Termin mit Landrat

Von Exportstopp bis Schweinestau

Dietmar Fund
am Montag, 25.01.2021 - 12:18

Der Mühldorfer Landrat Max Heimerl stellt sich landwirtschaftlichen Fachthemen. Sein Rat: Aufmerksamkeitsschwelle in Medien überschreiten. Sein Versprechen: konstruktive Zusammenarbeit.

Mühldorf

Die Bekämpfung der Corona-Pandemie und die ersten Impfungen sind derzeit auch für den Landrat des Kreises und sein Gesundheitsamt das alles beherrschende Thema.

Das machte der Mühldorfer Landrat Max Heimerl beim ersten online durchgeführten Landratsdialog deutlich, den Veit Hartsperger als Leiter der Töginger Geschäftsstelle des Bayerischen Bauernverbands (BBV) organisiert hatte.

Über die bayernweit verwendete Konferenz-Software des BBV zugeschaltet waren insgesamt 44 Teilnehmer, vornehmlich Ortsbäuerinnen und Ortsobmänner sowie der Kreisvorsitzende Ulrich Niederschweiberer, sein Stellvertreter Gerhard Langreiter und Kreisbäuerin Anna Senftl.

Eine Nachfrage aus dieser Runde lenkte den Landrat, der unter anderem von Nachtschichten mit dem Leiter seines Gesundheitsamts berichtet hatte, auf einen landwirtschaftlichen Aspekt der Pandemie: die Schließung der Schlachthöfe in Ampfing und Waldkraiburg, die zu einem Stau in den Ställen geführt hat. „Die Zusammenarbeit mit beiden Schlachthöfen funktioniert hervorragend“, berichtete Heimerl. „Beide haben ihre Mitarbeiter immer wieder durchgetestet. Der Waldkraiburger Schlachthof hatte von Anfang an ein gutes Hygienekonzept. Er hat alle Mitarbeiter und Urlaubsrückkehrer einmal wöchentlich getestet und testet sie inzwischen sogar mehrmals pro Woche.“ Dennoch habe man den Betrieb herunterfahren und die Zerlegung schließen müssen. Problematisch seien gar nicht die Arbeitsplätze, sondern eher Pausenräume und Duschen. Massenunterkünfte gebe es im Landkreis nicht. Die Mitarbeiter von Schlachthöfen vorrangig zu impfen, sei rechtlich nicht möglich. Die Frage von Kreisobmann Ulrich Niederschweiberer, wann die Zerlegung wieder öffnen werde, konnte der Landrat nicht beantworten.
Ferkelzüchter Gerhard Langreiter schilderte Heimerl, dass er seine Ferkel nun bis zu einem Gewicht von 40 statt 30 Kilogramm füttern müsse und damit noch mehr Verlust mache. Einige Berufskollegen seien bereits auf Maschinenhallen ausgewichen. Der Landrat entgegnete ihm, die Überbelegung sei mit dem Veterinäramt diskutiert worden und sie werde „mit Augenmaß behandelt“. Während des ersten Lockdowns habe das Veterinäramt seine Kontrolldichte herunterfahren dürfen, aber momentan sei dies nicht der Fall.

Tierseuchen: Kreis nicht primär gefährdet?

Die Afrikanische Schweinepest sah Heimerl für seinen Landkreis mit niedrigem Wildschweinbestand noch nicht als bedrohlich an, doch der überregionale Einkauf von Sperrzäunen laufe bereits. Auch bei der Geflügelpest sei der Landkreis „nicht primär gefährdet“, weil er Zugvögeln keine größeren Wasserflächen als Rastplätze biete. Das Veterinäramt bitte trotzdem dringend darum, die Biosicherheitsmaßnahmen einzuhalten. Zur Ferkel-Kastration unter örtlicher Betäubung seien bereits die ersten Anträge für einen Sachkundenachweis bearbeitet worden, fügte Heimerl an. Der Aktionsplan Kupierverzicht sei noch nicht „scharf geschaltet“, aber die Scharfschaltung werde erwartet.
„Die Grünen thematisieren für den Bundestagswahlkampf schon die Ernährung“, erklärte Kreisobmann Ulrich Niederschweiberer. „Da müssen wir uns einmischen. Unsere Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber liefert nur Lob für uns und schöne Bilder, aber keinerlei Unterstützung“, sagte er.
Als „unangenehm“ bezeichnete der Landrat die Diskussion über Tiertransporte über lange Distanzen bis nach Usbekistan, mit dem Mühldorf schon vor der Offensive des Landshuter Landrats zu tun gehabt habe. Nach einer Vorgabe des Bayerischen Umweltministers Thorsten Glauber seien Exporte derzeit „faktisch unmöglich“, bis es zertifizierte Versorgungsstationen entlang der Routen gebe. „Hier überrollt uns die öffentliche Meinung auch mit vielen seriösen Fernsehberichten“, merkte dazu der stellvertretende Ortsobmann Andreas Huber aus Oberbergkirchen an. „Man muss echt aufpassen, wohin man seine Tiere abgibt. Bevor ich mein schwächstes Tier da mitgebe, lasse ich es lieber bei mir mitlaufen, denn das haben die Tiere nicht verdient.“

ÖMR nur unterstützen wenn Regionales im Fokus

Landrat Max Heimerl antwortete, hier sei die öffentliche Meinung eindeutig. Um hier und bei einigen anderen im Onlinedialog angesprochenen Themen in der Politik etwas zu erreichen, müssten die Landwirte mit Aktionen und öffentlicher Berichterstattung „die Aufmerksamkeitsschwelle überschreiten“. Es müssten ja nicht immer Blockaden vor Auslieferungslagern oder Traktor-Demos sein. Er sicherte zu, beispielsweise bei der Ökomodellregion als Landkreis aktiver zu werden, aber nur, wenn es in Richtung regionaler Vermarktung gehe und nicht nur in Richtung Bio. „Ich bin gerne bereit, zu überlegen, wie man hier mit anderen Landräten in Oberbayern etwas tun könnte“, sicherte der im Frühjahr 2020 neu ins Amt gewählte Landrat zu. „Uli, ich schreibe brav mit“, sagte er zum Kreisbauern gewandt nach fast zwei Stunden. Sein Schlusswort an alle Teilnehmer: „Kommt bitte auf mich zu, ich bin gewillt, an konstruktiven Lösungen mitzuarbeiten.“
Veit Hartsperger plant nach dem gelungenen Auftakt weitere Online-Landrats-Dialoge in den Landkreisen Altötting und Rottal-Inn. Die BBV-Geschäftsstelle ist auch für sie zuständig. Der Altöttinger Kreisobmann Anton Föggl verfolgte die Auftaktveranstaltung mit.