Modellprojekt

Dorfladen: Viele Waren und viel Herz

Dorfladen-Haag
Sandra Kalb Portrait 2019
Sandra Kalb
am Freitag, 24.04.2020 - 06:51

Der Dorfladen in Haag an der Amper wurde als Dorfladen des Jahres ausgezeichnet und überzeugte auch durch sein vielfältiges Angebot. In der aktuellen Corona-Situation liefert die Geschäftsführerin auch Waren nach Hause.

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Eine zentrale Lage hat der Dorfladen in Haag an der Amper nicht nur aus geographischer Sicht, hier findet sich die Dorfgemeinschaft zu verschiedenen Zwecken zusammen. Die Gemeinde im Landkreis Freising musste in der Vergangenheit einige Verluste in Sachen Infrastruktur verkraften, so schlossen unter anderem der örtliche Drogeriemarkt mit Reinigung und die Metzgerei. Der Dorfladen hat sie alle aufgefangen und ergänzt. „Eigentlich sind wir ein Supermarkt“, sagt Udo Marin, der sich den ehrenamtlichen Geschäftsführerposten mit Agraringenieurin Michaela Dehner teilt. Auf 180 m2 Fläche vollbringen sie mit ihren elf Mitarbeitern so einiges: Da gibt es einen Briefschlitz für Arztrezepte, den eine örtliche Apothekerin leert und die notwendigen Arzneimittel besorgt, es ist Textilreinigung ebenso möglich wie die üblichen Vorgänge bei der Post und beim Glücksspiel Lotto.
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Und natürlich die Gebrauchsgegenstände des täglichen Bedarfs und die Lebensmittel, sowohl aus konventioneller Herkunft als auch aus Ökolandbau und/oder aus fairem Handel. Auf diese letzten Segmente hat Dehner ein besonderes Augenmerk. Genauso dafür, schnell zu reagieren und anzupacken, wo es geht. So liefert sie in der momentanen Ausnahmesituation, die das Coronavirus mit sich bringt, Einkäufe nachhause. Auch dieses Angebot wird in Haag gerne angenommen, zwei bis drei Bestellungen pro Tag liefert Dehner an ihre Kunden aus.

„Jeder hat sein Herzblut woanders“, erklärt sie mit Blick auf die aktuelle Geschenk- und Spielzeugauswahl im Regal. Für diese liebevolle Mischung sorgt eine der elf Angestellten.

Bundesweite Anerkennung

Die immense Leistung der Haager Dorfgemeinschaft wurde heuer auch bundesweit registriert, so zeichnete der Bundesverband multifunktionaler Dorfläden die Haager Einrichtung als einen von zwei Dorfläden des Jahres 2020 aus – punktgleich mit einem Laden in Baden-Württemberg. Voraussetzungen für diese Preisvergabe sind unter anderem ein vielseitiges Angebot sowie das mindestens fünfjährige Bestehen des Ladens.

Für Haags Bürgermeister Anton Geier ist es ein „Treffpunkt, dass Leben reinkommt“. Geier blickt zurück auf dessen Entstehungsgeschichte: Der Dorfladen ist im ehemaligen Wirtsgebäude untergebracht. 2012 ersteigerte die Gemeinde das Anwesen. Im Obergeschoss ist die örtliche Kinderkrippe und gleich darunter im Hanghaus ist der Dorfladen. „Das sind kurze Wege für die Mütter“, zeigen sich die beiden Dorfladen-Geschäftsführer und Bürgermeister Geier zufrieden. Letzterer geht noch weiter und bezeichnet den Dorfladen als Lernstätte für Kinder, wo sie Einkaufsrituale kennenlernen.

Für alle Generationen

Alle Generationen treffen sich gern im Dorfladen, besonders in der Kaffee-Ecke. Dort findet ein regelmäßiger Männerstammtisch statt und auch die Gymnastikfrauen kehren gerne nach ihren Übungen dort ein, erzählt Geier. Jugendlich und frisch erscheint der Dorfladen nicht zuletzt dank des Büchertausch-Regals, schon der Eingang ist gesäumt von Dekoartikeln und Blumen – und das noch attraktiver als in manchem Supermarkt.

Der Dorfladen ist eine Klein-GmbH mit rund 230 Anteilseignern, die sich zu Beginn mit mindestens 200 € am Projekt Dorfladen beteiligten. Eingekauft wird zum einen über den Großhändler C+C, bei Gepa, bei regionalen Bäckereien und Metzgern. Obst, Gemüse, Honig und Eier stammen aus der umliegenden Gegend. Laut Geier hat der Dorfladen in einem Durchschnittsmonat 60 000 Kunden – dabei sei der Betrieb des Postschalters nicht miteingerechnet. Die Geschäftsführer stellen in der momentanen coronabedingten Situation einen Umsatzzuwachs fest, den sie auf etwa 20 % schätzen.

Ehrenamt leistet viel

Auch ehrenamtlich wird viel geleistet, berichtet Michaela Dehner beim Rundgang durch den Laden, etwa beim Fliesenlegen. Auch die Obst- und Gemüseregale sowie die Werbetafel vor dem Gebäude haben Mitglieder der Dorfgemeinschaft angefertigt. „Jeder bringt ein, was er kann“, bekräftigt Marin den Bürgermeister, demzufolge auch ortsansässige Vereine für ihre Feste hier einkaufen. Der Laden bietet auch Catering an.

In seinem ersten Leben, wie er es nennt, war Marin Diplom-Chemie-Ingenieur, jetzt als Pensionist bringt er „erhebliche Stunden“ für den Dorfladen auf und seine Motivation wirkt ungebrochen. Dass der Laden „auf gesunden Füßen steht“, ist nicht genug: Die Organisatoren wollen eine Küche und mehr Kapazitäten für gekühlte Waren einrichten.
Seine Kollegin Dehner kümmert sich auch um das Thema Werbung. Der VW-Käfer ihrer Familie erweckt auch durch die Werbung am Dach Aufsehen, weiter werden die Angebote des Landens im Bürgerblatt der Gemeinde angepriesen. Nicht fehlen dürfen ein gepflegtes Facebook-Konto plus Homepage, auch hier hat die Agraringenieurin die Federführung. Für Geier ist der Lebensmittelhandel der härteste Job, den es gibt, der immer viel guten Willen brauche. Dieser scheint in Haag gegeben.