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Weidetierhaltung

Almauftrieb: Zum Wolf kommt noch der Bär

Barbara Höfler
am Donnerstag, 02.06.2022 - 16:05

15 Schafe wurden in Tirol wohl von einem Bären gerissen. Die Angst geht mit beim diesjährigen Almauftrieb.

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Mittenwald/Lks. Garmisch-Partenkirchen Nach dem Riss von 15 Schafen mutmaßlich durch einen Bär bei Scharnitz in Tirol sind auch auf der bayerischen Seite der Alpen die Weidetierhalter in Alarmbereitschaft. Die Almauftriebe sind dieser Tage in vollem Gange. Aber die Stimmung sei „unterirdisch“, sagt Andreas Leitenbauer, Vorsitzender der Weidegenossenschaft Farchant. „Jeder von uns weiß, dass er bald der nächste sein wird. Wenn nicht in der Saison, dann in der nächsten.“

Erinnerung an Bär Bruno

Auf den Reschbergwiesen in Farchant riss Bär Bruno im Mai 2006 die ersten Schafe in Bayern. Nicht nur bei Leitenbauer werden nun Erinnerungen wieder wach. 200 Schafe, 180 Stück Jungvieh und 20 Rösser mit Fohlen bringt die Weidegenossenschaft zum Auftrieb. Sie bestoßen 2500 ha Almfläche um vier Berggipfel herum, steiniges, steiles, weites Gebiet. „Alles unzäunbar“, sagt Leitenbauer. „Für Wolf und Bär das reinste Schlaraffenland.“

Von der Politik ist Leitenbauer komplett enttäuscht. Touristisch hochfrequentierte Almweidegebiete müssten wolfs- und bärenfreie Zonen sein. Im Hinblick auf rechtliche Lösungen sei alles versäumt worden. Sollte der erste Riss geschehen, treibe man die Tiere heim und lade die Kadaver an öffentlichen Plätzen ab, kündigte der Weidegenossenschaftsvorsitzende an.

Wie geplant findet zunächst auch bei der Mittenwalder Weidegenossenschaft der Auftrieb der 450 Schafe, 180 Ziegen, 240 Rinder und 40 Pferde statt. Doch ob es für die Tiere nach Johanni rauf auf die Hochalm geht, mache man erst von den Untersuchungsergebnissen aus Tirol abhängig, sagt Christian Neuner, Vorstandsmitglied der Mittenwalder Schafhalter. Für den Fall, dass es sich um einen oder mehrere womöglich sesshafte Bären handelt, suche man ein „Notfallprogramm“. Dann würde die Hochalm nicht beweidet. Das sei eine traurige Nachricht für den Naturschutz. „Aber wir werden kein unnötiges Tierleid in Kauf nehmen.“

Bei Neuners Bruder Andreas riss Bruno vor 16 Jahren drei Schafe, drei weitere mussten getötet werden. Barbara Maurer aus Klais war beim Aufladen dabei. „Einfach zerfetzt“ habe der Bär die Schafe. Familie Maurer-Krötz züchtet Juraschafe, Gescheckte und Schwarze Bergschafe. Die 150 Tiere beweiden im Sommer 30 ha in der Landschaftspflege, verteilt auf mehrere Flächen zwischen Garmisch-Partenkirchen und Mittenwald. Zwei Mal am Tag fuhren sie damals alle Weiden zur Kontrolle ab. Ein Aufwand, der nun wieder droht. „Den Bär juckt ein E-Zaun nicht“, sagt Maurer, was auch die Schafbauern auf der gezäunten Bäralp feststellen. Ihre Tiere haben sie abgetrieben.

Warnung vor Ausflügen

Der Tiroler Revierförster Gregor Pimingsdorfer warnte diese Woche vor Spaziergängen im Karwendeltal. „In Abstimmung mit den zuständigen Behörden“ würden Schritte, wenn notwendig eingeleitet, sagt Sabine Blandau, Geschäftsführerin des Tourismusverbands Alpenwelt Karwendel. Auf bayerischer Seite ist derzeit nichts dazu geplant.