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Tragödie

Drama von Schleching: Rinder stürzen in den Tod

Drama-Schleching-Rinder-Absturz
Philipp Seitz
Philipp Seitz
am Dienstag, 14.06.2022 - 19:27

Der betroffene Landwirt im Chiemgau ist sich sicher, dass ein Wolf die Tiere in den Tod hetzte. Kurz darauf erfasst ein Autofahrer einen männlichen Jungwolf.

Schleching/Obb. Immer wieder fliegt der Helikopter das Tal an. Die Besatzung bringt ein Rind nach dem nächsten hinunter. An einem massiven Seil befestigt baumeln die Tiere in der Luft, bis sie langsam zum Boden herabgelassen werden. Auf der geteerten Fläche im Tal liegen schon einige regungslose Rinder. Sie sind alle tot.

Es sind Bilder, die Landwirt Hannes Hörterer nicht mehr aus dem Kopf gehen. Der 54-Jährige ist Landwirt mit Leib und Seele, bewirtschaftet im Chiemgau einen Naturland-Milchviehbetrieb mit 95 Stück Vieh und zwei Almen. Hörterer spricht von einer „absoluten Katastrophe“, ist immer noch aufgewühlt. Nicht nur finanziell, sondern besonders emotional habe der Tod der Jungrinder seine Familie hart getroffen. Erst am Pfingstmontag hatte der Landwirt die Jungkühe auf seine Niederalm gebracht, am Dienstag hatte er nochmals nachgesehen. „Es war alles total ruhig“, sagt Hörterer. Am Mittwoch fehlte von den Tieren jede Spur. Passanten alarmierten den Landwirt. Sie hörten ein leises Schreien.

Schon vor zwei Jahren, erzählt Hörterer, habe es auf seiner Hochalm einen ähnlichen Vorfall gegeben – mit noch glimpflichen Ausgang. Damals durchbrachen seine Rinder ebenfalls panisch einen Zaun. „Sie sind dann eine halbe Stunde bergab, dann eine Stunde wieder bergauf gelaufen und erst zu stehen gekommen, als sie völlig erschöpft waren.“ Wie später bekannt wurde, zeichnete an diesem Morgen eine Wildkamera in der Nähe einen Wolf auf.

Plötzlich in Panik geraten

Auch diesmal, zwei Jahre später, da ist sich Hörterer sicher, war ein Wolf in der Nähe. Die eineinhalb bis zwei Jahre alten Tiere seien bei Wind und Wetter draußen gewesen, sagt Hörterer, auch den Schäferhund waren sie gewohnt. Nun gerieten die Jungrinder plötzlich in absolute Panik. „Sie waren in Todesangst“, sagt Hörterer dem Wochenblatt kurz nach dem Unglück und erzählt, wie er hastig den Spuren der Herde folgte.

Tragödie in Schleching

Die Spur verlief schnurstracks geradeaus, direkt auf die Felswand zu. Umso länger er der Spur folgte, umso mehr habe es ihm gegraust. „Bis zum letzten Meter habe ich aber gehofft, dass sie da noch stehen. Das alles ist für mich immer noch unbegreiflich.“

Die Rinder rissen drei Stacheldrahtzäune nieder, liefen direkt auf die Zellerwand zu, stürzten dann 50 bis 80 Meter tief in den Tod. „Das ist einfach schlimm. Man sieht die Spur der Herde, die direkt auf die Wand zugeht und dann im Nichts endet“, sagt Hörterer. Das seien Bilder, die er nie mehr vergessen werde. Bilder, die innerlich aufwühlen und sich in seinem Kopf festgebrannt hätten. „Das ist ja nur 300 Meter Luftlinie von unserem Hof entfernt. Wir schauen da jeden Tag hin.“

An der Zellerwand in den Tod gestürzt

Ein Wort wiederholt er immer wieder: Todesangst. Die Tiere seien kein einziges Mal stehen geblieben, in absoluter Panik einfach geradeaus gestürmt – und in die Tiefe gestürzt. Acht Tiere waren sofort tot, ein weiteres Tier verfing sich in einem Baum und starb kurz darauf. „Das belastet schon schwer. Wer nicht betroffen ist, kann sich das gar nicht vorstellen.“ Der reine Sachwert der Jungrinder liege bei etwa 15 000 €, für die Familie aber zweitrangig. Was viel schwerer wiegt, ist die Tatsache, dass die Rinder im nächsten Jahr die Leitkühe auf der Hochalm gewesen wären. „Da geht uns eine ganze Generation ab. Das kann ich nicht einfach durch Neue ersetzen.“ An die Unglücksstelle ist Hörterer seitdem nicht zurückgekehrt. Er brauche noch etwas Zeit, um die Geschehnisse zu verarbeiten.

Dass ein Wolf die Tragödie an der Zellerwand verursacht hat, hält BBV-Umweltpräsident Stefan Köhler für sehr wahrscheinlich. Auch der CSU-Landtagsabgeordnete Klaus Steiner ist der Meinung, dass viele Indizien dafür sprechen. Fakt sei, wie Steiner sagt, dass die Rinder „allein durch das Auftauchen von Raubtieren derart in Panik versetzt werden, dass es in Folge dann zu solch dramatischen Vorfällen kommt“. Das Landesamt für Umwelt hält sich hingegen zurück. Ein Sprecher teilte dem Wochenblatt auf Anfrage lediglich mit, dass dem Landesamt über die Ursache in Schleching „bislang keine Erkenntnisse“ vorliegen würden.

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Steiner greift auch die Staatsregierung an. Es brauche ein besseres Infosystem bei der Sichtung von Wölfen, um die Landwirte zu warnen. Seine Grünen-Kollegin Gisela Sengl verweist darauf, dass die Ampelregierung ein regionales Bestandsmanagement des Wolfes im Almgebiet anstrebt. Der Vorfall in Schleching sei erschütternd: „Die Landwirte sind in Aufruhr, das kann ich sehr gut nachvollziehen.“

Landwirt Hörterer fordert währenddessen den Landtag auf, die Grundsätze für Entschädigungen zu überarbeiten. „Entschädigt werden nur Risse.“ Beim Absturz seiner Rinder sei er in der Beweispflicht, dass ein Wolf das Drama ausgelöst habe. Kurz nach dem Unglück kollidierte ein Autofahrer im Landkreis Berchtesgadener Land mit einem Wolf. Das LfU bestätigte, dass es sich um einen männlichen Jungwolf handelte. Der Unfall müsse als Wolfsnachweis für die Tragödie an der Zellerwand verwendet werden, fordert Köhler.

Für Hörterer ist währenddessen klar: Es könne so nicht mehr weitergehen. „Es sind unsere Kühe und unsere Familien, die unter dem Wolf leiden.“