Da bewegt sich doch etwas

Thumbnail
Jürgen Leykamm
am Montag, 17.09.2018 - 13:24

Die Qualitätstrocknung Nordbayern will durch Drohnenflüge Rehkitze vor dem Mähwerk bewahren. Das Wochenblatt hat einen Flug begleitet.

Thumbnail

Die Qualitätstrocknung Nordbayern (QTN) setzt auf gentechnikfreie, heimische Eiweißfuttermittel. Zum Beispiel auf Luzerne, die von Landwirten im Vertragsanbau gesät werden, die QTN übernimmt die Ernte. Doch die Mähwerke bergen große Gefahren – vor allem für die Rehkitze, die in solchen Feldern häufig vorzufinden sind. Nun will man vor der Mahd die Tiere verstärkt durch Drohnen aufspüren und ihnen so das Leben retten.

Thumbnail
So auch auf einer Fläche bei Titting (Lks. Eichstätt). Ein Ort, der oft mit der ansässigen Brauerei in Verbindung gebracht wird. Es ist deren Chef Fritz Gutmann, der für die drei Hektar einen Anbauvertrag abgeschlossen hat. Und nicht nur das – er ist zugleich Leiter des dortigen Hegerings. Eine optimale Mischung, denn die Jäger spielen bei der Rehkitzrettung eine wichtige Rolle.

Die frühe Drohne erkennt das Reh

Als Michael Röll, der Luzerneverantwortliche von der QTN, mit einigen Waidmännern auf dem Feld eintrifft, sind Boden und Pflanzen noch recht nass. Es ist halb sechs Uhr morgens, vereinzelt liegt noch eine Decke aus Frühnebel über dem Boden. Doch es bleibt keine Zeit für Romantik. Der Ellinger Karl Heller, der einen eigenen Pflanzenbauservice betreibt und dabei Drohnen einsetzt, ist mit dem Aufbau der Anlage beschäftigt. Per Wärmebildkamera soll der Quadrocopter von oben die Rehkitze aufspüren. Das geht nur in aller Frühe, da sich später am Tag das ganze Feld erwärmt.
Mit ein paar Knopfdrücken ist alles eingestellt – die Drohne fliegt die drei Hektar automatisch ab. An der nahen Straße wartet schon das Mähwerk. Wird es angeworfen, macht es eigentlich ordentlich Lärm. Leider hilft das den Kitzen nicht – sie verfügen noch über keinen Fluchtreflex. „Ihr Schutz ist ihre Geruchslosigkeit“, so Röll. Die ist auch der Grund, warum die Rehmutter den Nachwuchs in den Feldern alleine lässt. Das Mähwerk soll ihn unbedingt verschonen, „es ist einfach furchtbar, die verletzten Tiere zu sehen“, sagt Michael Röll.
Mit den Jägern blickt er konzentriert auf den Monitor, minutenlang ist dort nur grau zu erkennen. Dann herrscht plötzlich Aufregung. „Hier bewegt sich doch was!“, rufen Hans Rudingsdorfer, Jagdpächter des Reviers Titting, sowie Jägerkollege Albert Dirsch. Heller lässt die Drohne tiefer fliegen – doch leider nur ein Fehlalarm. Ein paar Meter weiter schlägt das Kamerabild erneut auf weiß um, ein Zeichen für Wärme: „Da ist etwas!“
Röll macht sich gemeinsam mit QTN-Marketingchefin Sonja Gutmann auf Sie ist mit dem Brauereichef nicht verwandt. Mit dabei eine Plastikwanne, in der die Kitze geborgen werden sollen. Doch sie kehren unverrichteter Dinge zurück. „Vielleicht lagen da mal zwei Tiere“, meinen die beiden, denn oft bleibe der Wärmeabdruck einige Zeit erhalten. Jetzt ist klar: Im Luzernefeld ist kein Reh.

Der Treffer
am Waldrand

Also auf zu einer Wiese Gutmanns, die von Wald umrahmt ist, was für erhöhtes Rehrisiko sorgt. Hier muss Heller nicht lange die Drohnen fliegen lassen, bevor er ein lautes „Stopp!“ hört. Wieder wird ins Feld marschiert. Diesmal wird man fündig. Aber das Kitz ist schon fünf Wochen alt und hat sich den Fluchtreflex schon angeeignet. Schnell flüchtet es in den Wald, als es der beiden Menschen gewahr wird. Normalerweise liegen immer zwei Kitze beieinander, so Rudingsdorfer. Das zweite mag in diesem Fall dem Fuchs zum Opfer gefallen sein. Zumindest ist ein solcher Räuber einige hundert Meter weiter zu erblicken. Damit ist auch dieses Feld erwiesenermaßen frei von Rehen und das Mähwerk darf anrollen. Auch in der Wiese nebenan findet sich nur eine Wärmflasche, die bei solchen Suchen gerne als Referenzobjekt abgelegt wird.

Tage zuvor hat man bei einer ähnlichen Aktion mehr Glück gehabt und zwei junge Kitze bergen können. Dass sie außerhalb ihres Ablageplatzes für die Ricke nicht mehr zu finden sind, sei ausgeschlossen, erklärt Sonja Gutmann. Über lautes Fiepen machten sie sich sehr gut bemerkbar. Außerdem sei es ja nicht das Ziel, möglichst viele Tiere auf den Feldern zu finden, so Röll. Sondern dafür zu sorgen, dass kein tierisches Blutvergießen stattfindet. Natürlich könne man das Drohnenverfahren „nur auf kritischen Flächen anwenden“, stehen doch mehrere hundert Hektar Luzerne unter Vertragsanbau. Doch es soll ausgebaut werden. „Wir werden das Projekt im nächsten Jahr weiter intensivieren“, sagt Röll, der auch auf Nachahmungseffekte bei den Landwirten setzt.