Coronakrise

Direktvermarktung: Milch ist der Ausreißer

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Andrea Hammerl
am Dienstag, 19.05.2020 - 11:17

Direktvermarkter berichten vom veränderten Geschäft in der Coronazeit.

Auf einen Blick

  • An Automaten und Wochenmärkten wird gerne eingekauft.
  • Die Nachfrage nach Frischmilch ist schwer einzuschätzen.
  • Solidarische Landwirtschaft gewann einige neue Mitgliedsfamilien.
  • Auch küchenfertige Gerichte werden gut nachgefragt.

Höheres Arbeitspensum

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Mit der Corona-Pandemie stieg die Nachfrage bei den Direktvermarktern im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen sprunghaft an. Das Wochenblatt befragte einige von ihnen. Die Läden öffneten von Anfang an wie gewohnt, das Arbeitspensum stieg.

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Resi Brüderle vom Hofladen im Moos, Untermaxfeld: Mittlerweile hat sich die Nachfrage wieder einigermaßen auf Normalniveau eingependelt. Vor Ostern war so viel los, dass wir zum Teil früh um 3 Uhr aufgestanden sind, um der Arbeit nachzukommen. Daher gab es heuer zum Beispiel keine geräucherte Entenbrust zu Ostern. Wir haben das einfach nicht geschafft. Mir ist dabei erst richtig bewusst geworden, wie regional wir sind – mit unserem eigenen Rindfleisch und Schlachtschweinen aus dem Umkreis von fünf Kilometern. Wir hatten das Glück, dass wir nur wenig Gastwirtschaften beliefern, sondern direkt im Laden an unsere Stammkunden verkaufen. Es sind noch einige neue Kunden hinzugekommen, überwiegend aber kaufte die Stammkundschaft mehr, weil die Leute zu Hause sind und mehr kochen. Vielleicht wollten einige auch das Einkaufen im Supermarkt vermeiden. Besonders gefragt waren Hartwürste, vakuumierte Produkte und küchenfertige Gerichte wie zum Beispiel Rindfleischkräuterpfanne oder Gyros.

Stefanie Ziegler, Direktvermarkterin von Eiern, Nudeln und Kartoffeln, Königsmoos: Bei uns wurden Eier bestellt, die noch nicht gelegt waren, ich musste jeden Tag schauen, wo ich sie herkriege. Es ist echt krass, wir haben deutlich mehr Absatz als früher. Vor Ostern war es extrem bei Eiern und Kartoffeln, aber auch jetzt danach hält die Nachfrage an. Bei Nudeln haben manche Leute ganze Kartons bestellt, das hatten wir vor Corona nicht in dem Maß. Auch Kartoffeln sind stärker gefragt. Die kleine Tonne, in der wir Kartoffelsäcke zum Mitnehmen anbieten, musste ich oft am Nachmittag wieder auffüllen. Auch beim Automaten muss ich schauen, dass ich ihn rechtzeitig nachfülle. Es soll hier ja 24 Stunden, sieben Tage die Woche Eier und Nudeln geben.

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Andrea Strixner vom Strixner-Kartoffelhof in Schönesberg: Wir haben sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag geöffnet – der Verkauf von Kartoffeln und Eiern in Selbstbedienung läuft sehr gut. Während der ersten drei Wochen der Coronakrise waren Kartoffeln in Fünf- und Zehn-Kilogramm-Säcken verstärkt gekauft worden. Wahrscheinlich, weil die Leute den kontaktlosen Kauf schätzen und zum Teil wurde auch für andere Familien mitgekauft. Mittlerweile hat sich die Nachfrage aber wieder normalisiert.
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Lorenz Hanfbauer, Bio-Bauer aus Ehekirchen: Die Leute kaufen öfter und größere Mengen, weil viele zuhause sind und die einzig mögliche sinnvolle Beschäftigung kochen und essen ist. Wir hatten besonders lange Arbeitstage zu Beginn der Coronakrise. Vor allem Hefe wurde gehamstert. Auch wenn die Leute auf dem Wochenmarkt 1,5 Meter Abstand halten mussten, bekamen die hintersten in der Schlange mit, wenn vorne jemand Hefe gekauft hat. Und dann haben sie natürlich auch Hefe mitgenommen. Einmal wurden mir sogar die Dosentomaten komplett weggekauft.

Im Scherz habe ich mal gesagt, dass ich auch Klopapier anbieten werde. Das habe ich nicht getan, aber für Hefe bin ich immer noch eine gute Adresse. Sie geht nach wie vor sehr gut, ebenso Dinkelmehl, auch die Vollkornvariante. Es gibt eine klare Tendenz zu gesünderem Essen, vielleicht weil die Leute mehr Zeit zum Nachdenken haben. Auch nach Bio-Schweinefleisch werde ich immer öfter gefragt. Das wirkt sich auf mein Projekt Solawi (Solidarische Landwirtschaft) aus. Vor einem Jahr haben wir mit 40 Familien angefangen, jetzt sind es 70.

