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Berchtesgadener kauft Öl-Reserven

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Kilian Pfeiffer
am Freitag, 22.07.2022 - 11:55

Gaskrise: Die Molkerei hält für den Fall der Fälle eine Million Liter Öl vor

Piding/Lks. Berchtesgadener Land Sollte im Herbst kein Gas mehr aus Russland kommen, wäre das für die Molkereien ein Horrorszenario. Gas ist Primärenergie für die Milchproduktion. „Ohne Energieversorgung müssten wir auf die Stunde die Milchabholung einstellen, könnten Milch nicht mehr pasteurisieren und müssten unsere Tanks leeren“, sagt Bernhard Pointner, Geschäftsführer der Molkerei Berchtesgadener Land mit 1800 Vertragsmilchbauern.

Eiserne Reserve im Hamburger Hafen

Seit Monaten bereiten sich Geschäftsführung, Vorstand und Aufsichtsrat des Pidinger Unternehmens auf das Szenario vor, das sich keiner wünscht. Vergangene Woche kaufte die Molkereigenossenschaft 1 Mio. l Öl – „für den worst case, und nur dann, falls wir auf Gas verzichten müssten“, erklärt Pointner. Zum Öltransport erstand die Molkerei einen eigenen Tankzug. Zwei hauseigene Fahrer sind für den Gefahrguttransport geschult worden, zudem hat die Molkerei Verträge mit Raffinerien und Großhändlern geschlossen, um im Krisenfall gewappnet zu sein und garantiert mit Heizöl versorgt zu werden. Denn die Milchproduktion ist energieintensiv.

Querformat  Pointner

Rund 4000 kW verbraucht der Betrieb in Piding pro Stunde. 25 000 l Öl würden am Tag gebraucht, sagt Pointner. Mit der vorgehaltenen Reserve könne der Betrieb ca. 45 bis 50 Tage lang aufrechterhalten werden – zu Mehrkosten: „Sind wir aufgrund eines Gas-Lieferstopps gezwungen, nur noch mit Heizöl zu arbeiten, hätten wir Stand heute zwei Millionen Euro an Mehrkosten im Monat.“

Technisch immerhin wäre die Umstellung auf Öl kein Problem. 2017 hat die Molkerei eine neue Energiezentrale zur Milchverarbeitung in Betrieb genommen, die mittels Gasturbine Strom erzeugt. Die dabei auftretende Wärme wird per Wärmerückgewinnung in Form von Dampf zur Milcherhitzung und Gebäudebeheizung genutzt. Schon früh habe man darauf geachtet, „nicht nur auf eine Energiequelle angewiesen zu sein“, sagt Pointner. Die Dampfkessel lassen sich daher sowohl mit Gas als auch mit Heizöl betreiben. „Das ist wie bei einem Hybridauto: Ist die Batterie leer, springt der Benziner an.“

Die angekauften 1 Mio. l Öl lagern derzeit im Hamburger Hafen. „Wir haben den Schlüssel für den Tank“, sagt Pointner. Bei Bedarf würde das Öl per Bahn nach Kiefersfelden transportiert und von dort mit dem eigenen Tankzug nach Piding gebracht. Der Geschäftsführer geht davon aus, dass Öl zunächst weiterhin „relativ problemlos“ erhältlich sein werde.

Die Berchtesgadener Molkerei erfasst täglich rund 1 Mio. kg Milch, weniger als 1 % des deutschen Milchmarktes. 80 % der deutschen Molkereien könnten ihre Anlagen nur mit Gas betreiben. Die Lage sei „mehr als angespannt“, sagt Pointner. „Im Moment ist alles ein Wahnsinn. Wir sind die ganze Zeit dabei, Feuer zu löschen.“ Krisenmanagement bestimme den Arbeitsalltag.

Für den Notfall hofft Pointner auf eine Gaspriorisierung, um die Milch der Landwirte weiter abholen und die Versorgung der Bevölkerung mit Milchprodukten sicherstellen zu können. Doch noch ein anderer Aspekt bereitet ihm Sorgen: Milchprodukte herstellen und abfüllen funktioniert nur, wenn auch genug Verpackungsmaterial, Paletten, Glas, Desinfektions- und Reinigungsmittel vorrätig sind. „Auch dazu haben wir zusätzliche Räume angemietet und uns bevorratet, so gut es eben geht.“

Preiserhöhungen werden notwendig

Weil der ganze Aufwand viel Geld kostet, hat die Molkerei „moderate Preiserhöhungen“ vorgenommen, bei Butter von 2,49 € auf 2,79 €. „Noch können wir einige Mehrkosten abfedern“, sagt Pointner. „Aber in so einer Energiekrise braucht es irgendwann ein neues Preisniveau, das muss jedem bewusst sein.“ Auf der Generalversammlung im April hatte Pointner die Strategie verkündet, steigende Kosten nicht voll auf die Verbraucher umzuschlagen. Auch nach der Preisanpassung ist die Berchtesgadener Butter billiger als die der Mitbewerber. Allgäu Milch Käse verlangt 2,99 €, Weihenstephan 3,49 €.