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Reportage

Amerikanischer Traum lebt noch: Bayer als Landwirt in Kanada

Tanken auf dem Acker: Der Pickup bringt 650 Liter Diesel mit. Das reicht knapp für einen Tag.
Hans Fritz
am Mittwoch, 17.08.2022 - 12:00

Jonas Barthuber wurde vor 32 Jahren auf dem Hof unseres Autors in Stetten bei Rimsting in Oberbayern geboren. Heute betreibt er in Kanada ein Lohnunternehmen. Hier seine Erfolgsgeschichte.

Jonas Barthubers Eltern versorgten über den Winter 1986/87 meinen Hof und molken die Kühe, als ich mit meiner Familie für ein halbes Jahr in Kanada am Eriesee lebte. Als wir zurück waren, bauten wir mit Jonas᾽ Eltern eine Direktvermarktung auf und sie blieben am Hof. Jonas verbrachte jede freie Minute auf dem Beifahrersitz des Traktors und später – sobald er die Kupplung treten konnte – auf dem Fahrersitz. Nachdem er die Waldorfschule in Prien beendet hatte, ging er in Rosenheim in das Berufsgrundschuljahr für Landwirtschaft.

Jonaus Barthuber sucht ständig neue Arbeitsfelder.

Barthuber wollte eine praktische Ausbildung als Landwirt machen, reiste zuvor – im Jahr 2009 – aber nach Kanada und lernte seinen jetzigen Geschäftspartner Jim, der im Minengeschäft reich geworden war, kennen. Jonas heuerte auf Jims 25 ha großer Hobbyfarm als Traktorfahrer an, um sein Taschengeld aufzubessern. Jim erkannte schnell das Potenzial, das in Jonas steckt, und bot ihm den Job als Farmmanager an. Und Jonas blieb.

Geschäftsmodell mit reichen Städtern

Weil es ihm mit nur 25 ha schnell langweilig wurde, fing er an, Grünland zu pachten, darauf Heu zu ernten und es zu verkaufen. Zugute kam ihm dabei das kanadische Recht. Die Grundstückseigentümer aus Vancouver müssen hohe Grundsteuern zahlen, es sei denn, die Flächen werden landwirtschaftlich genutzt. Barthuber kann deshalb oft 20 bis 30 ha für nur einen Dollar jährlich pachten und hat inzwischen 250 ha beisammen.

Maschinenpark und Team Barthuber

Das erforderte – zu seiner Freude – größere Maschinen, die dennoch unrentabel blieben. Der Technikfreak begann, seinen Maschinenpark bei anderen Farmern einzusetzen. Heute zählen acht Schlepper von 140 bis 480 PS und sämtliche Maschinen zur Bodenbearbeitung sowie ein Jauchefass mit 27 m³ Fassungsvermögen und ein Miststreuer mit 25 m³ Fassungsvermögen zum Maschinenpark.

Gülle für Bioheu gut verwertet

Barthuber bekommt seine Aufträge vor allem von Milchviehhaltern. Neben der Technik ist auch sein Wissen als Berater gefragt. Betriebe, die ihre Gülle auf dem eigenen Land nicht mehr unterbringen, bezahlen Jonas für das „Entsorgen“. Er verwertet die Überschüsse auf seinen 250 ha Grünland, spart sich den Mineraldünger und verkauft das Heu als Bioheu.

Junge deutsche Bauern sind willkommen

Gute Traktorfahrer holt sich Jonas aus seiner ursprünglichen Heimat. Junge deutsche Landwirte können 3 bis 6 Monate bei ihm arbeiten. Manche sind schon das zweite oder dritte Mal da. Eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, ist kein Problem. Barthuber stellt eine Wohnung kostenfrei und zahlt den Beitrag für die Berufsgenossenschaft. Der Stundenlohn liegt bei rund 18 € netto.

