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Steigende Kosten

10.000 Euro für Wasser: Biobetrieb geht die Luft aus

Josef Kierein Ruth Maria Frech
Barbara Höfler
am Freitag, 18.03.2022 - 08:13

Zur Leitungssanierung erhöhte die Gemeinde Icking den Wasserpreis auf 3,88 €. Das bedroht jetzt die Existenz der letzten Milchviehhalter vor Ort.

Icking/Lks. Bad Tölz-Wolfratshausen - Josef Seidl wäre fast hintüber gefallen, als er seine Wasserabrechnung aus dem Briefkasten fischte: Bisher zahlte der Landwirt ca. 4000 € für seinen Jahresverbrauch von 2000 m³, jetzt sind es auf einen Schlag 10.000 €.

Der Grund: Die Gemeinde Icking muss ihr Leitungsnetz sanieren und hat zur Finanzierung den Wasserpreis für vier Jahre erhöht, von 1,89 €/m³ auf 3,88 €/m³, zzgl. Mehrwertsteuer, rückwirkend für ein halbes Jahr und ohne Vorankündigung.

Biobetrieb hält 32 Kühe plus Nachzucht

Seidl ist einer von mittlerweile noch sieben Milchbauern der Gemeinde. Auf seinem Biohof in Dorfen hält er 32 Kühe plus Nachzucht. Die Kostenexplosion beim Trinkwasser trifft alle Ickinger hart, doch Milchbauern wie ihn am härtesten, denn Wasser können sie nicht sparen. Kühe trinken zwischen 70 und 150 l am Tag. „Ich kann denen nicht sagen, jetzt gibts nur noch die Hälfte“, sagt Kierein.

Zu allem Unbill fällt die Preiserhöhung für die Landwirte nun mit der immensen Steigerung der Energie-, Dünge- und Futterkosten zusammen. „Die finanzielle Lage ist beängstigend“, fasst Seidl zusammen. „Irgendwann geht einem die Luft aus. Dann kann man nichts mehr drehen.“

Neue Preise ohne Vorwarnung

Nirgends in Deutschland ist der Wasserpreis so hoch wie jetzt in Icking. Auch Ortsbäuerin Ruth-Maria Frech fragt sich, wie sie so ihre 50 Milchkühe versorgen soll. Weil das Wasser bei ihr aus einer anderen Quelle als bei Seidl stammt, erhöhte sich ihr Preis von vormals 1,43 €/m³ um 170 %. „Es kam einfach die Abrechnung mit der Bitte um Verständnis. Aber ich habe kein Verständnis, weil das für uns Landwirte existenzgefährdend ist“, sagt Frech.

Die Gemeinderäte, die die Preiserhöhung im Dezember einstimmig beschlossen haben, will sie jetzt zu einem Treffen mit den Bauern einladen. „Ich glaube, viele wissen nicht, was das für Auswirkungen auf uns hat.“ Ihre Rechtsschutzversicherung nutzte Frech außerdem, um Widerspruch gegen den Beschluss einzulegen. „Ich werde keine Ruhe geben“, sagt auch Seidl. „Und wenn ich vor dem Rathaus protestieren muss.“

Grund- statt Verbrauchsgebühr als Alternative

Die Gemeinde dagegen sieht sich zu ihrer Wasserpolitik gezwungen, eine andere Finanzierung der 60 Jahre alten Leitungen sei verwaltungsrechtlich nicht möglich.

Eine Alternative stellte Nicole Fischer, Geschäftsstellenleiterin des BBV Holzkirchen, der Ickinger Bürgermeisterin Verena Reithmann im Februar vor. Laut BBV-Rechtsreferat könnten die Landwirte von der Verbrauchsgebühr befreit werden und stattdessen eine hohe Grundgebühr zahlen.

Bisher hat der Gemeinderat sich dazu nicht geäußert. In seiner nächsten Sitzung am 16. April will der Rat erst abstimmen, ob der Wasserpreis überhaupt noch einmal diskutiert wird. Von der Bürgermeisterin lag bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme vor.