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Vor Ort

Das blaue Wunder von Hurlach

Heidelbeeren Sabine und Stefan Schmid
Anja Kersten
am Freitag, 22.07.2022 - 12:14

Auf der Suche nach einem weiteren Standbein fanden Sabine und Stefan Schmid vor drei Jahren Heidelbeeren. Auf der 2 ha großen Plantage zum Selbstpflücken reißen die Leute ihnen die Beeren seitdem aus der Hand bzw. vom Strauch.

Hurlach - Die Heidelbeeren der Familie Schmid aus Hurlach (Landkreis Landsberg am Lech) sind heiß begehrt. Die ersten Leute fragten schon Anfang Juli telefonisch nach, wann denn die Beeren endlich reif seien und sie zum Pflücken aufs Feld kommen könnten. Sabine Schmid musste sie da noch ein wenig vertrösten. Je nach Witterung seien die Heidelbeeren Mitte/Ende Juli erntereif, sagt sie. „Wir gehen jeden Tag aufs Feld, pflücken ein paar und wenn dann genügend Beeren reif sind, wird das Feld zum Selbstpflücken geöffnet.“

Dann heißt es für die Heidelbeerliebhaber allerdings schnell sein, denn die Beeren sind blitzartig abgepflückt. Im vergangenen Jahr war die Plantage von Sabine und Stefan Schmid nur an vier Tagen für sechs Stunden geöffnet. Schon war das Feld abgeerntet. Und das, obwohl das Landwirtsehepaar Werbung lediglich über die Homepage, auf Facebook und ein paar Plakaten in der Umgebung gemacht hatte.

Drei verschiedene Sorten

5000 Heidelbeersträucher umfasst die 2 ha große Plantage auf dem Feld in Hurlach. Um die Ernte etwas zu verteilen, hat sich Familie Schmid für drei verschiedene Sorten entschieden. Eine frühe Sorte, die je nach Witterung eben als erstes jetzt, Mitte/Ende Juli reift, eine mittlere Sorte, die etwa zwei Wochen später dran ist und eine späte Sorte, die wiederum mit einigen Wochen Verzögerung reift. Weil auch die Beeren an den Sträuchern selbst nicht gleichmäßig pflückreif sind, gibt es an jedem Strauch zwei Pflückvorgänge. Durchschnittlich 700 Gramm Heidelbeeren ließen sich 2021 pro Strauch ernten.

Detail Heidelbeere Schmid Hurlach

Wie im vergangenen Jahr soll das Kilogramm auch heuer wieder 5,60 € kosten, selbst wenn die Preise für Dünger, Erde und die Pflanzkübel, in denen die Pflanzen auf dem Feld stehen, gestiegen sind. „Im nächsten Jahr kalkulieren wir dann neu“, stimmen Sabine und Stefan Schmid überein.

„Wenn die Heidelbeeren reif sind, fallen sie einem fast in die Hand“, antwortet Sabine Schmid auf die Frage, ob die Ernte zeitaufwendig ist. Die allermeisten Heidelbeeren werden deshalb von den Besuchern selber gepflückt. Nur eine kleine Menge hat die Familie in der vorangegangenen Saison in den Dorfladen nach Hurlach geliefert. Die Beeren mit den blau-violetten Schalen werden fast so groß wie Kirschen.

Das Fruchtfleisch von Kulturheidelbeeren ist annähernd weiß, sodass der Saft, anders als bei Waldheidelbeeren, Finger und Zunge nicht blau färbt. Mit den Waldheidelbeeren, die man aus dem Wald kennt, sind die Kulturheidelbeeren nur ganz entfernt verwandt. Sie gehören zwar zur selben Gattung, aber während die Waldheidelbeeren nur selten höher als 40 cm werden, wachsen Kulturheidelbeeren zu großen Sträuchern von 1,50 bis 2 m.

Bis zu 4 kg pro Strauch

Die Sträucher tragen etwa 25 bis 30 Jahre. Ihre Vollertragsphase haben sie nach etwa sechs Jahren. Dann sollen sie bis zu 4 kg pro Strauch tragen können. „Ob wir das erreichen, wissen wir noch nicht“, sagen die Schmids. Denn ihre Plantage haben sie erst 2019 mit 1100 Pflanzen gestartet.

