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Ältester Senner

Almliebe auf Umwegen

Wallner-Alm: Links ein Bild eines Pärchens, das schon älter ist. Rechts ein Bild von der Alm.
Kilian Pfeiffer
am Freitag, 25.11.2022 - 09:40

Spätberufen, aber angekommen: Oskar Wallner geht seit sechs Jahren auf die Alm. Mit 83 Jahren ist er der älteste Senner im Berchtesgadener Land.

Kuh-Hera-Alm-Wallner: Eine Kuh steht im Türstock. Man sieht nur ihr Hinterteil.

Es gibt dieses Bild von Kuh Hera. Entstanden ist es auf der Lattenbergalm: Das Fleckvieh war einfach so in den Almkaser reinspaziert. Halb stand sie im Schlafzimmer, halb im Flur. Für Oskar Wallner war das einer dieser Momente, die für ihn das Almleben ausmachen und ihm Kraft schenken – auch wenn Kraft allein in diesem speziellen Fall auch nicht grad geholfen hat. Um die 18-Zentner-Kuh wieder rauszubringen, musste Wallner schon über das Rind klettern, um es rückwärts wieder aus der Hütte zu lotsen. „Dabei ist nichts kaputt gegangen”, freut sich der gebürtige Inzeller rückblickend.

Seit sechs Jahren bewirtschaftet Oskar Wallner das auf 1480 m gelegene Domizil, die Lattenbergalm, mitten im Nirgendwo am Almerlebnisweg im Bergsteigerdorf Ramsau. Mit 83 Jahren ist er der älteste Senn im Berchtesgadener Land. Er betreut im Sommer 23 Jungrinder. Ans Aufhören denkt er nicht – trotz Bypass, neuer Herzklappe und zweier künstlicher Knie.

Almliebe erst spät entdeckt

Dass er mal Senn würde, daran war lange gar nicht zu denken. Wallner ist gelernter Schriftsetzer, arbeitete 50 Jahre in seinem Beruf. „Heute würde man Mediengestalter sagen,“ meint er. Im Oktober 1939 kam er zur Welt: Es waren schwierige Zeiten während der Kriegsjahre. „Das Essen war immer knapp und meine Mutter wusste oft nicht, was sie den hungrigen drei Söhnen und der Tochter zum Essen vorsetzen sollte“, erinnert er sich.

Aufgewachsen ist der Oberbayer in Ruhpolding im Landkreis Traunstein, zwischen zwei Sägewerken, der Mayergschwendter- und der Geiersäge. „Das war Abenteuer genug“, sagt er. Seine Liebe zum Holz sei damals entstanden. Mit seiner Frau Maria, die er 1960 heiratete, bekam Oskar Wallner drei Kinder. Eines davon, Andreas, war ein hoffnungsvolles Langlauf-Talent. Doch der Erfolg währte leider nicht lange. Der Sohn erkrankte an Leukämie. Mit 16 Jahren starb er. Ein Schicksalsschlag, der Oskar Wallners Leben nachhaltig prägte.

Stolzer Opa und Uropa

Der Tod des Sohnes schlug ein tiefes Loch ins Leben der Eltern. „Zwei Jahre brauchten wir, bis wir uns wieder einigermaßen gefangen hatten”, erzählt er. Das Leben ging weiter, es musste. Schon der anderen Kinder wegen durfte sich die große Familie nicht aufgeben. Heute ist Oskar Wallner Großvater und Urgroßvater, er hat sieben Enkel und acht Urenkel.

Am familiären Glück kann Ehefrau Maria nicht mehr teilhaben. Oskar verlor sie, seinen „Fels in der Brandung“, an Darmkrebs, kurz vor seinem 70. Geburtstag. 13 Jahre liegt das jetzt zurück. Seine Frau hat er während der Krankheit gepflegt, am Ende wog sie nur noch 36 kg. „Für mich brach eine Welt zusammen“, sagt er. Von nun an lebte er alleine im Haus.

In den Bergen sucht er Zuflucht

Als begeisterter Berggeher suchte er Zuflucht in der Natur, weit oben. „Ein Jahr lang war ich nur in den Bergen unterwegs und betrieb Raubbau an meinem Körper”, sagt er. Ein Jahr der Trauer, dann folgte die glückliche Fügung auf der Mitterkaseralm. Dort lernte er beim Abstieg vom Watzmann Irmi kennen, die Sennerin am Mitterkaser. Die beiden verstanden und schätzten sich. Aus einer Bekanntschaft wurde Liebe.

