Milchviehhaltung

Anbindehaltung: Tierwohl sorgt für Wirbel

Dietmar Fund
am Donnerstag, 05.11.2020 - 09:08

Eine Diskussion um die Zukunft der Anbindehaltung und der dazu passende Vortrag eines Jungbauern aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck prägten den vierten Info-Treff Milch des Verbandes der Milcherzeuger Bayern.

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Was bekomme ich in nächster Zeit für meine Milch, von welchen Faktoren hängt der Preis ab und welche Zukunft hat mein Betrieb überhaupt noch? Das beschäftigt gerade die kleineren, für Bayern typischen Milchbauern angesichts der Corona-Pandemie und der Tierwohldiskussion intensiv. Das zeigte auch der vierte und letzte von vier Info-Treffs Milch, den der Verband der Milcherzeuger Bayern e. V. (VMB) Mitte Oktober veranstaltete.

Der Vorstandsvorsitzende Wolfgang Scholz hatte dorthin mit dem 31 Jahre alten Betriebsleiter Alexander Rasch aus Hörbach im Landkreis Fürstenfeldbruck bewusst einen Vertreter der nächsten Generation als Referenten eingeladen. Sein Thema lautete „Mehr Tierwohl und Nachhaltigkeit ohne Strukturbruch in der süddeutschen Milchviehhaltung“.

„Das Tierwohl beschäftigt mich schon lange“

VMB-AlexanderRasch

Rasch ist nach einer landwirtschaftlichen Lehre 2007 in den elterlichen Betrieb eingestiegen und seit 2012 Landwirtschaftsmeister.

Zum 1. Juli 2020 hat er den Hof übernommen und beschäftigt seine Eltern als Angestellte weiter. Er hält 55 Milchkühe und bewirtschaftet 32 ha Ackerland, 17 ha Grünland und 3 ha Wald. Eine Photovoltaik-Anlage ist als Gewerbe angemeldet und rund die Hälfte des Einkommens geht auf das Holzrücke-Unternehmen zurück, das der Vater mit drei Vierteln seiner Arbeitskraft für die Staatsforsten und für private Waldbesitzer betreibt.

„Das Tierwohl beschäftigt mich schon lange“, erklärte der Jungbauer, der auch Ortsobmann des Bayerischen Bauernverbandes und in der zweiten Wahlperiode Gemeinderat in Althegnenberg ist. „Meine Eltern haben 1990 schon einen Laufstall eingeweiht, als man noch die Anbindehaltung als effektivste Haltungsform empfohlen hat.“

Nach seinem Eintritt in den Betrieb habe er 2009 die Kälberhaltung aus dem Kuhstall herausgenommen und im alten Kälberbereich einen Trockensteher- und Abkalbbereich eingerichtet. Von Komfortliegematten habe er 2013 auf Einstreu umgestellt, dafür schließlich Strohmehl gewählt und eine Strohmühle angeschafft. Für eine stabile, durchgängige Nährstoffversorgung und um nicht bei miserablem Wetter mähen zu müssen, habe er 2014 auf Ganzjahressilage umgestellt.

Hohes Tierwohllevel, aber keine entsprechende Vergütung

2019 wurde der relativ niedrige Laufstall für rund 3500 € mit einer einfachen Lüftungstechnik nachgerüstet, um Hitzespitzen kappen zu können. Als nächster Schritt schwebt Rasch nun ein Weideaustrieb vor – auf der zwei Hektar großen Fläche direkt an den Hof angrenzend.

„Derzeit ist der Weideaustrieb, mit dem ich nahe an die Bio-Haltung käme, für meine Molkerei Gropper in Bissingen kein Kriterium“, berichtete der Junglandwirt. „Wir erfüllen zwar die Kriterien für eine höhere Stufe des Tierwohl-Labels, werden aber wegen unzureichender Nachfrage nicht danach vergütet.“

Rasch möchte dennoch bei maximal 55 Kühen bleiben. Er liebäugelt damit, eine Direktvermarktung aufzuziehen. Sein nüchternes Fazit: „Wenn ich mich in den nächsten Jahren gegen Milchvieh entscheiden müsste, gingen wegen der älteren Substanz des Betriebes nicht so viele Investitionen flöten.“

Kombi- als nächste Stufe zur Anbindehaltung

Der junge Referent ist mit seinem Laufstall schon ein Stück weiter als einige der rund Dutzend Milcherzeuger, die ihm zuhörten. Das ließ sich aus der Anmerkung eines Landwirts ableiten. Er sprach ein Schreiben der Wasserburger Privatmolkerei Bauer an. Sie habe ihren Landwirten angekündigt, ab Ende 2023 keine Milch aus der Anbindehaltung mehr anzunehmen.

Wie eine Nachfrage bei der Molkerei ergab, ist dies so nicht richtig. Vielmehr hat es sich die Privatmolkerei Bauer gemeinsam mit den Vertretern der Milcherzeugergemeinschaften (MEG) zum Ziel gesetzt, all ihre zuliefernden Betriebe mit ganzjähriger Anbindehaltung bis Ende 2023 mindestens auf die nächste Stufe umzustellen. Das wäre die sogenannte Kombihaltung, bei der sich die Milchkühe eine bestimmte Anzahl von Tagen pro Jahr im Laufhof oder auf der Weide frei bewegen können – diskutiert wird laut VMB eine Spanne zwischen 90 und 120 Tagen.