Wie sie auf die Idee mit den Heidelbeeren gekommen sind, wissen sie selbst nicht mehr genau. Fakt ist, dass die Familie nach einem weiteren Standbein für ihren Ackerbaubetrieb mit Mais, Getreide, Gras und Zuckerrüben sowie einer Biogasanlage gesucht hat. Heidelbeeren habe sie schon immer gern gegessen, erzählt Sabine Schmid. Der Großteil der Beeren aus dem Supermarkt stammt jedoch aus Spanien, gefolgt von Peru, Polen und Marokko. Bestenfalls kommen die Blaubeeren aus dem Norden Deutschlands, nie aber aus der Region. Tochter Sophia, ebenfalls Heidelbeer-Fan, sagte irgendwann: Wir könnten doch auch selber welche anbauen. „So sind wir bei den Heidelbeeren hängengeblieben“, sagt Sabine Schmid.

Die Statistik gibt den Schmids recht: Heidelbeeren sind in den vergangenen Jahren zu einer der beliebtesten Beeren nach Erdbeeren aufgestiegen. Von 2010 bis 2020 hat sich der Import verzehnfacht. Das mag auch daran liegen, dass die Beeren mit ihrem Gehalt an Vitaminen und antioxidativen Anthocyanen als gesundes Superfood gelten. Auch die Schmids hatten beobachtet, dass Heidelbeeren, die vor zehn Jahren noch ein Schattendasein in den Supermärkten führten, in den letzten Jahren dort aber immer häufiger auftauchten. Mit diesen Überlegungen starteten sie im März 2019 einen ersten Versuch und kauften zwei „Prototypen“, wie Stefan Schmid sie scherzhaft nennt, erst mal für den Garten.

Heidelbeeren Schmid Plantage

Nebenher begann die Suche nach Informationen: Wie baut man Heidelbeeren an, welche Sorten sind geeignet, welche Erträge zu erwarten, wie pflegeintensiv sind sie und passen sie überhaupt zum Standort? „Wir haben bei Null angefangen. Wir wussten überhaupt nichts, außer dass uns Heidelbeeren schmecken“, erzählt Sabine Schmid. Eine Obstbau-Messe wurde besucht, die Heidelbeerplantagen in der nächsten Umgebung aufgesucht, Probe gepflückt und dabei auch ausgelotet, wo es bereits Heidelbeeren zum Selbstpflücken gibt – im näheren Umkreis keine. Das gab den Ausschlag. Im November 2019 kaufte Familie Schmid nach dem erfolgreichen Selbstversuch im Garten – der dort noch immer gedeiht – 1100 Pflanzen und erweiterte ihre Plantage jedes Jahr im Herbst.

Das Schneiden ist aufwendig

Die mit der Hand gepflanzten Heidelbeersträucher stehen in 90 Liter-Kübeln auf dem Feld in Rindenmulchreihen. Sie brauchen sauren Boden, erklärt Stefan Schmid. Denn ihr natürlicher Standort sind Heide- oder Moorböden. Außerdem ist das Düngen und Bewässern in den Kübeln einfacher, das automatisch durch einen eigenen Brunnen erfolgt. Die Pflanze ist frosthart bis zu - 25 Grad. Aufwändig ist jedoch das Schneiden der Sträucher.

Im Herbst müssen die abgeernteten und im Frühjahr die durch Frostschäden abgestorbenen Zweige abgeschnitten werden. Zwischen den Reihen muss regelmäßig gemäht und Unkraut entfernt werden, jede Pflanze muss kontrolliert, die Äste aufgebunden werden. „Das alles ist sehr zeitintensiv“, sagen beide. Fast jeden Tag seien sie auf der Plantage.

Jeder Arbeitsschritt wird sorgfältig dokumentiert, ob Schnitt oder Düngung, auch die Erntemenge. „Wir müssen Erfahrungen sammeln“, sagt Stefan Schmid. Eine davon: Die Kultur zeigt sich sehr resistent gegenüber Schädlingsbefall. Damit ist kein Einsatz von synthetischen Mitteln nötig. Die Kirschessigfliege, die potenziell auch die Heidelbeeren befallen könnte, ist ab Mitte August aktiv. Da ist die Heidelbeerernte schon fast vorbei.

Auch wenn die Pflege der Kultur Arbeit kostet und nur bewältigt werden kann, wenn die ganze Familie zusammen hilft, ist das Fazit bis jetzt positiv. Die Früchte schmecken nicht nur gut, die Blüten der verschiedenen Heidelbeersorten tauchen das Feld ab Mitte Mai in herrliche Weiß- und Rosatöne und locken Insekten an. Ein Hurlacher Imker hat seine Bienenkästen auf das Feld gestellt. Jetzt gibt es nicht nur heimische Heidelbeeren, sondern auch noch heimischen Honig von Heidelbeerblüten.