommende Gipfel wieder so friedlich wird“.

Speer ist selbst Landwirt im Nebenerwerb. Dass der Betrieb für die Bauern im Landkreis weitergehen kann und die von ihnen verpachteten Flächen auch nach dem Gipfel noch bewirtschaftbar sind, war dem Landrat schon von daher wichtig. Vor sieben Jahren seien „wenig landwirtschaftliche Schäden zu verzeichnen“ gewesen – „Dank der Umsicht aller Akteure“.

Speer lobte nach dem Großereignis 2015 die hohe Kooperationsbereitschaft zwischen den Gipfelgegnern und der Polizei. Ein Grund, warum die Demonstrationen so friedlich verlaufen seien, sei „sicher auch die Herzlichkeit der Einwohner und der Einsatzkräfte, das schöne Wetter und die schöne Landschaft“ gewesen, sagte der Landrat damals der Zeitung „Die Welt“.

Mehr Konflikte für 2022 erwartet

Zum Gipfel 2022 haben sich die Konflikte nun deutlich verschärft, vor allem die um den Klimawandel, neu dazu kam Corona, mit neuer Dringlichkeit Flüchtlingsfragen – und Sicherheitsfragen wegen dem Krieg Russlands gegen die Ukraine, auch in Garmisch vor Ort. Dass das Treffen nicht Ohne sei wird, daraus macht auch Speer keinen Hehl. Er sieht „eine große Herausforderung für den Landkreis Garmisch-Partenkirchen“ – aber keine unüberwindbare.

Ein Gutes bringt ein solcher Gipfel für die Bevölkerung, die ihn letztlich aushalten muss: Läuft alles glatt, ist das die beste Werbung. Wann sonst erfährt die ganze Welt von Krün? Bezirksbäuerin Christine Singer, auch Kreisbäuerin von Garmisch, war 2015 mit den Landfrauen im Pressezelt unterwegs. „Wir san mit Körberl rumgegangen“, erinnert sich die Hofheimerin, mit lauter Spezialitäten aus der Region, „Kas und Kaminwurzn“ und dazu Broschüren mit Infos zur Landwirtschaft in Oberbayern. Bei den rund 2000 Journalisten sei die Aktion „sehr gut angekommen“, sagt Singer zufrieden.

Heuer klappe das „aufgrund der kurzfristigen Planung“ und wegen den Corona-Auflagen leider nicht. Hier zeigt sich ein Vorteil für den doppelten Gipfelstandort Krün: Über die Leistungen der oberbayerischen Landwirtschaft weiß der internationale Journalismus im Pressezelt zum Glück noch von 2015 Bescheid.