Almsommer

Almabtrieb: „Aus is mim Summa“

Almpersonal-Kiening-Schlemm_MR
Max Riesberg Portrait
Max Riesberg
am Donnerstag, 22.10.2020 - 12:57

Im Tegernseer Tal feiern die Bauern ein gutes Ende des Ausnahmesommers 2020 mit farbenprächtigen Almabtrieben – ein Lichtblick in dieser Zeit.

Almabtrieb Kirchenbauern Kreuth 2020 02

Von den Gipfel der Tegernseer Berge grüßt schon der Schnee und lässt erahnen, dass es in der Höhe jetzt immer unangenehmer wird. Die Weiden sind bis auf den letzten Halm vom Vieh kahlgefressen und auch die Tage sind spürbar kürzer geworden. „In der Früh, wenn wir in den Stall gehen ist es jetzt noch stockfinstere Nacht“, erzählt Anton Maier aus Rottach-Egern, der in diesem Jahr mit 15 Kühen, 16 Stück Jungvieh und sechs Kälbern am 23. Mai auf seine Wechselalm gezogen ist.

Im Hochsommer marschiert die Herde dann noch ein Stück höher auf die Sieblalm, wo sie etwa sieben weitere Wochen verbringt. Jetzt sind die komplette Familie Maier und ihre fleißigen Helfer im neuen Anbindestall auf dem Niederleger damit beschäftigt, die Herde für den Almabtrieb herauszuputzen. Denn der Sommer 2020 ist Geschichte. „149 Almweidetage, so lange ging es noch nie“, zieht Maier Bilanz. Und das Futter sei gewachsen, was das Zeug hergibt.

Almabtrieb Schlemm 2020 08

Traditionell findet der Almabtrieb beim Derschbauer immer am Kirchweihsamstag statt und ist auch ein beliebtes Ausflugsziel für die Bauern aus der Region und dem benachbarten Tirol.

Doch heuer hat das Wetter den Heimkehrern von der Wechselalm einen Strich durch die Rechnung gemacht und aufgrund des Dauerregens hat man sich kurzerhand dazu entschlossen, den Almabtrieb um einen Tag zu verschieben, auf Kirchweihsonntag. „Zehn Jahre konnten wir jetzt diese Tradition weiterführen. Aber wenn es nicht geht, dann geht es eben nicht“, sagt Maier klar und letztlich habe in der Landwirtschaft ohnehin immer das Wetter das letzte Wort.

Dreimal eingeschneit

Almabtrieb Deusch 2020 01

In diesem Jahr hat es den Dersch und sein Vieh auf der Alm sogar schon dreimal eingeschneit. „Da mussten alle Tiere im Stall bleiben und die Arbeit wurde dann gleich wieder spürbar mehr, wenn wir oben zufüttern müssen, obwohl im Herbst die Milchleistung zurück geht“, berichtet der Bezirksalmbauer von Tegernsee. Aber sein typvolles und prächtig aufgehörndeltes Fleckvieh steht einfach hervorragend da zum Ende des Almsommers 2020.

Jetzt zum Abmarsch noch etwas prachtvoller als sonst, denn die sogenannten Aufstecker, Kopfschmuck mit den Initialen der Bauersleut oder der religiösen Inschrift IHS, das Kreuz mit den Disteln und die Almbuschen aus Wacholderzweigen krönen ihre Häupter.

Aufwändig geschmückt

Sogar eine aufwändige doppelte Krone aus Almrauschgrün gebunden und liebevoll mit roten Blumen aus Krepppapier verziert, ist dabei. Sie wird von einer der ältesten und tierschauerfahrenen Kuh in Derschs Stall, der zehnjährigen Mandela-Tochter Bepi, stolzen Hauptes ins Tal getragen. Zum zehnten Mal geht sie in diesem Jahr den rund 7,5 km langen Weg nach Hause und wird ebenso wie ihre Stallkollegen von den Zaungästen am Derschhof in Ellmau erwartet.
Hier geht es für die Heimkehrer unter lautem Glockengeläut dreimal ums Haus, wie es bei Familie Maier zu Kirchweih der Brauch ist.

Lichtblicke in dieser Zeit

Die farbenfrohen Almabtriebe sind wahre Lichtblicke in der schwierigen Zeit. Und für die Bauern ist es ein Lohn für wochenlange Arbeit beim Kranzzeugbinden, wenn sie dem ein oder anderen zufälligen Zuschauer einen Augenblick Normalität und vor allem Freude schenken können.
Schon in den Wochen zuvor kehrten etwa der Schlemm- und der Hoanzerbauer aus Rottach, der Kirchenbauer von Kreuth, Familie Bierschneider von der Schönleitenalm festlich geschmückt auf die Talbetriebe zurück. Große Almabtriebsfeste konnte es aufgrund der coronabedingten Beschränkungen zwar nicht geben, doch „für uns Almbauern ist der Abtrieb ohnehin ein Fest im familiären Kreis und vor allem auch für unsere Almerer ein unvergesslicher Tag zum Ende ihres erfolgreichen Einsatzes“, sagt der stellvertretensde Bezirksalmbauer von Tegernsee Hans Kiening vom Schlemmhof zufrieden.
Dort gingen heuer die Sennerin Maria Eder aus Thalacker bei Bad Aibling fünf Monate auf die Ableitenalm sowie Daniela Alvisini aus Steingaden und Christian Schelle aus Peiting drei Monate auf die Bairalm, das bekannte Boareibl, wo sie 50 beziehungsweise knapp 30 Tiere zu betreuen hatten. Während Maria schon auf mehrere Almsommer zurückblicken kann, etwa im Brandenberger Tal in Tirol, war es für das Pärchen Daniela und Christian die Feuertaufe am Berg. „Es hat uns saugut gefallen und wir machen das sicher wieder“, so fällt die ganz persönliche Sommerbilanz der Industriekauffrau aus, die wenn sie nicht auf die Alm geht für Schilcher Käse in Kinsau arbeitet.