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Weidetiere

Wolf: Stirbt die Weidehaltung, sterben die Insekten

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Ludwiga Friedl
Ludwiga Friedl
am Montag, 25.07.2022 - 10:40

Schäfer und Bauernverband sorgen sich um die Nutztierhaltung in der Röhn.

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Ende Juni löste eine Wölfin im Truppenübungsplatz Wildflecken eine Fotofalle aus. Auf dem Bild war deutlich ihre Gesäugeleiste zu sehen. Das wertet das bayerische Landesamt für Umwelt als Nachweis dafür, dass die Wölfin Junge hat und das Rudel in der Rhön heimisch ist. In Windeseile machte diese Nachricht die Runde bei Jägern, Landwirten und Schäfern.

Und das, obwohl Georg Scheuring, BBV-Geschäftsführer im Landkreis Bad Kissingen, kritisiert, dass das LfU den Bauernverband nicht direkt informiert hat. Er kritisiert auch die hohe Dunkelziffer bei den Wolfsnachweisen, aber das ist ein anderes Thema. Denn bisher verhielten sich die Wölfe in der Rhön ruhig und unauffällig. Das heißt, sie bedienten sich auf der Futtersuche bei heimischem Wildbret. Die ebenfalls ortsansässige Mufflon-Herde sollen sie schon ziemlich dezimiert haben.

Kulturlandschaft ist nicht verhandelbar

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„Kulturlandschaft ist nicht verhandelbar“, sagt BBV-Kreisobmann Edgar Thomas. „Das Land der offenen Fernen ist das Ergebnis unserer Arbeit.“ Jahrhunderte lang wurden in der Rhön Schafe und Rinder gehütet, die nicht nur den Aufwuchs verwerteten, sondern die Hutungen auch mit Naturdünger versorgten.

Die extensive Tierhaltung hat die Landschaft geprägt, indem sie den Wald zurückdrängte und für eine enorme Artenvielfalt Lebensgrundlage bot und bietet. Scheuring sagt, dass die Biodiversität gefährdet ist, wenn die Weidehaltung aufgegeben wird.

„Stirbt die Weidehaltung, sterben die Insekten“, sagt Rolf Herdt, der eine Koppelschafhaltung mit 300-400 Tieren betreibt. Koppelschafhaltung bedeutet, dass naturschutzfachlich wertvolle Weiden eingezäunt werden und eine Herde mehrere Wochen dort grast, bis sie mit dem Transporter wieder auf eine andere Weide umgesetzt wird.

Seit der Wolf in der Rhön nachgewiesen wurde, treibt Herdt keine Lämmer mehr auf. Er hat die Frühjahrslammung sofort umgestellt. Nun lammen die Muttertiere im Dezember im heimischen Stall in Römershag ab.

Sein Berufskollege Harald Müller ist Hüteschäfer und hütet seit 28 Jahren am Arnsberg. Die Flächen gehören der Stadt Bischofsheim. Rund 600 Mutterschafe weiden hier das teilweise steile und felsige Gelände ab, das mit Maschinen nicht zu bewirtschaften ist. Weitere 600 Mutterschafe hält Familie Müller im Truppenübungsplatz Wildflecken. Vater Richard (75) und Sohn Martin (28) arbeiten in dem Familienbetrieb mit.

Schäfer stehen unter einer enormen psychischen Belastung

Sie stehen unter einer enormen psychischen Belastung, seit die Wölfe in der Rhön wieder heimisch geworden sind. „In der ersten Zeit habe ich so schlecht geschlafen, dass ich krank geworden bin“, berichtet Müller. Um sich vorzustellen, was passiert, wenn ein Wolf in einen Pferch eindringt, braucht es nicht viel Fantasie. „Der würde wüten wie ein Fuchs im Hühnerstall“, sind sich die Schäfer sicher.

