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Interview

Dorfleut gegen Stodarer - Kommunikation ist alles

Frühförderung Bulldogfahren: „Jedes Kind mitnehmen, das mitfahren will“, rät Kommunikationscoach Bernhard Reitberger. Eine wirkungsvollere Maßnahme, Landwirtschaft früh positiv zu besetzen, gibts kaum.
Barbara Höfler
Barbara Höfler
am Mittwoch, 18.01.2023 - 14:48

Bauern und Gesellschaft – ein oft ein schwieriges Verhältnis. Der Coach Bernhard Reitberger will das ändern: mit Kommunikationstraining für Landwirte.

Seit seinem 24. Lebensjahr ist Bernhard Reitberger Versteigerer bei den Zucht- und Nutzviehauktionen an der Ingolstädter Donauhalle. Eine Schule, die ihn gelehrt hat: Kommunikation ist alles. Dass Kommunizieren auch für Landwirtinnen und Landwirte immer wichtiger wird, erlebt Reitberger täglich selber. Mit seiner Frau Regina bewirtschaftet der Kommunikationstrainer und zweifache Vater den Schrufhof in Waidhofen (Lks. Neuburg-Schrobenhausen).

Milchvieh, Ackerbau, seit dem 15. Jahrhundert in Familienbesitz. Aber so schwierig wie heute war das Verhältnis zwischen Bauern und Gesellschaft nie. „Dreiste Dorfleut und schwierige Stodarer“ heißt Bernhard Reitbergers Vortrag, mit dem er Landwirten das Rüstzeug geben will, mit Gegnern, Spöttern – oder einfach Laien – ein besseres Verhältnis auszuhandeln.

Bernhard Reitberger

Kommunikationstraining für Bauern – auf Bayrisch: Braucht᾽s des?

Mir ist aufgefallen, dass viele meiner Berufskollegen immer wieder schimpfen: Ach, diese Leid! Das g‘spür ich ja auch selber als aktiver Bauer. Da fährt einer mitten auf dem Feldweg mit dem Radl, zum Nachfahren zu langsam, zum Überholen zu schnell. Ja, checkt der ned, dass ich da vorbei muss? Als Bauer stellt man sich oft diese Warum-Fragen.

Und umgekehrt wahrscheinlich auch.

Absolut, das möchte ich betonen, da geht es schon um beide Seiten.

Warum hat sich das Verhältnis zwischen Bauern und Nichtbauern denn eigentlich so verschlechtert?

In der Generation unserer Großeltern war man entweder Bauer oder man kannte welche, auf jeden Fall hat man auch in der Stadt gewusst, dass unser täglich Brot davon abhängt, dass es jemand erzeugt. Heute ist die Verarbeitungs- und Vermarktungskette so lang, da ist keine Sichtweite mehr zwischen Bauer und Verbraucher. Das Essen kommt aus dem Supermarkt, beim Erzeuger holt es irgendwer ab. Der notwendige Bezug zueinander ist verloren gegangen und damit das Verständnis füreinander.

Wenn man Ludwig Thoma liest, war es auch vor hundert Jahren schon nicht leicht...

Da gibt es in den Filserbriefen eine super Stelle. Da beschreibt Thoma, worum es beim Zentralen Landwirtschaftsfest geht: Jetzt haben die Leute aus der Stadt gesehen, dass die Bauern das Vieh pflegen und es lieben. Jetzt kann man wieder nach Hause gehen. Das ist der Kern. Es geht nicht um die genauen Quadratmeterzahlen, wie ein Stall gebaut sein muss. Sondern um die emotionale Verbindung zwischen dem, der Landwirtschaft betreibt und dem, der sie nicht kennt. Landwirtschaft muss positiv besetzt sein. Das wäre das allerwichtigste Ziel.

Inwiefern?

Ganz einfach. Wenn ein Thema positiv besetzt ist, dann werden alle Informationen, die einem fehlen, positiv ergänzt. Aber wenn eine Grundskepsis herrscht, dann wird alles, was man nicht weiß, in der Vorstellungswelt negativ ergänzt.

So wie beim Schreckgespenst vieler bei der Anbindehaltung?

Das wäre ein Beispiel.

Was muss sich da ändern? Die Landwirtschaft oder nur die Kommunikation der Landwirtschaft?

Die Landwirtschaft wird sich sowieso verändern, da brauchen wir gar nicht über Sinnhaftigkeit zu sprechen, die Notwendigkeiten kommen aus allen möglichen Ecken. Was die Kommunikation betrifft, hört man oft: Alle müssen mehr kommunizieren! Das finde ich aber nicht. Wenn einer nicht mag, soll er es lieber bleiben lassen. Sonst macht er‘s nicht gut.

Wie macht man es denn gut?

Aktiv auf die Leute zugehen sollte man nur, wenn man wirklich neugierig ist und Lust hat. Nur so kann man ernsthaft zuhören, den Gesprächspartner nicht nur ausreden lassen, um dann endlich selber loszulegen. Wenn Kritik einen wahren Kern hat, muss ich den Fehler zugeben und verbessern. Wenn nicht, muss ich auf Augenhöhe erklären, wie es stattdessen ist und: die Person von der Sache trennen – respektvoll bleiben.

