Wiesenbrüterschutz

Wo der Brachvogel trillert

Wiesenbrüterschutz
Andrea Hammerl
am Freitag, 16.04.2021 - 16:28

Beim Schutz des Großen Brachvogels packen die Landwirte im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen aktiv mit an. Der Landrat würdigt das Engagement. Doch die Herausforderungen sind groß.

Wiesenbrüter haben es schwer. Während Ältere sich noch erinnern, dass junge Burschen früher Eier des Großen Brachvogels zum Essen einsammelten, ist er heute so selten geworden, dass sich Naturschutzwächter auf den Weg machen, nach Gelegen zu suchen, um sie zu markieren. „Wir arbeiten mit Naturschutzwächter Axel del Mestre zusammen“, erzählt Anton Stemmer aus Sandizell, „er markiert die Gelege mit je zwei Stangen, so dass wir sie leicht umfahren können“.

Landrat Peter von der Grün mit der Infotafel

Der 57-Jährige hat seinen Vollerwerbsbetrieb mit Getreideanbau, Mais und Bullenmast mittlerweile an seinen Sohn Andreas (35) übergeben, der sich ebenfalls für den Wiesenbrüterschutz engagiert. Zusammen mit Christian Pögl aus Dirschhofen wurden sie nun für ihr Engagement von der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) des Landkreises Neuburg-Schrobenhausen ausgezeichnet und erhielten ein Geschenk von Landrat Peter von der Grün überreicht.

Auf zwei Hektar Silomais-Anbaufläche der Stemmers konzentrieren sich die Brutplätze der sechs Kiebitzpaare, deren Gelege heuer bereits entdeckt wurden. Im vergangenen Jahr waren es vier Brutpaare. Auf den deutlichen Zuwachs sind Vater und Sohn sichtlich stolz. 16 Jungvögel sind im vergangenen Jahr durchgekommen. Ein sehr gutes Ergebnis, denn die Henne legt nur jeweils vier Eier, und das zweimal während einer Brutsaison, im Durchschnitt sind also 50 Prozent großgeworden. Gut möglich, dass die zusätzlichen Brutpaare aus den Jungvögeln des Vorjahres rekrutieren, denn Kiebitze seien sehr standorttreu, erzählt Anton Stemmer. Oft kehren die Jungvögel zurück an den Ort, wo sie selbst geschlüpft sind und brüten ebenfalls dort. „Erst, wenn sie dreimal vergeblich gebrütet haben, suchen sie sich einen neuen Brutplatz.“ Pögl, der im Nebenerwerb ebenfalls Getreide und Mais anbaut sowie Blühflächen anlegt, weiß noch nicht, wie viele Kiebitze aktuell bei ihm brüten, im Vorjahr freute er sich über zwei Gelege in einer Blühfläche.

Das Engagement der Landwirte gewürdigt

„Ohne Landwirtschaft geht es nicht“, würdigte Landrat Peter von der Grün das Engagement der Landwirte, „dass der Mehraufwand vergütet werden muss, ist für mich ganz klar“. Der Landrat hofft sehr, dass der Abwärtstrend beim Großen Brachvogel noch umzukehren ist. 1985 gab es 85 Brutpaare, 2015 nur noch 25, derzeit sind es geschätzt circa 20. Sieben bis acht Jungvögel müssten es pro Jahr schaffen, damit der Bestand erhalten bleibt. Oft war es in den vergangenen Jahren jedoch nur ein einziger, wenn überhaupt. Grund dafür ist neben Fressfeinden, wie Füchsen, Rabenvögeln, Storchen und Mardern, vor allem die Überalterung des Bestandes, denn ältere Hennen legen öfter kleinere oder taube Eier, zudem wird die Schale immer dünner, je älter das Tier ist.

„Wir sind am Scheidepunkt – entweder wir schaffen es jetzt, oder die jungen Leute von heute hören in 20 Jahren keinen Triller mehr“, sagte Siegfried Geißler, Leiter der UNB.Um die Bevölkerung ebenfalls mitzunehmen und für das Thema Wiesenbrüter zu sensibilisieren, wurde bei Langenmosen eine Infotafel aufgestellt, die über das Projekt, Wiedervernässung und Bewirtschaftung des Donaumooses informiert und den Großen Brachvogel, Braunkehlchen und Kiebitz näher vorstellt.

Das Wiesenbrütergebiet Donaumoos umfasst insgesamt 1200 ha bei Langenmosen, Lichtenheim und Sandizell. Es ist auch heuer wieder Teil der vom LfU (Landesamt für Umwelt) koordinierten landesweiten Wiesenbrüterkartierung. „Diesen Schwung wollen wir nutzen, um unser Projekt zu bereichern“, erklärte Jan Tenner, Fachkraft für Naturschutz an der UNB, und Projektbetreuer. Das Projekt ist auf vier Jahre angelegt, aktuell erst einmal auf ein Jahr bewilligt. Fachkundige suchen mit Hilfe von Drohnen im Wiesenbrütergebiet nach Gelegen des Großen Brachvogels. Drohnen stören nicht, wenn sie sachgerecht und hoch genug fliegen, erklärte Tenner. Sobald Gelege aufgespürt sind, werden sie mit Hilfe von Gelegeschutzzäunen, vor Nesträubern geschützt. Die kreisrunden, etwa 25 Meter im Durchmesser großen Gelegeschutzzäune müssen zeitnah nach dem Schlupf entfernt werden, sonst könnten die Zäune selbst zur Gefahr für herumlaufende Küken werden. Um den Schlüpfzeitpunkt möglichst genau vorhersagen zu können, werden die Eier im Wasserbad vermessen, der Auftrieb verrät auf ein bis zwei Tage genau, wann es soweit sein wird. Sobald sie geschlüpft sind, werden die Küken mit einem ein bis zwei Gramm schweren Radiosender besendert, den sie fortan zwischen den Flügelansätzen auf dem Rücken tragen.

Den Aufenthaltsort täglich bestimmen

Mit Hilfe der Radiotelemetrie wird ihr Aufenthaltsort bis zum Flüggewerden täglich bestimmt und weitergegeben. So können beispielsweise Mahdtermine mit den Landwirten vereinbart werden, um zu vermeiden, dass Küken beim Mähen getötet werden. Bei Langenmosen wird bereits seit fünf Jahren ein Großzaun eingesetzt, der eine handtuchförmige Fläche von fünf Hektar umschließt und während der Brutsaison im Gelände verbleibt. Er dient dem Kükenschutz bei hoher Prädatorendichte (Prädator ist lateinisch für Beutegreifer).