„Ich habe den Kopf erst wieder frei, wenn ich morgens sehe, dass die Schafe noch alle da sind“, sagt Herdt. Zweimal täglich kontrolliert er die Koppelzäune und schaut, ob auch mit den Schafen alles in Ordnung ist. Und Müller pflichtet ihm bei. Eine Frage, die ihnen oft gestellt wird: „Haben Sie es schon mit Herdenschutzhunden probiert?“

Herdenschutzhund attackieren Touristen mit Hunden

„Da hätte ich erst recht keine Ruhe“, sagt Müller und erklärt: „Der Herdenschutzhund denkt, er ist ein Schaf, und er attackiert alles, was seiner Herde gefährlich werden könnte.“ Zum Beispiel auch Touristen mit Hunden, die Fotos von den niedlichen Schafen machen wollen.

„Wie soll ich das überhaupt machen?“, fragt Müller und schildert, dass die beiden Systeme Herdenschutzhund und Hütehund überhaupt nicht zusammenpassen. Seine fünf Hütehunde sind zuverlässige Helfer bei der täglichen Arbeit. Sie kommen nachts mit nach Hause. Zusätzlich bräuchte Müller sechs bis zehn Herdenschutzhunde. „Soll ich die tagsüber im Hänger einsperren?“, fragt er und berichtet, dass ein ausgebildeter Herdenschutzhund 5000 bis 6000 € kostet, weil er sozialisiert und geprüft sein soll.

Wegen Düngeverordnung darf nicht zweimal auf der gleichen Stelle Pferch stehen

Bleiben nur Zäune. Wegen der Düngeverordnung darf nicht zweimal auf der gleichen Stelle gepfercht werden. Das bedeutet, dass der 110 cm hohe Zaun täglich umgesetzt werden muss. Und zwar so, dass er weder untergraben, noch übersprungen werden kann. Feste Zäune seien für die Hüteschäfer kein Thema, denn dann müsste man beispielsweise den ganzen Arnsberg mit 150 ha einzäunen. Müller: „Ich baue jeden Tag meinen guten Zaun auf und hau tüchtig Strom drauf.“ Darüber hinaus helfe nur Gottvertrauen.

BBV-Kreisobmann Edgar Thomas meint: „Es wird darauf hinauslaufen, dass jeder Betrieb eine Entscheidung trifft, bis hierher und nicht weiter.“ Dabei gehe es nicht allein um wirtschaftliche Entscheidungen und um Entschädigungen. „Ich will meine Tiere ordentlich halten“, das sagt jeder Schäfer. Wolfsfutter sollen die Nutztiere nicht werden. Denn „da sollte der Tierschutz mal hinschauen, wie der Wolf seine Beute jagt und erlegt“. Nicht alle Schafe und Rinder sind wertvolles Zuchtvieh, doch keines ist so gering, dass es als angefressener Kadaver verenden dürfte.

Nur noch 250 Herdenschafler in Bayern

250 Herdenschafhalter gibt es in Bayern noch. „Wir sind bedrohter als der Wolf“, sagt Müller, der auf die großen, strukturreichen Flächen angewiesen ist. „Wenn wir die Sommerflächen nicht hätten, könnten wir aufhören.“ „Im Stall kostet ein Schaf einen Euro pro Tag, auf der Wiese zehn Cent“, sagt Herdt, der sich selber über die Artenvielfalt auf den gepflegten Biotopflächen freut. „Wildnis ist kein Artenschutz.“

Deshalb fordert Scheuring, die Möglichkeiten, die das EU-Recht bietet, zu nutzen. Für ihn ist Schweden ein Vorbild: Dort gibt es derzeit rund 500 Wölfe, die auf 170 zurückgedrängt werden sollen. Die 1500 Wölfe, die es in Deutschland gebe, seien eigentlich schon viel zu viele. Da müsse es erlaubt sein, ab und zu einen zu schießen. „In Frankreich und Schweden wird Landwirten mehr geholfen“, sagt er.

Die Praktiker in der Rhön sind sich einig: „Die Situation ist existenzbedrohend.“ Sie fordern eine wolfsfreie Zone Rhön.