Urteil

Bewährungsstrafe für Landwirt

Justitia
Alexander Kraus
am Freitag, 11.06.2021 - 10:27

Ein Nachbarschaftsstreit im Landkreis Garmisch-Partenkirchen eskalierte. Das Gericht rätselte jedoch über den genauen Tathergang.

Uffing/ Lks. Garmisch-Partenkirchen Was genau passiert ist am Abend des 5. August im vergangenen Jahr auf einem Forstweg zwischen Uffing und Schöffau, darüber rätselten selbst Richter Dr. Benjamin Lenhart und Staatsanwältin Marlies Zeck noch nach der Urteilsverkündung. Denn völlig unterschiedlich waren die Sichtweisen der Kontrahenten – und Zeugen des Vorfalls gibt es nicht. Fest steht: Es gab eine handfeste Auseinandersetzung zwischen den beiden Landwirten, die mit ihren Pferden im Schritttempo unterwegs waren. Der Jüngere wurde verletzt. Den Angeklagten verurteilte Lenhart wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer siebenmonatigen Bewährungsstrafe. Für den Vorsitzenden stand fest, dass der 40-jährige Bauer seinen Widersacher mehrfach mit einer Reitgerte geschlagen hat.

Das idyllische Landleben, wie es oft in Filmen zu sehen ist – hier zeigte es sich von der unschönen Seite. Schon seit Jahrzehnten sind die Familien zweier Bauernhöfe in einem Weiler bei Uffing im Landkreis Garmisch-Partenkirchen verfeindet. Bereitwillig berichtete keiner der beiden Beteiligten vor dem Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen von dem Streit. Erst auf mehrmaliges Nachfragen des Richters sagte der Angeklagte, dass es zwischen den Familien „nicht den besten Kontakt“ gebe, „über Jahre was vorgefallen“ sei. Sein Vater, so konkretisierte der Landwirt, sei vom Vater des Nachbarhofes immer wieder beleidigt worden, Zäune seien aufgezwickt worden. Sein Verteidiger Winfried Folda sah es so, dass „hier die archaischen Gesetze des Dorflebens zutage traten“.

Auslöser des tätlichen Angriffs waren mehrere Vorfälle in jüngerer Zeit auf dem Leonhardiritt in Benediktbeuern, bei Umzügen, Jagdversammlungen und einer Leistungsprämierung in Schwaiganger. Dort schnitt der Jungbauer etwas besser ab als der ältere vom Nachbarhof. Das habe ihm der 17-Jährige direkt unter die Nase gerieben, als sich die beiden auf der Forststraße zufällig trafen, sagte der Angeklagte.

Die Reitgerte abgenommen

Jeder führte eine dreiviertel Tonne schwere Kaltblutstute mit sich. Der junge Nachbarsbauer sei mit der Peitsche in der Hand auf ihn zugekommen, führte der Beschuldigte aus. Er habe sich bedroht gefühlt und seinem Kontrahenten die Reitgerte abgenommen, sich verteidigt. „Haben Sie ihn getroffen mit der Gerte?“, fragte der Richter. „Weiß nicht“, stammelte der Angeklagte, „kann sein, es ist schnell gegangen, ist lang her“. Lenhart wunderte sich über das wenig souveräne Verhalten des 40-Jährigen: „Da frag’ ich mich schon: Wer ist der 17-Jährige, wer ist der gestandene Mann?“

Wesentlich dramatischer schilderte das Opfer die Situation. Der Landwirt vom Nachbarhof habe einen Haselnussstecken ausgerissen und ihn damit geschlagen, berichtete der jüngere Landwirt. Fünf bis zehn Mal aufs Gesäß. Dann habe er ihm die Dressurgerte abgenommen und damit erneut fünf bis zehn Mal auf Schulter, Beine und Hinterteil eingeprügelt.

„Warum haben Sie nicht zurückgeschlagen, als er mit dem Stecken auf Sie los ging?“, wollte der Vorsitzende wissen. „Ich war unter Schock, bin wie baumverwurzelt dagestanden“, erzählte der 17-Jährige. Beim Weglaufen mit dem Pferd verletzte er sich am Knie. Noch heute leidet er unter Angstzuständen und Schlafstörungen.

Eine bestehende Rivalität

Die einzig neutrale Äußerung in dieser Angelegenheit lieferte der Polizeibeamte, der nach dem Vorfall zum Haus des Opfers gerufen wurde. Er berichtete von einem „Streitgespräch hinsichtlich der Pferdezüchterei“. Zwischen den Familien bestehe diesbezüglich offensichtlich eine Rivalität.

Einen Täter-Opfer-Ausgleich, der von der Familie des Jungbauern angeregt worden war, lehnte der Angeklagte ab. „Das war ziemlich einseitig, nicht neutral“, begründete der Pferdezüchter sein Verhalten. Er fühlte sich unter Druck gesetzt und habe schnell was unterschreiben sollen. Lenhart rügte den Beschuldigten: „Sie hätten mit dem Täter-Opfer-Ausgleich die Chance gehabt, mit einem hellblauen Auge aus der Geschichte rauszukommen.“

Möglicherweise sei der Angeklagte vom Opfer provoziert worden, räumte die Staatsanwältin ein. Das rechtfertige aber nicht die vielen Schläge, zu denen er sich hinreißen ließ, noch dazu war das Opfer minderjährig. Zeck forderte eine Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung. Florian Oppenrieder, der Anwalt des Nebenklägers, hätte sich eine Entschuldigung des „angesehenen Pferdezüchters“ gewünscht.

Dazu kam es auch nach der Verhandlung nicht. Es gab aber auch keine feindseligen Gesten im Gerichtssaal, die Gefühle kochten nicht über, es kamen keine bösartigen Blicke, keine lauten Anschuldigungen. Offensichtlich tragen die Familien aus dem Uffinger Umland ihren Streit nicht vor Zeugen aus.

Meinungen gingen auseinander

Winfried Folda hatte seine Zweifel an der Aussage des Opfers. Wie hätte sein Mandant erst mit dem Haselnussstecken, dann mit der Reitgerte zuschlagen können, ohne dass die Pferde hochgehen und weglaufen. „Die Dramaturgie des Geschehensablaufs ist an etlichen Stellen nicht plausibel“, betonte Folda. Er sprach von einem Angriff auf seinen Mandanten, dem er sich per Notwehrexzess entgegenstellte. Sein Mandant sei lediglich wegen fahrlässiger Körperverletzung zu bestrafen.

Lenhart sah es als erwiesen an, dass der Beschuldigte gezielt und mit Wucht zuschlug. „Das hat mit Notwehr nichts zu tun“, betonte der Vorsitzende. Doch auch die Version des Opfers sei nicht mal mit viel Fantasie schlüssig. „Beide Seiten haben dazu beigetragen, dass es zum Showdown gekommen ist.“ Der Richter hielt dem Angeklagten zugute, dass er ein Teilgeständnis ablegte und nicht vorbestraft war.

Abschließend wunderte sich Lenhart über die Pferde: „Dass die so ruhig geblieben sind! Das hätte auch anders ausgehen können.“ Zusätzlich zur Bewährungsstrafe muss der 40-Jährige 1000 € Schmerzensgeld an den 17-Jährigen zahlen und 2000 € an den Tierschutzverein Garmisch-Partenkirchen.