Braucht Öffentlichkeitsarbeit heute Facebook, Instagram...?

Über Medien erreiche ich eine anonyme Menge. Das ist gut für das generelle Erscheinungsbild der Landwirtschaft. Als ganz wertvoll erachte ich aber die direkte Kommunikation. Wenn man einfach im Freundeskreis, im Verein, in der Region mit Nichtbauern zusammenkommt, sich als Mensch schätzen lernt. Dann kommt über die Hintertür auch die Wertschätzung für die Landwirtschaft.

Sie sind im Gemeinderat, beim Niederbayerischen Musikantenstammtisch, coachen Unternehmen... Was macht ein weniger Umtriebiger?

Ganz einfache Öffentlichkeitsarbeit: Jedes Kind, das auf dem Bulldog mitfahren mag, mitnehmen, wenn es die Eltern erlauben. Da kommt man ins Ratschen, kann zeigen, wie klein ein Radlfahrer von da oben wirkt. Eine positive Erstbesetzung der Landwirtschaft! Noch einfacher: freundlich grüßen, einfach mal die Hand aufheben. Langsamer fahren, wenn ein Spaziergänger kommt. Das sind die ganz kleinen Punkte. Aber es geht auch, neudeutsch, ums Mindset.

Um die innere Haltung?

Genau. Früher gab es den Bauernstolz in vielen Familien, das Bewusstsein, dass man gute Arbeit leistet. Das wird immer seltener. Manche laufen schon mit eingezogenem Gnack durch die Gegend und schauen, wer könnte mir jetzt wieder ans Zeug flicken. Damit zieht man das auch an. Nimmt man Blicke als Angriff wahr, die gar nicht so gemeint waren. Ich kann᾽s ihnen nicht übel nehmen.

Auf die Landwirte wird ja auch real ganz schön eingedroschen...

Ja. Und Selbstbewusstsein hat man, wenn man weiß, wie man was macht und warum. Wie wir Bauern Landwirtschaft betreiben, wird momentan massiv angegriffen, von Bevölkerung und Regierungsseite. Auch das Warum wird in Frage gestellt. Wir werden also von Politik und Gesellschaft im Kern unserer Existenz hinterfragt.

Wie kommt der Einzelne aus dem Dilemma raus?

In meinen Augen muss man das auf die Betriebsleiterfamilie runterbrechen. Da muss man es schaffen, die Frage zu beantworten: Warum bin ich Bauer? Hört sich einfach an, finde ich aber ziemlich kompliziert. Der eine sagt vielleicht, ich bin Landwirt, weil ich für meine Tiere da sein will. Dann wird er Wege finden, wie er das realisieren und dazu stehen kann. Ein anderer sagt vielleicht, ich bin Bauer, weil ich es einfach toll finde, mit der heutigen Produktionstechnik Höchsterträge zu erzielen.

Das kommt in der Bevölkerung wiederum nicht so gut an, oder?

Warum? Andere Branchen streben auch nach Maximierung, der Verpächter, der Verkäufer eines Grundstücks. Beim Bewirtschafter soll das verwerflich sein? Er soll das Maximum zahlen, aber nicht rausholen dürfen? Wer das Warum wirklich für sich geklärt hat – nicht mit irgendwelchen Glaubenssätzen oder weil’s schon immer so war oder weil’s die Eltern gesagt haben – sondern so, dass es die eigenen Kinder verstehen, der braucht keinen scheuen, der eine andere Meinung hat. Der kann sich hinstellen und mit jedem reden.

Kann man heute mit Argumenten überhaupt noch überzeugen?

Sicher nicht jeden. Die Managementtrainerin Vera Birkenbihl hat gesagt, was wir bewusst wahrnehmen, entspricht ins Streckenverhältnis gesetzt ungefähr 15 mm und was wir unbewusst wahrnehmen 11 km! Es ist schon wichtig, dass man das, was man denkt, auch mit Argumenten unterfüttern kann. Aber das Entscheidende ist am Ende das unbewusst Wahrgenommene – das sind andere Faktoren, wie Ausstrahlung, Souveränität oder dass man sich wo wohl fühlt. Daher kann man im Gespräch durchaus überlegen: Was muss ich dem mitgeben, mehr Information oder vielleicht ein Gefühl? Wenn’s irgendwie geht, immer Leute auf den Hof einladen. Da ist ganz viel für die 11 km drin und dann immer wieder was für die 15 mm anbieten.

Wenn Sky Dumont jetzt zur Tür reinkommt, was würden Sie als Rinderhalter ihm gerne sagen?

Wenn ich merke, dass ich mit ihm auf Augenhöhe komme, dass er offen ist für mich als Mensch, würde ich ihn nach seinen Erfahrungen fragen, warum er selbsternannter Tierschützer geworden ist. Es gibt ja hundert Argumente, die gegen das sprechen, was er sagt. So erfahre ich, welcher Trumpf bei ihm sticht. Vielleicht würde ich es so versuchen: Uns beiden liegen Tiere am Herzen. Ich hab viele zu Hause, besuch mich doch mal.

Mehr zu Bernhard Reitbergers Coaching gibt es im Internet: www.reitberger-training.de