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Almsaison

Banges Warten auf den Wolf

Wolf in Wildbahn
Kilian Pfeiffer
am Montag, 11.04.2022 - 09:30

Die Almsaison steht vor der Tür – und die Almbauern haben keine Lösung, wie sie ihre Tiere vor dem Wolf schützen können. Eindrücke von der Versammlung der Bezirksalmbauernschaft Berchtesgaden.

Kaspar Stanggassinger

Er ist ein Mann, der immer deutliche Worte findet. Für das, was derzeit im Alpenraum geschieht, hat Bezirksalmbauer Kaspar Stanggassinger nur diese: Eine „total verfehlte Schutzpolitik von Großraubtieren wie dem Wolf“ werde hier vorangetrieben. „Naturschutzorganisationen und Politiker machen sich unter dem Schutzmantel des Gesetzes schuldig!“

Bei der Almbauern- und Sennerinnenversammlung der Bezirksalmbauernschaft Berchtesgaden kochte die Stimmung im Gasthaus Brenner Bräu in Bischofswiesen immer wieder hoch. Grund sind die Ende vergangenen Jahres bestätigten Wolfsrisse in den Landkreisen Traunstein, Rosenheim und im Berchtesgadener Land. Seitdem die Meldungen von gerissenen Nutztieren die Runde machten, geht die Befürchtung um, das Raubtier könne hier heimisch werden und immer wieder auftauchen. Jetzt steht die Almsaison vor der Tür. Und nicht nur die rund 70 versammelten Berchtesgadener fragen sich: Wie können wir unsere Tiere schützen?

Wie können wir unsere Tiere schützen

Brenner Bräu (2)

Weil der Wolf auch in Marktschellenberg Nutztiere gerissen hat, liegt erstmals auch das Berchtesgadener Land in der Herdenschutzförderkulisse. Weidetierhalter dort können erstmals Fördermittel für Wolfsschutzzaun beantragen. Doch Schutzzäune in steilem Almgebiet? Nicht möglich, da sind sich die Landwirte einig.

„Die Wiederansiedlung wird von politischer Seite vorangetrieben“, befürchtet Bezirksalmbauer Stanggassinger. Wenn es nach ihm geht, hat der Wolf im südöstlichsten Teil Bayerns keinen Platz. Die Gefahr sei groß, dass noch mehr Landwirte die Weidetierhaltung aufhören – weil der Aufwand zu groß wird und auch das Risiko. Dass der Schaden, der mit der Wiederkehr des Wolfes einhergehen könnte, für Almbauern den wirtschaftlichen Totalausfall bedeuten könnte, gab Landwirt Franz Kuchlbauer aus Ramsau in seinem Redebeitrag zu Bedenken. Gelenkte Beweidungsprogramme seien nicht mehr machbar, wenn die Weidetiere dafür nicht geschützt werden könnten. Kuchlbauer bestößt drei Almen im Nebenerwerb, fast nur Steilhang. Neben dem Brotberuf sei sicheres Zäunen nicht leistbar. „Irgendwann überlegt sich jeder, ob das wirtschaftlich noch Sinn macht.“ Falls Almen nicht mehr beweidet werden, sei aber nicht nur die Almwirtschaft verloren, sondern auch die Kulturlandschaft und die Artenvielfalt der Alpen. „Der wirtschaftliche Gesamtschaden für die Region ist noch gar nicht zu bemessen“, sagte Kuchlbauer.

Auch ohne Risse verbreitet ein Wolf Panik

Franz Kuchlbauer

„Ein Wolf muss kein Tier reißen, um großen Schaden anzurichten“, betonte Stanggassinger einmal mehr, was die Weidetierhalter Außenstehenden seit Langem zu Gehör bringen wollen. Es genüge schon, wenn angegriffene Tiere in Panik versetzt würden. Fliehende Tiere stürzten in der Vergangenheit am Berg in den Tod. Was passiert, wenn Tiere im Tal ausbrechen und Verkehrsunfälle verursachen, ist haftungs- und versicherungsrechtlich noch immer unklar.

Eingezäunte Nutztiere dagegen können nicht fliehen und entflammen den Jagdtrieb des Wolfes immer neu. Wenn der Wolf in einen Blutrausch verfällt, „wird alles gerissen, gehetzt und verletzt. Unendliches Tierleid ist die Folge solcher Gemetzel“, heißt es in einer Argumentationshilfe für Landwirte, die der Almwirtschaftliche Verein Oberbayern (AVO) herausgegeben hat und die auf der Versammlung auslag. Almbauern und Sennerinnen sollen damit für Gespräche mit Gästen und Touristen gerüstet sein, die für ihre Sorge oft kaum Verständnis haben.