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Stephanie Wünsch vom gleichnamigen Hofladen in Burgheim: Die Leute kaufen öfter ein und vor allem größere Mengen. Nachgefragt sind alle Produkte – Eier, Obst und Gemüse nach Saison, Getreideerzeugnisse, Nudeln, Essig, Öle und Fairtrade-Produkte, sogar Hefe und Klopapier ist bis zu uns durchgedrungen. Trockenhefe gehört zum Sortiment, Toilettenpapier eigentlich nicht. Auch jetzt ist immer noch sehr viel los bei uns, manchmal habe ich das Gefühl, es wird noch mehr. Vielleicht hat sich unser Laden jetzt herumgesprochen – dass es deshalb so explodiert.

Viele Neukunden erzählen, sie hätten immer schon vorgehabt, mal bei uns reinzuschauen, aber dafür nie Zeit gehabt. Dann sind sie hängengeblieben und kommen jetzt schon seit Wochen zu uns. Ich schätze, das wird heuer auch über den Sommer anhalten. Eigentlich flaut es zu den Ferien hin ab, aber wenn der Urlaub ausfällt, wird es wohl bei uns so bleiben mit dem hohen Arbeitsanfall.
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Eva Müller vom Kartoffelbauernhof Boarisch Bauer in Neuburg: Die erste Corona-Woche war so etwas wie Ausnahmezustand. Hamsterkäufe waren deutlich zu spüren. Gut war, dass die Kinder schulfrei hatten und beim Abpacken der Kartoffeln helfen konnten. Gewundert hat mich, dass Kartoffeln in so großen Säcken gekauft wurden, denn deren Haltbarkeit ist ja begrenzt, gerade jetzt im Frühjahr. Bei Eiern, Nudeln und Honig war der Bedarf nur wenig erhöht. Seit Ostern hat es sich normalisiert, die ersten drei Wochen waren am gravierendsten für uns. Tendenziell ist der Umsatz immer noch etwas höher als sonst – um etwa 20 %.
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Markus Sauer, Milchbauer aus Steppberg und Betreiber der Milchtankstelle „Nachbars Muh“ mit vier Zapfstellen: Die Umsätze schwanken immer noch extrem. Insgesamt ist der Absatz in meinen Milchtankstellen geringer als vor der Krise. Ich vermute, dass sich das Einkaufsverhalten geändert hat, die Leute seltener einkaufen und sich vielleicht auch anfangs mit Haltbarmilch eingedeckt haben, sodass sie jetzt keine frische Milch mehr brauchen. Ich habe darauf reagiert und fülle die Tanks mit weniger Milch. Daher kann es vorkommen, dass die Tankstelle am Nachmittag schon leer ist. Es ist sehr schwer einzuschätzen, wie viel gebraucht wird.
Am vergangenen Wochenende war es wieder extrem wenig. Vielleicht haben die Leute auch Angst, sich am Automaten oder über die Milch anzustecken. Deshalb habe ich Infoblätter an den Automaten angebracht, die darauf hinweisen, dass eine Ansteckung über Milch vom BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung) als unwahrscheinlich eingestuft wird. Außerdem werden Viren durch das Pasteurisieren der Milch zuverlässig abgetötet. Ich hoffe immer noch auf die Solidarität der Verbraucher für regionale Milcherzeuger.
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Petra Oppenheimer, Oppenheimers Hühnerhof mit Hofladen in Weichering: Vor Ostern war der Bedarf an Eiern wie üblich sehr hoch, aber auch jetzt hält es noch an. Manchmal muss mein Mann dreimal die Woche ausliefern, weil wir keine Eier im Vorrat haben, sondern nur ausliefern können, was gerade da ist. Wir bringen alle Eier unter, obwohl die Gastronomie ausgefallen ist. Die Nudeln gehen die ganze Zeit schon sehr gut. Das passt sehr gut, weil wir im Januar junge Hühner eingestellt haben. Deren kleine Eier werden zu Nudeln verarbeitet. Wir können also überhaupt nicht klagen. Das mag ich gar nicht so laut sagen, weil es vielen anderen schlecht geht.
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Silke Koch-Fürst vom Gemüsebau Koch in Joshofen: Auf dem Wochenmarkt läuft es fast schon wie immer, nur dass wir mehr Kunden haben, Masken tragen und den Abstand einhalten. Das müssen wir jetzt in den Griff bekommen. Einige Stände werden jetzt nach außen verlagert, um mehr Platz zu schaffen. Das ist natürlich ein Nachteil für diejenigen und passt ihnen natürlich überhaupt nicht.
Kartoffeln gingen die erste Zeit nach dem Lockdown weg wie Nudeln im Supermarkt. Statt wie üblich um die Jahreszeit maximal 2,5-Kilo-Packungen kauften die Leute gleich sechs bis acht Kilo auf einmal. Teilweise gingen sie sogar nach Hause und kamen noch einmal, um weitere Kartoffeln zu holen. Mittlerweile ist es ruhiger geworden. Nur dass deutlich mehr Leute zum Wochenmarkt kommen.