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Wiedetierhaltung

Wolf: Kompetenzzentrum für Herdenschutz

Simmentaler Fleckvieh auf der Weide in Schrenkersberg: im Hintergrund die Besucher aus der Rhön und Böhmers Pyrenäenberghunde.
Thomas Bug
am Freitag, 28.10.2022 - 06:09

Seit 13 Jahren beschäftigt sich der Landwirt Norbert Böhmer mit dem Thema Wolf und Herdenschutz. In Schrenkersberg bei Plankenfels betreibt er einen Bioweidebetrieb mit etwa 40 Mutterkühen auf insgesamt 80 ha Betriebsfläche.

Bei der Betriebsbesichtigung in Schrenkersberg (v. l.) Stefan Hohmann, Heimatentwicklerin Marion Deinlein und Landwirt Norbert Böhmer mit Pyrenäenberghund Astro.

Hollfeld/Lks. Bayreuth  Das Fleisch der Rinder verkauft Böhmer in seinem Hofladen. Doch der Betrieb ist noch aus anderen Gründen etwas Besonderes. Mittlerweile trägt er den Titel „Kompetenzzentrum für Herdenschutz“ innerhalb des europäischen Projekts Lifestock Protect.

Landwirt Böhmer gibt mehrmals im Jahr Führungen über seinen Betrieb. Interessierte aus ganz Deutschland reisen teilweise in Bussen an. Kürzlich waren 35 Mitglieder des Vereins „Rhöner Biosphärenrind e.V.“ zu Besuch. Das Unesco-Biosphärenreservat Rhön ist eine Naturlandschaft im Dreiländereck Bayern, Hessen und Thüringen mit der Weidetierhaltung als zentralem Landschaftselement. Auch hier gab es erste Wolfssichtungen und bereits einen bestätigten Kalbsriss im hessischen Hühnfeld.

Hoher Kapitaleinsatz für Herdenschutzhunde

Rinderhalter und Vereinsschriftführer Thomas Bug aus dem Landkreis Fulda bestätigt: „Die Führung war für uns sehr interessant.“ Vor allem der Kapitaleinsatz für die Herdenschutzhunde habe die Teilnehmer sehr beeindruckt. Mehrere Tausend Euro kostet ein gut ausgebildeter Herdenschutzhund. Norbert Böhmer hat mittlerweile sieben französische Pyrenäenberghunde im Einsatz, notgedrungen, denn bereits im Jahr 2009 gab es den ersten Kalbsriss auf seiner Weide. Einen Wolf habe man nicht nachweisen können, doch verschwanden in den Jahren darauf vier weitere Kälber spurlos. Im Jahr 2016 fand Böhmer auf seiner Weide ein schwer verletztes Jungrind, das notgetötet werden musste.

Wolf versetzte Herde in Dauerstress

„Die Herde war im Dauerstress, die Tiere legten sich nicht mehr hin und fraßen viel weniger“, erklärt der Landwirt. Er habe handeln müssen und war einer der ersten in der Region, der sich Herdenschutzhunde anschaffte, zunächst vier, zwei Welpen und zwei Adulte. Dafür bekam er zwar keine Förderung, doch das Bayerische Landesamt für Umwelt finanzierte eine Hundetrainerin, die Böhmer zeigte wie er die Hunde in die Rinderherde integrieren konnte. „Das ist nicht einfach, denn große Weidetiere wie Kühe können die Hunde angreifen, schwer verletzen und sogar töten“, erklärt der Landwirt. Daher sei es wichtig, Rinder und Hunde langsam aneinander zu gewöhnen.

Böhmer empfahl den Teilnehmern sich frühzeitig mit dem Thema Herdenschutz auseinander zu setzen. Wenn der Wolf die Weide einmal als sein Territorium betrachte, sei er nur schwer wieder abzubringen. Seien die Herdenschutzhunde schon vor dem Wolf da, komme es gar nicht erst so weit. „Ein wolfssicherer Zaun ist für mich nur ein etwa dreizigprozentiger Schutz“, sagte Böhmer. Bei einer Höhe von 1,20 m könne ein Wolf, der es darauf anlege, auch darüber springen. Viele Jahre lang informierte sich Böhmer eingehend über Herdenschutz und besuchte gemeinsam mit anderen Landwirten aus dem Bayerischen Fleischrinderverband verschiedene Herdenschutzprojekte in Brandenburg und Sachsen sowie in Österreich, Italien, Frankreich und Spanien. Für ihn ist es nun Zeit sein Wissen weiterzugeben. Im Rahmen von Lifestock Protect bietet er Praxistage und Schulungen an für Nutztierhalter. Hier geht es um das Aufstellen von Mobil- und Festzäunen sowie die Haltung von Herdenschutzhunden.

Viel Know-how zum Herdenschutz der Region

„Der Wolf ist ein Thema, dem wir uns früher oder später stellen müssen. Dass wir so viel Know-How zum Herdenschutz in der Region haben, ist enorm wertvoll für unsere Nutztierhalter.“ sagt Heimatentwicklerin Marion Deinlein. Die Heimatentwickler sind für Heimatunternehmen Bayern tätig, das ist eine Initiative der Verwaltung für Ländliche Entwicklung, die Menschen unterstützt, die regionale Werte schaffen. Deinlein berät Heimatunternehmer Norbert Böhmer bei der Bekanntmachung seines Bildungsangebots und bringt ihn mit möglichen Kooperationspartnern in Verbindung.