Wolf oder Almen - die Gesellschaft muss sich entscheiden

Wiese Wolf Marktschellenberg

Stanggassinger richtete seinen Appell an die Politik: „Wenn man nur noch Vieh als Futter für ein geschütztes Raubtier hat, dann stimmt in unserer Gesellschaft etwas nicht mehr.“ Er forderte abermals, den Schutzstatus des Wolfes herabzusetzen, um eine Entnahme im Ernstfall zu erleichtern. Man solle sich klar werden, was man überhaupt beabsichtige: bestoßene Almen oder den Wolf. In Einklang könne man beides nicht bringen.

Dass Wölfe bei einem jährlichen Populationszuwachs von 30 % nicht vom Aussterben bedroht seien, brachte der AVO-Vorsitzende Sepp Glatz vor. „Der Wolf bleibt den ganzen Winter da. Wenn er ausreichend zum Fressen hat, vermehrt er sich irgendwann.“ Wölfe seien das größere Übel als im Jahr 2006 Bär Bruno. „Wenn es in unserer Region irgendwann zu einer Rudelbildung kommt, sind wir sowieso verloren“, warnte Stanggassinger und brachte damit die größte Angst der Almbauern auf den Punkt.

Viele Gemeinden sind in der Herdenschutzförderkulisse nicht gelistet

In der Herdenschutzberatung tätig ist Alfons Osenstätter vom AELF Traunstein. Folgt man seinen Aussagen, wird schnell klar, wie unübersichtlich die Thematik immer noch ist. Überhaupt nicht geklärt sei, was mit Freiweideflächen passiere. „Das beißt sich mit Schutzzäunen komplett“, sagte er. Gemeinden wie Schönau am Königssee oder Ramsau sind in der Herdenschutzförderkulisse noch nicht mal gelistet.

Kritik entzündete sich vor allem an der versprochenen raschen Ausweisung zäunbarer Flächen im Alpengebiet. Sie verzögert sich durch ein aufwendiges Prozedere weiter und weiter. Von der abgeschlossenen Ausweisung hängt jedoch ab, ob ein Wolf, der Nutztiere reißt, entnommen werden darf – geschieht das in einem als „unzumutbar zäunbar“ klassifizierten Gebiet, wäre eines von mehreren Kriterien für eine Entnahme erfüllt.

Plötzlich war die Förderung gedeckelt

Anfang des Jahres hatte die Staatsregierung plötzlich die Förderung für Zaunmaterial und -montage landeseinheitlich gedeckelt. Nach massiven Protesten wurden die Referenzkosten im Berggebiet von 13 € auf 18 € pro laufendem m Festzaun erhöht (Elektrolitzenzaun von 3,50 € auf 4 €/m). Ein Preis, der laut Osenstätter aber immer noch weit unter den realen Kosten fürs Zäunen im Berggelände liegt. Vize-Kreisobmann Michael Lichtmannegger aus Bischofswiesen ärgerte, dass die Tierhalter für die Kosten auch noch in Vorleistung gehen, sich zehn Jahre zum Erhalt des Zauns verpflichten und diesen laufend ausmähen müssten. Eine Vergütung für den Unterhalt von Herdenschutzmaßnahmen wird seit Langem gefordert – bisher vergeblich.

Nicht nur für die Alm- und Weidewirtschaft befürchten viele mit der Wiederkehr des Wolfes weitreichende Konsequenzen. Auch die Touristiker im Berchtesgadener Talkessel sorgen sich, dass die Angst vor dem Raubtier Gäste künftig gleich mit in den Urlaub begleitet. Oder sie im schlimmsten Fall erst gar nicht buchen. Das treibt auch Ramsaus Bürgermeister Herbert Gschoßmann um. Er sprach auch für die fünf benachbarten Talkessel-Gemeinden, Berchtesgaden, Bischofswiesen, Schönau am Königssee und Marktschellenberg: „Bei uns gibt es Strukturen. Die haben sich seit Jahrzehnten bewährt. Sie vertragen sich nicht mit dem Wolf“, sagte Gschoßmann. Der Wolf habe eine Daseinsberechtigung. „Aber nicht hier bei uns.“