Für den Geschäftsführer Dr. Michael Münch sowie den Leiter der Rohstoffbeschaffung, Tobias Häusl, ist dies „der einzig zukunftsträchtige und damit alternativlose Weg“.

Molkereien stehen selbst unter Druck

Es sei ihr Auftrag, ihren Betrieben auch weiterhin eine sichere Heimat zu einem fairen Milchpreis zu gewährleisten. „Weil der Ruf der Gesellschaft und dementsprechend der Druck des Handels immer größer wird, Produkte aus Laufstall- und Kombinationshaltung herzustellen, müssen wir es schaffen, möglichst all unsere Betriebe in dieser Zeit umzustellen“, erklärt Münch dazu. „Deshalb bewerben wir seit 2012 die Haltungsberatung des LKV.“

Um die Landwirte weiter zu unterstützen, übernehme die Privatmolkerei Bauer seit Anfang des Jahres die Beratungskosten und habe eine Hofberaterin eingesetzt, um als Ansprechpartner der Molkerei vor Ort auf den Betrieben zu sein. Weil es dem Unternehmen bewusst sei, dass eine Umstellung mit einem großen Aufwand verbunden ist, werde zudem über eine gewisse Karenzzeit nachgedacht.

Molkereien versuchen sich abzusichern

Auf die unterstützende Beratung der Landwirte durch Molkereien wies auch Philipp Moosner hin, Vorstandsvorsitzender der Milcherzeugergemeinschaft (MEG) Rosenheim-Bad Aibling eG. Er berichtete, dass sich die Molkereien mit neuen Verträgen für den Fall absicherten, dass sie Milch aus Anbindehaltung künftig schlechter absetzen könnten. Molkereien, mit denen seine MEG Verträge habe, müssten Mindererlöse für diesen Fall nachweisen.

Die Landwirte könnten mit dem neuen Vertrag auf Kosten der Molkerei die Haltungsberatung des LKV in Anspruch nehmen. „Der Handel will Verbesserungen beim Tierwohl und das Kombimodell mit mindestens 120 Tagen Weidehaltung wird der Mindeststandard“, betonte Moosner.

Die Entwicklungen erkennen und richtig reagieren

Ähnlich äußerte sich auch Wolfgang Scholz, der Vorstandsvorsitzende des VMB. „Wir als Branche müssen zeigen, dass wir uns auf den Weg machen“, erklärte er. „Wir müssen jetzt aufpassen, dass nicht Verbandsvertreter gegen eine Entwicklung angehen, gegen die sich der Vermarkter nicht mehr wehren kann.“

Scholz gab den Skeptikern zu bedenken, dass Maßnahmen für mehr Tierwohl bei Berufskollegen im Norden und Nordwesten Deutschlands immer auf mehr Zustimmung als in Bayern stießen. „Bayern ist immer der Bremser“, sagte er. „So besteht die Gefahr, dass der Lebensmitteleinzelhandel seinen Weg ohne Bayern geht.“ Laut VMB-Geschäftsführer Dr. Hans-Jürgen Seufferlein trifft das Selbstbild der Bayern, das Land der Weidehaltung zu sein, überhaupt nicht zu. Vielmehr habe Bayern den geringsten Anteil der Weidehaltung in Deutschland, weil für die vielen Nebenerwerbs-Landwirte der Viehaustrieb schwierig sei.

Ersatzmilch fast so bedeutend wie Biomilch

Nach einem ruhigen Jahr 2019 mit zum Jahresende ansteigenden Milchpreisen hat die Corona-Pandemie auch den Milcherzeugern ein stürmisches Jahr 2020 beschert. „Von Januar bis April 2020 sind zuerst die Preise für Milchpulver und dann die aller Standardprodukte am Weltmarkt deutlich gesunken“, berichtete Jürgen Geyer, Leiter der VMB-Geschäftsstelle Schwaben in Kempten und Marktspezialist des Verbandes.

„Im ersten Quartal ging der Welthandel mit Magermilchpulver um 7,71 %, der mit Vollmilchpulver um 5,6 % und der mit Käse um 3,05 % zurück. Die Grenzschließungen in den wichtigen Exportmärkten Italien und Spanien haben insbesondere die darauf spezialisierten Molkereien gespürt, während diejenigen, die vornehmlich den Lebensmittel-Einzelhandel bedienen, im Vorteil waren.“ Für das zweite Halbjahr stellte Geyer eine leichte Erholung durch wieder anziehende Importe von China und die gute Entwicklung im Lebensmittel-Einzelhandel fest. Erfreulich sei auch, dass es für Butter wieder einen Exportmarkt gebe.

„Biomilch ist derzeit wieder im Trend“, sagte Geyer. „Aber die Steigerungen bei Soja- und anderer Ersatzmilch bleiben so hoch, dass deren Absatz bald das Niveau von Biomilch erreicht hat.“

Als neuesten Trend schilderte der Experte, dass die Verbraucher kein Fett, aber viel Eiweiß wollten und daher zu „Skyr“ griffen. Das aus Island stammende Milchprodukt, das wie eine Mischung aus Joghurt und Magerquark schmeckt, sei derzeit der neue „Hoffnungsträger“.