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Handwerk

Drei Termine bis zum Hut

Familie 2
Helga Gebendorfer
am Montag, 25.02.2019 - 14:53

„Hutwerk“ heißt das kleine Unternehmen, das Modistenmeisterin Regina Reitberger auf dem „Schrufhof“ eingerichtet hat.

Arbeit
Bernhard und Regina Reitberger bewirtschaften mit Unterstützung durch Bernhards Eltern Wally und Michael sowie Auszubildenden Patrick Lerchl den landwirtschaftlichen Vollerwerbsbetrieb mit 90 ha. Im Stall stehen rund 50 Kühe mit Nachzucht. Die männlichen Kälber werden auf den Zuchtviehmärkten in Ingolstadt-Zuchering versteigert, die weiblichen entweder für den Eigenbedarf aufgestellt oder zu einem späteren Zeitpunkt vermarktet. In den letzten Jahren wurden die bestehenden Altgebäude wie Kälber- und Jungviehstall optimiert. Silos und eine Bergehalle kamen hinzu. Während die Tierzahl gleichgeblieben ist, ist die Fläche nach und nach gewachsen. Doch das ist lange nciht alles, denn die Reitbergers sind vielseitig:
Mit Freude und Elan machte sich Bernhard Reitberger an das Studium Landwirtschaft an der FH Weihenstephan, das er 2011 abschloss. Von der Hochschule ging es weiter zum Zuchtverband Pfaffenhofen, wo der Agraringenieur im nördlichen Oberbayern für die Kälbervermarktung zuständig war. Dabei war das zentrale Element zweimal im Monat in Ingolstadt-Zuchering das Durchführen von Versteigerungen, vor allem von Kälbern. Zwar endete 2012 mit der Übernahme des elterlichen Betriebes das Arbeitsverhältnis beim Zuchtverband, doch der Auftrag für die Versteigerungen lief weiter. Zudem wird er auch bundesweit für Großvieh-Versteigerungen engagiert.
Seit fünf Jahren ist der 32-Jährige außerdem als Kommunikationstrainer im süddeutschen Raum im Einsatz. Hierfür wird er auch dem BBV oder die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf gebucht.
Seit drei Jahren lädt die Familie zusätzlich einmal jährlich zu einer Versteigerung eines Milchkalbes auf dem eigenen Hof ein. „Mit dieser Kalbfleischauktion wollen wir auf unsere Produkte aufmerksam machen“, sagte der Agraringenieur, der sich freut, dass es bisher immer ein großer Erfolg war, die Nachfrage groß ist und am Ende des Tages alle Fleischpakete unter den Hammer kamen.
Bernhard Reitberger war von klein auf mit Leib und Seele der Landwirtschaft und der Musik verbunden. In diesem Rahmen begegnete der junge Mann bereits 2005 das erste Mal seiner Zukünftigen beim Musikspielen und ein Jahr später „funkte“ es beim Volkstanz. Alle drei Geschwister des Reitberger-Hof, die sich unter „Geschwister Reitberger“ einen bekannten Namen als Musikgruppe gemacht haben, sind mit einem Musikanten verheiratet und so erfolgte 2006 die Gründung der „Gspusi-Musi“. 2010 zog das junge Paar zusammen und drei Jahre später wurde geheiratet. „Ich hatte vorher nichts mit der Landwirtschaft zu tun, war aber offen dafür“, erzählt die Bäuerin und weist darauf hin, dass sie auch verschiedene Weiterbildungskurse absolvierte, um sich kundig zu machen.
Bei der Wahl ihres Berufes stand damals für sie fest: Es soll etwas Handwerkliches und Kreatives sein und mit Menschen zu tun haben. Nach verschiedenen Praktika startete die gebürtige Ismaningerin mit der Lehre zur Modistin (Hutmacherin) in München, die sie 2011 abschloss. Danach war sie drei Tage pro Woche bei verschiedenen Betrieben angestellt, machte sich parallel dazu selbstständig und richtete auf dem Hof eine Werkstatt ein. „Auf diese Weise habe ich in verschiedene Stilrichtungen, Handwerkstechniken und Arbeitsabläufe Einblick bekommen“, erzählt sie. 2014 folgte der Meisterabschluss und dann kam Sohn Leonhard zur Welt. „Danach habe ich meine Tätigkeiten fast vollständig nach Hause verlagert“, blickt die 30-Jährige zurück.
Ihre 22 m2 große Werkstatt ist im Wohnhaus direkt neben der Haustüre platziert und das dazugehörige Lager befindet sich nebenan. „Immer wenn es die Zeit erlaubt, widme ich mich den Hüten“, erzählt sie. Als Modistenmeisterin hat sie ihr Handwerk „von der Pike auf“ gelernt und legt besonderen Wert auf höchste Qualität und Präzision. Schwerpunkt sind Trachtenhüte für Damen und Herren – meist Maßanfertigungen. Sonstige Kopfbedeckungen wie Kappen und Mützen bis hin zu Brautschleier und und Haargestecke sowie Alltagshüte vervollständigen das Sortiment.
Am Anfang steht stets ein Beratungsgespräch, bei dem die Wünsche der Kunden aufgenommen werden. „Einige haben konkrete Vorstellungen. Andere haben keine eigenen Wünsche, sondern verlassen sich auf meine Vorschläge und fachliche Kompetenz“, erklärt die Meisterin. Nach ihrer Auskunft kommt es auf viele Kleinigkeiten und die individuelle Note an, um dem Kleidungsstück ihre Handschrift zu verpassen. So soll der Hut zu Gesicht, Kopfform und Typ passen. „Das ist eben Handwerkskunst“, stellt sie fest und freut sich über ihre abwechslungsreiche Tätigkeit. Gemeinsam wird Material, Farbe und Garnitur, egal ob Band oder Kordel, ausgesucht. Wenn die Form feststeht, wird Maß genommen, Kopfweite und eventuelle Besonderheiten notiert. Dann kann sie loslegen.

So entstehen die Hüte

Als Erstes wird der Velours-Hutrohling über Wasserdampf aufgeweicht und über die Holzform gezogen. Dann wird die Krempe mit einem kleinen Bügeleisen und feuchtem Baumwolltuch glatt gebügelt. Nach dem Trocknen wird diese noch einmal nachgebügelt, bevor die gewünschte Krempenbreite entsteht, indem das überschüssige Material abgeschnitten wird und die Kanten mit einem Schleifpapier geglättet werden. Anschließend wird über Wasserdampf der „Kopf“ eingedrückt und damit dem Hut das endgültige Aussehen gegeben. Wieder folgt eine Trocknungszeit, bevor die Garnitur an die Reihe kommt.
Das Material bezieht Regina Reitberger vom Großhandel. „Meistens arbeite ich mit Glatthaarfilz (aus Kaninchen) oder Velours (Hasenhaarfilz). Für Werktagshüte kommt alternativ Wollfilz vom Schaf infrage. Das Lieblingsmodell der Modistenmeisterin ist ein „normaler Hut mit ,Ententeich‘“ aus schwarzem Velours. „Das ist das schönste Material zum Arbeiten“, erzählt sie.

Jeder Kunde hat in der Regel drei Termine im „Hutwerk“: zum Aussuchen, zur passgenauen Anprobe, wobei noch einmal die Randbreite und Kopfform kontrolliert werden, und zur Abholung, wo der Hut den letzten Schliff, z. B. den richtigen Schwung in der Krempe, bekommt. „Mir ist wichtig, dass der Hut von der Kundschaft selbst abgeholt wird, damit ich überprüfen kann, ob er wirklich einwandfrei sitzt“, bemerkt die Hutmacherin.