Vier Sommer verbrachten sie auf der Alm, eine glückliche Zeit. Gleiche Interessen verbanden, Berge, Natur und Tiere sowie die Liebe zur Alm. Sechs Jahre wohnten sie zusammen. Dann der nächste Schicksalsschlag: Die Diagnose Gebärmutterhalskrebs erreichte seine Lebensgefährtin unerwartet. „Ich habe nie gefragt, warum passiert gerade mir das alles“, sagt der Senn. „Ich habe es einfach hingenommen.“

Mit 76 Jahren übernahm er das erste Mal die Alm

Fuikl-Alm-Wallner: Auf einem Holztisch liegen viele Blumengestecke, mit denen die Rinder für den Almabtrieb geschmückt werden.

Weil sich die Welt weiterdreht, wie er immer wieder sagt, nahm er ein Angebot der Ramsauer Landwirtsfamilie Kuchlbauer an. Schon Jahre vorher hatten sie Oskar Wallner gefragt, jetzt sagte er "Ja" und übernahm die Lattenbergalm, jene Hochalm am Ramsauer Almerlebnisweg. Zehn Jahre lang war der Kaser dort oben verwaist. Und Oskar Wallner war ja schon 76 Jahre alt. „Eine große Herausforderung für mich“, gibt er zu. Mit dem Alter ist alles nicht mehr so einfach wie früher.

Weder künstliche Gelenke noch der Bypass hinderten Oskar Wallner daran, den Kaser wieder auf Vordermann zu bringen. Gemeinsam mit seinem Freund Georg Weber unterfing er die Almhütte und baute eine Mauer zur Stabilisierung. Mit Holz zu arbeiten, das bereitet dem handwerklich geschickten Mann sowieso schon seit der Kindheit Freude. Jetzt arbeitete er nicht nur mit Holz, sondern auch im Holz. „Wir mussten viel Käferholz aufarbeiten“, berichtet er.

Auf der Alm fällt zudem das Jungvieh unter seine Obhut. Die Zeiten, in denen der Senn dort oben noch die Kühe melken und Käsen musste, sind schon lange vorbei. Wallner hat trotzdem genug zu tun, sich um die Tiere zu kümmern und jeden Tag durchzuzählen, ob noch alle da sind.

Einfaches Leben auf der Alm - ohne Strom und Wasser

Am Lattenberg wohnt er in archaischen Verhältnissen. Strom und Leitungswasser gibt es nicht. Eine Bewirtung gibt es auf der Lattenbergalm auch nicht, vielleicht mal ein Schnapserl unter Bekannten. Die Alm ist keine klassische Besucheralm mit Ausschank.

Als eines Nachts trotzdem rund 40 Wanderer mit Stirnlampen vorbeikamen und durch die Fenster ins Innere leuchteten, war die Sorge erst mal groß. Heute lacht der Senn: „War alles halb so schlimm.”

Oskar Wallner verbringt seine Nächte heute nicht mehr alleine auf der Alm. An seiner Seite ist seit vier Jahren Christa Forster. Die 82-Jährige kennt er seit Jahrzehnten. Sie ist seine „Blumenfrau”, denn sie schmückt die Alm mit bunten Blumen. „Wir wollen es ja schön haben“, sagt die neue Lebensgefährtin aus Eisenärzt (Landkreis Traunstein). Christa kümmert sich auf der Lattenbergalm auch um die Verpflegung des Senner-Duos. Einfache Gerichte gibt es: Nudeln, Pfannkuchen, nichts Besonderes. „Wir haben nur einen kleinen Ofen”, sagt sie.

Enges Verhältnis zum Vieh auf der Alm

Auf der Alm haben die Kühe alle einen Namen verpasst bekommen: Hera, Silve, Braunei. „Man baut zu den Tieren ein enges Verhältnis auf“, sagt Oskar Wallner. Zuhause pflegt der Senn eine umfassende Kuh-Sammlung geschnitzter Exemplare. Nicht mehr wegzudenken sind zudem die Kuhglocken. Sie sind Musik in den Ohren des Alm-Paares. „So ein schönes Geläut”, sagt Oskar Wallner und sehnt den nächsten Almsommer herbei.

Ob er es tatsächlich noch mal tun wird und mit seiner Christa raufgeht auf die Alm, das hängt von der Gesundheit ab. Trotz Notfallhandy und einigermaßen guter Erreichbarkeit der Lattenbergalm mit dem Auto, liegt sie fernab vom Schuss, wie man sagt. Lust an der Arbeit auf dem Berg haben beide. Aber auch genug Verantwortungsbewusstsein, sich selber gegenüber und dem geliebten Vieh.

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