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Berglandwirtschaft

Almabtrieb: Bauernstolz trotzt Regengrau

Nebel und Regen konnten den Heimkehrern auf dem langen Weg von der Unteren Firstalm über den Spitzingsattel bis an den Schliersee nichts anhaben. Das Geläut der Kühe war schon von Weitem zu hören.
Max Riesberg
Max Riesberg
am Donnerstag, 22.09.2022 - 07:03

Beim Almabtrieb von der Unteren Firstalm lässt man sich vom schlechten Wetter die Stimmung nicht vermiesen. Doch die künftige Entwicklung für die Almwirtschaft treibt dem Kirchberger-Bauern Franz Leitner durchaus Sorgenfalten auf die Stirn.

Prächtig geschmückt: Mit bestickten Lederlarven (1. Foto oben l.) und aufwendig verzierten Aufsteckern und sogenannten Almbuschen zogen die Kühe zurück ins Tal. Die Leitkuh Nelke trug ein Herz aus Almrosenkraut mit einem Kreuz sowie einen Bauchgurt und die vom Seniorbauer zur Hofübergabe gestiftete große Glocke (2. Foto oben re.). Die Familie Leitner bedankte sich bei den zuverlässigen Treibern und Helfern, die den Almabtrieb erst möglich machen, mit einem kleinen Fest am Kirchbergerhof.

Wie sehr haben sich viele Almbauern in diesem Sommer den Regen herbeigesehnt? So oft vergeblich. Doch jetzt, am Tag des Almabtriebs auf der Unteren Firstalm, schüttet es wie aus Kübeln. Der Laune von Almbauer Franz Leitner vom Kirchbergerhof in Fischhausen am Schliersee und seinen Helfern tut das allerdings keinen Abbruch. Sie freuen sich schon auf den festlichen Marsch ins Tal.

„Hauptsache ist doch, dass alle wieder gesund nach Hause kommen“, sagt Leitner. Er ist damit beschäftigt seiner altgedienten Leitkuh Nelke, die schon acht Kälber gebracht hat, den prächtigen Bauchkranz umzuhängen. „Den hätten wir jetzt beinahe noch vergessen“, sagt er lachend.

Seit rund vierzehn Tagen ist seine Familie, allen voran seine Frau Magdalena, Mutter Barbara und Schwiegervater Heinz damit beschäftigt, das aufwendige Kranzzeug zu binden, mit kleinen bunten Röserln aus Seidenpapier zu bestücken und die Glocken samt Riemen auf Hochglanz zu polieren. „Wir machen das, weil wir die Tradition weiterleben wollen, aus Stolz und natürlich auch aus Dankbarkeit, dass kein Unheil passiert ist den Bergsommer über“, erklärt der Bauer aus dem Landkreis Miesbach. Dort bewirtschaften Leitners einen von nur noch drei Milchviehbetrieben, der mit dem kompletten Kuhbestand den Sommer über auf die Alm zieht. „Es ist schon mit sehr viel Arbeit verbunden und wir legen mit dem Auto eine ganz schöne Strecke durch die Pendlerei zurück“, schildert Leitner. Doch das nimmt er in Kauf.

Der Almstall liegt knapp 10 km vom Kirchbergerhof entfernt und das Milchvieh will zweimal täglich gemolken und versorgt werden. Meist geht es für ihn um 4.30 Uhr los. „Ich bin schon froh, wenn ich jetzt dann wieder in der Früh ein bisschen länger im Bett liegen bleiben kann.“

Trockenheit hatte auch ihre Vorteile am Berg

Nebel und Regen am Spitzingsattel konnten den Heimkehrern von der Unteren Firstalm nichts anhaben. Ihr Geläut war schon von Weitem zu hören.

Der Almauftrieb war in diesem Jahr am 20. Mai und der Start in die Almsaison war heuer sehr gut. „Der Schnee war schnell weg, durch die viele Feuchtigkeit und das Wachswetter im Frühjahr ist die Vegetation regelrecht explodiert“, sagt Leitner. „Da dachten wir schon, die Tiere werden der Weide nicht Herr.“

Doch dann kam die Trockenheit und das Blatt wendete sich. Da die Untere Firstalm eher nasse Weideflächen hat, ging es sich mit dem Futter allerdings recht gut aus. Zudem gab es kaum Trittschäden, weil der Untergrund entsprechend trocken war. „Freilich mussten die Tiere immer weiter hinaufsteigen. Aber jetzt ist einfach Schluss“, sagt Leitner. Daheim gibts schließlich auch noch viel Weide, dem Regen sei Dank.

