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Interview

Braunbär in Oberbayern: Angespanntes Warten

Braunbär
Philipp Seitz
Philipp Seitz
am Donnerstag, 19.05.2022 - 08:29

Die Ambauern im Alpenraum sorgen sich vor Wolfsrissen. Kommt nun mit dem Bären ein weiteres Problem auf sie zu?

Mittenwald Die Meldung, dass in Oberbayern ein Bär unterwegs ist, hat für Schlagzeilen gesorgt. Solange der Bär ein Pflanzenfresser bleibe, sei er kein Problem, erklärte Hans Stöckl, der Geschäftsführer des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern. Doch viele Almbauern sind beunruhigt: Neben der Gefahr durch Wolfsrisse könnte nun ein weiteres Problem auf sie zukommen. Wie ist die Situation aktuell einzuschätzen? BBV-Umweltpräsident Stefan Köhler ordnet die aktuelle Sichtung im Interview mit dem Wochenblatt ein.

Herr Köhler, die aktuellen Bilder eines Bären, der in eine Fotofalle getappt sind, wecken gerade Erinnerungen an Braunbären Bruno.

Stefan Köhler: Wir erinnern uns alle an Bruno, der im Sommer 2006 in Bayern auffällig war. Er zeigte damals eine starke Futterkonditionierung und suchte gezielt einzeln stehende Häuser und Siedlungsbereiche auf. Dadurch entstanden Situationen mit hohem Unfallrisiko, insbesondere infolge eines nicht zu erwartenden Zusammentreffen zwischen Mensch und Bär. Sämtliche Maßnahmen den Bären zu vergrämen oder einzufangen, scheiterten damals auf österreichischer und bayerischer Seite des Karwendelgebirges. Es folgte die Entnahme.

Wie beunruhigt sind Sie über die nun aufgetauchten Aufnahmen?

Auch wenn das Landesamt für Umwelt (LfU) die Wahrscheinlichkeit einer Etablierung einer eigenständigen Populationsbegründung in Bayern und dem angrenzenden Tirol für unwahrscheinlich einschätzt, beobachten wir als Bayerischer Bauernverband die Situation sehr genau. Die Sicherheit des Menschen hat oberste Priorität vor dem Schutz der Bären. Der Schutz unserer Weidetiere muss gegeben sein und ähnlich wie beim Wolf, muss Herdenschutz für unsere Betriebe leistbar und voll finanziert werden- selbstverständlich auch bei Pflege- und Instandsetzungsarbeiten. Bayern hat derzeit ein Managementplan für den Braunbären der Stufe 1, was heißt, dass wir für zu- und durchwandernde Einzeltiere weitestgehend gerüstet sind.

Es handelt sich bei dem Foto ja nicht um die erste Aufnahme eines Bären im Freistaat.

Nach der Überwinterung eines Bären im Bereich des Murnauer Moos im Jahr 2020 und den kürzlichen Fotofallenaufnahmen aus Mittenwald beobachten wir nach Jahren der Unsichtbarkeit ein häufigeres Auftreten des Braunbären.

BBV-Umweltpräsident Stefan Köhler

Wie ist die Stimmung aktuell bei den betroffenen Weidetierhaltern?

Besonders der kommende Almsommer, insbesondere mit dem immer häufigeren Auftreten des Wolfes in Kombination, bereitet uns Weidetierhaltern eine gewisse Anspannung. Wir erwarten bei möglichen Bedrohungslagen durch einen Bären ein entschlossenes Vorgehen anhand des Managementplans – hoffen aber, dass es soweit nicht kommt, weder für Mensch noch für Weidetier und der Bär weiterhin unauffällig bleibt. Den Beteiligten vor Ort ist seit längerem bekannt, dass einzelne Jungtiere im Bereich Plansee, dem Murnauer Moss und Griesen unterwegs sind, Auffälligkeiten gab es bis dato nicht.

Bislang ist der Bär unauffällig. Sehen Sie hier aktuell Grund zur Panik?

Grund zur Panik sehen wir derzeit nicht. Wir beobachten die Situation sehr genau, analysieren sie und arbeiten intensiv mit dem Landesamt für Umwelt und den örtlichen Akteuren zusammen. Um Konflikte zu minimieren und eine Gefährdung der Bevölkerung weitgehend auszuschließen, bedarf es eines Wildtiermanagements, das neben geeigneten Strukturen und Schutzmaßnahmen bei der Nutztierhaltung auch verschiedene Maßnahmen zum Umgang mit auffälligen Bären aufzeigt. Derzeit bedarf es einem intensiven Monitoring des zugewanderten Bären.

Wie sollten sich Landwirte in diesem Bereich verhalten und sollten Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden?

Es gibt derzeit keine gesonderte Empfehlung des Landesamtes für Umwelt (LfU). In unserer heutigen Kulturlandschaft kann es im Zusammenleben von Mensch und Bär zu Konflikten kommen. Grundsätzlich ist zu unterscheiden zwischen Bären, die eine Gefahr für den Menschendarstellen, und Bären, die regelmäßig materielle Schäden verursachen. Bei Schäden an Nutztieren ist nicht nur die Höhe des Schadens – z.B. die Zahl der getöteten Tiere – sondern auch die Regelmäßigkeit der Schadensfälle laut Managementplan entscheidend. Der Managementplan der Stufe 1 sieht allgemeine Empfehlungen beim Zusammentreffen mit einem Braunbären vor.

Stefan Köhler ist BBV-Umweltpräsident und Präsident des unterfränkischen BBV-Bezirksverbandes. Köhler bewirtschaftet mit seiner Familie einen Grünlandbetrieb mit Mutterkuhhaltung im Landkreis Aschaffenburg sowie mit vier Kollegen eine Betriebsgemeinschaft mit ökologischem und konventionellem Ackerbau.