Vor Ort

Alles vom Schaf verwerten

Verena Hausmann Foto Constanze Wilz
Constanze Wilz
am Freitag, 22.10.2021 - 12:29

Verena Hausmann aus Seeshaupt züchtet Alpine Steinschafe und zeigt: Auch eine kleine Schafhaltung kann gewinnbringend wirtschaften. Man braucht nur Ideen, wie das Schafleasing, Schulschafe oder Wolldüngepellets.

Am Himmel über Seeshaupt im Landkreis Starnberg ziehen die Schäfchenwolken dahin – drunten auf der Weide grasen die Alpinen Steinschafe von Verena Hausmann. Als sie an diesem strahlend schönen Herbsttag die Weide betritt, recken die Tiere die Köpfe, um die Schäferin lautstark zu begrüßen. Kurz darauf ist die 43-Jährige von wolligen Körpern umgeben. „Ich kenne jedes einzelne Schaf beim Namen“, sagt sie lächelnd.

Gemeinsam mit ihrem Ehemann Martin und den Töchtern Ida (10), Johanna (14) und Maria (16) investiert die Seeshaupterin viel Herzblut in die kleinbäuerliche Schafzucht. Auf 5 ha Weidefläche hält sie 30 Muttertiere mit jährlich 20 bis 30 Lämmern. Leben kann die Familie von der Arche-Schäferei „Wolle & Kraut“ nicht, dafür braucht es das Zimmerergehalt von Ehemann Martin. In Zeiten, in denen Schafhaltung immer unrentabler wird, hat Hausmann dennoch eine Kernbotschaft: „Ich will zeigen, dass man auch mit einer überschaubaren Menge an Schafen gut wirtschaften kann.“

Mit den Schafen kamen die Geschäftsideen

Im Jahr 2015 zogen die ersten Vertreter der vom Aussterben bedrohten Rasse Alpines Steinschaf auf dem Hof der Familie ein. Was anfangs nur ein Hobby war, hat sich zu einem stabilen Nebenerwerb entwickelt. Das Erfolgsgeheimnis: Nahezu alle Bestandteile des Tieres werden von Hausmann verwertet – von Milch und Fleisch über Wolle bis hin sogar zur Schmutzwolle, die nach der Schur übrig bleibt und den Hörnern der Böcke. Die nehmen Kunsthandwerker Hausmann ab, um Schmuck daraus zu machen. „Wenn man weiß, was man damit anfangen kann, hat alles einen Nutzen“, sagt sie. „Darauf war die Nutztierhaltung ursprünglich ausgelegt.“

Verena Hausmann

Ganz neu etabliert hat Hausmann heuer das Lamm-Leasing. Hierbei erwerben die Kunden ein Jungtier, das bis zur Schlachtreife mit 6 – 9 Monaten im Herdenverband aufwächst. Anschließend wird es beim nahegelegenen Metzger küchenfertig zerteilt und portionsweise vakuumiert. Dadurch, dass die Tiere kein Mastfutter bekommen, ist ihr Fleisch mager und mild im Geschmack. Das Leasing-Angebot erfreut sich großer Beliebtheit. Heuer hatte Hausmann bereits zwölf Abnehmer, die für zusätzlich 80 € das chromfrei in Wasserburg am Inn gegerbte Fell erwerben können.

„Das Leasing ist nicht nur für den Käufer ein Gewinn, weil er größtmögliche Transparenz hat“, sagt Hausmann. Auch ihre Kollegen in der Erhaltungszucht profitieren davon: Sie können ihren Überschuss an Bocklämmern zu Hausmann bringen, wo sie den Sommer in der Bockgruppe verbringen. Fleisch, das von den Leasing-Kunden nicht abgenommen wird, geht an zwei Gastronomie-Betriebe in München und Ambach, die auch die Innereien verwerten. Außerdem verkauft Hausmann ihre Produkte auf Bestellung auch ab Hof.