Mit dem System der Kombi-Haltung am Kirchbergerhof braucht man die Alm für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft. Denn wenn die Kühe am Berg sind, wird unten das Winterfutter geworben. Und selbst im Winter hat die Fleckviehherde der Familie Leitner noch täglich Auslauf. „Wir setzen einfach auf diese vitale, fitte und leistungsbereite Almkuh, die für unseren Betriebsstandort ideal ist“, so der Rinderzüchter. Das Jungvieh hat man zum Großteil auf einen Partnerbetrieb ausgelagert. Bei Andreas Leitner verbringt es die Sommerfrische auf der Anklalm, von wo es einen Tag nach der Milchviehherde zurück ins Tal kehrt, ebenfalls prächtig geschmückt.

Bergromantik und Realität unterscheiden sich stark

Nebel und Regen am Spitzingsattel konnten den Heimkehrern von der Unteren Firstalm nichts anhaben. Ihr Geläut war schon von Weitem zu hören.

Im vergangenen Jahr gab es leider keinen Almabtrieb, denn da hat am 16. August der Blitz eine Kuh erschlagen. Es ist also ein wirkliches Glück wenn man gesund ins Tal ziehen darf und bei all der verkitschten Bergromantik, werden einem gerade an Tagen wie diesem die Unbändigkeit der Natur und die Gefahren am Berg klar.

Noch eine große Sorge treibt den Kirchberger Bauern um, genau an der Stelle, wo Ende Juni der Alpen.Gipfel.Europa unter Federführung des Wochenblatts stattfand: der Wolf. „Es scheinen sich zwar alle einig zu sein, dass es so nicht mehr weitergeht. Aber geschehen tut nichts“, sagt der Almbauer wütend im Hinblick auf die steigenden Risszahlen. Auch 5 km Luftlinie von der Unteren Firstalm wurden Wolfsrisse bestätigt, genau im Zeitraum des Alpen.Gipfel.Europa.

„Erst kommen die Schafe dran und dann die Rinder. Beispiele dafür gibt es doch bereits unzählige“, mahnt Leitner und schüttelt den Kopf. Wenn nicht endlich ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinde und den Worten der Politiker auch Taten folgen, komme ein wirklich ernstes Problem nicht nur auf die Landwirtschaft, sondern auf die gesamte Bevölkerung zu. „Muss denn erst einem Menschen etwas passieren?“, fragt er.

Niemand kann Leitner nach einem Riss seine wertvollen „Zuchttiere mit Familienanschluss“ ersetzen. „Meine 36 Kühe sind, wenn man den durchschnittlichen Kaufpreis vom letzten Markt in Miesbach zu Grunde legt, 81 000 € auf dem Papier wert. Das ist eine ordentliche Summe, möchte man meinen“, rechnet er vor. Aber Tiere wie seine Nelke sind durch Entschädigungen nicht zu erstatten. „Neue Jungtiere aus anderen Nicht-Almbetrieben wieder so abzurichten, dass sie bei uns funktionieren, ist ein extrem aufwendiges Unterfangen, das nicht selten scheitert.“

Mit dem Wolf leben? Unmöglich auf der Alm

„Wenn mir die Leute aus der Stadt jetzt sagen, dass der Wolf keine Kuh angeht, dann frage ich sie: Was ist wenn die Herde ‚nur‘ in Panik gerät und abstürzt – das Resultat ist das Gleiche.“ Er zuckt mit den Schultern. „Diejenigen, die fordern, dass wir mit dem Wolf leben müssen, haben keinen blassen Schimmer von der Realität. Wir müssen es ausbaden. Was durch den Wolf wirklich auf dem Spiel steht – Ich will es nie erfahren, denn dann ist es ohnehin zu spät.“

Während anderswo, nämlich in Graubünden die Kühe heuer mit Trauerflor aus schwarzen Bändern von der Alp ins Tal ziehen, weil dort schon so viele Tiere den großen Beutegreifern zum Opfer gefallen sind, bringen die farbenfroh geschmückten Kühe der Familie Leitner immerhin noch ein wenig Optimismus in den regengrauen Tag. Ihr festliches Geläut ist schon von Weitem zu hören. Auch das soll ursprünglich „böse Geister“ oder eben Raubtiere fernhalten. Kaum zu glauben, dass dieser Aspekt in der heutigen Zeit wieder so eine traurige Brisanz bekommen hat.

Nach knapp zwei Stunden kommt der Heimkehrer-Tross gut unten im Tal an und dient manchem Zaungast als Fotomotiv und als touristisches Highlight zum Nulltarif. Auch wenn es bei dem „Sauwetter“ deutlich weniger Schaulustige gibt. „Dafür ist auch der Straßenverkehr heute erträglich gewesen“, meint Leitner, durchnässt und doch zufrieden. So war die Gefahrenquellen mancher rücksichtsloser Autofahrer, die noch schnell, schnell an den Rindviechern vorbeibrettern wollen, zu bändigen.

Heute ist zum Glück alles gut gegangen und Franz Leitner nimmt seiner Nelke den Kopfschmuck und die große Glocke ab, die ihm seine Eltern zur Hofübergabe gestiftet haben. Zum Rasten lässt sie sich im satten Grün nieder, mit Blick auf den malerischen Schliersee. Geschafft!