Zaunbau und Steinfräse in den Arbeitslücken

Um Vancouver gibt es auch Regentage und im Sommer längere Trockenzeiten. Für den Unternehmer sind das Arbeitslücken, die es zu füllen gilt. Also begann er mit dem Bau von Rinderzäunen. Zum Einrammen der Pflöcke hat er einfach eine Rüttelplatte an den Ausleger seines Raupenbaggers angebaut. Die Nachfrage ist vorhanden. Kleinere, schwer mechanisierbare Grundstücke werden wegen der Grundsteuer – siehe oben – eingezäunt und mit Rindern bestückt. Die werden im Frühjahr gekauft und im Sommer wieder verkauft. Und weil sich manche Grundbesitzer damit nicht auskennen, betreibt Jonas jetzt auch noch Mutterkuhhaltung mit 30 Rindern. Auch da hat er wieder Leute, die sich um die Rinder kümmern.

Ein Faible für Technik aus der Heimat: Fast der gesamte Maschinenpark Brandhubers kommt aus Europa.

Ein weiterer Arbeits-Lückenfüller ist die 6 Tonnen schwere Fräse zum Steinezertrümmern, die er wie fast alle seine Maschinen aus Europa kaufte. Die hängt an dem 14 Tonnen schweren Traktor mit einem 480 PS-Motor aus Deutschland. Futterpflanzen, wie Mais und Gras für Milchkühe, sieht man häufig in der Region um Vancouver. Die übrigen Flächen werden fast ausschließlich für Sonderkulturen genutzt. An erster Stelle stehen hier Blaubeeren. Sie wachsen an Sträuchern in der Größe wie Johannisbeeren. Nach 30 Jahren müssen die Pflanzen gerodet und entsorgt werden. Derzeit sind viele Felder von einem Pilz befallen und müssen deshalb bereits früher gerodet werden. Eine mühsame Arbeit.

Steinfräse fräst auch Blaubeeren

Auch hier hatte Jonas eine Idee. Er hat versucht, die Sträucher mit seiner Steinzertrümmerungsfräse einzufräsen. Und weil das auf Anhieb gleich sehr gut funktionierte, hat er derzeit sehr viele Aufträge. Der positive Nebeneffekt: Das Holz der Stauden macht den Boden sauer, was die neuen Blaubeerpflanzen sehr mögen.

Die Logistik ist bei diesen Dimensionen immer eine Herausforderung. Der Traktor verbraucht mit der schweren Fräse bis zu 1000 l Diesel am Tag. Das wird in einem 650-Liter-Tank – auf einem Pick-up montiert – zum Einsatzort gefahren und dort in den Traktortank umgepumpt. In den Arbeitsspitzen wird der 10 000-Liter-Tank am Hof jede Woche mit Agrardiesel (60 Eurocent / l) nachgefüllt.

Ordnung ist das Grundprinzip

Schlepper mit Pflug

Ordnung ist ein Grundprinzip von Barthubers Firma. Für jede Maschine gibt es eine eigene beschriftete Schublade mit den wichtigsten Ersatzteilen auf Vorrat. Die Werkzeuge an der Werkstattwand sind alle farblich gekennzeichnet, damit sie nach Gebrauch wieder an den richtigen Platz zurückkommen und alle neuen Fahrer sie sofort finden, denn Zeitverlust in der Hauptsaison ist keine Option. Es würde sehr viel Geld verloren gehen und die Kunden wären unzufrieden. Alle acht Stunden werden die Maschinen mit einer akkubetriebenen Fettpresse nachgeschmiert. Die regelmäßigen Ölwechsel werden an Regentagen durchgeführt.

Rüstzeug aus Rosenheim

Auf die Frage, woher er denn das Kalkulieren und die Büroarbeiten gelernt hat, antwortet Barthuber: „In dem Berufsgrundschuljahr in Rosenheim. Praxiserfahrungen hab ich auf dem Hof in Stetten gemacht und auf einem größeren landwirtschaftlichen Betrieb bei Seeon“.