Ein weiteres Vermarktungsstandbein ist die Zusammenarbeit mit der Münchener Genussgemeinschaft „Städter und Bauern“. Der 2015 gegründete Verein organisiert Investitions- und Einkaufsgemeinschaften zwischen Verbrauchern und bäuerlichen sowie handwerklich arbeitenden Betrieben und Produzenten. Schafprodukte können die Gemeinschaftsmitglieder so direkt über Hausmann beziehen, auch via Einkaufsfahrten mit Besichtigung des Hofes vor Ort.

Aus der Wolle das Maximum herausholen

Vor allem für ihre Wolle hat Hausmann vielfältige Vermarktungswege gefunden. „Die Mischwolle der Steinschafe ist etwas rauer und eignet sich daher ideal für robuste Wollwaren oder zum Filzen“, erklärt sie. Ein Teil geht in die gemeinschaftliche Wollverarbeitung der ARGE Steinschaf. Die dabei entstehenden Produkte „von Einlegesohlen bis Jacken“ werden direkt über die Züchter, auf Märkten oder über die Wollprojekt-Webseite www.kollektion-der- vielfalt.de verkauft. Ihre handgefilzten Waren vertreibt Hausmann direkt, genau wie Bettdecken und Kissen aus dem Wollvlies ihrer Schafe, die sie heuer erstmals fertigen ließ.
Verena Hausmann Wolle Foto Constanze Wilz

Nicht ohne Weiteres, aber dennoch verarbeiten lässt sich die jährlich anfallende Schmutzwolle. Durch Pelletieren wird dieses Abfallprodukt in Wert umgesetzt. Rund 100 kg Schmutzwolle lässt Hausmann jedes Jahr in Dießen am Ammersee bei Markus Schnitzler pressen. Heraus kommt ein effektiver Langzeitdünger, der die Erde durch seine hohe Wasserspeicherkapazität feucht hält. Die Pellets bekommt Hausmann als lose Ware zurück, die sie am Hof verpackt und verkauft.

Der klassische Einsatzzweck der Landschafrassen liegt in der Beweidung. Auch dafür kann Hausmann ihre Tiere gewinnbringend zum Einsatz bringen. „Steilhänge lassen sich nur schwer maschinell bewirtschaften, daher werden wir von Privatpersonen und dem Landratsamt mit der Beweidung beauftragt“, erzählt sie. So beugen ihre Schafe der Verbuschung vor und halten wild wuchernde Disteln und Brombeeren in Schach, was Platz schafft für seltene Gräser und Insekten. Bei den Streuobstwiesen passt Hausmann die Beweidung saisonal an den Pflanzenbewuchs an und schützt die Bäume vor Verbiss.

Ein Schulschaf als Aushängeschild

Die von Hausmann beweideten Flächen bieten zugleich Platz für Lern- und Lebenserfahrungen: 2016 etablierte die Schäferin unter dem Motto „Tierkontakt“ pädagogische Projekte mit ihren Alpinen Steinschafen. Dabei kommen die Tiere mit Kleingruppen aus Behinderteneinrichtungen, Kindergärten oder Schulen in Berührung. Hausmanns umgängliche Schafe, die sogar leinenführig sind, konnten etwa die Herzen der Fünftklässler an der Tutzinger Benedictus-Realschule erobern.
Als die Schüler die Herde besuchten, waren sie besonders von einem Lamm verzaubert – so entstand das Projekt „Schulschaf“, bei dem die Schüler eine Patenschaft für das Tier übernehmen und im Gegenzug seine Wolle bekommen. Einmal im Jahr besucht das Schaf „Maja“ nun seine Paten in der Schule. Zuschüsse oder Förderungen bekommt Hausmann dafür derzeit noch nicht. Diese Form der Öffentlichkeitsarbeit ist für sie dennoch ein Baustein ihres kleinbäuerlichen Konzepts – und eine wunderbare Werbemaßnahme. Constanze Wilz