Wolfsriss

Wölfe verursachen unerträgliches Schlachtfeld

Wolfsrudel
Ludwiga Friedl
Ludwiga Friedl
am Donnerstag, 11.03.2021 - 17:10

Wölfe haben im Landkreis Bayreuth in zwei Gehegen Nutztiere gerissen. Bauern haben seither schlaflose Nächte. Auch Rinderhalter sind durch Schreie alarmiert.

Alles spricht für einen oder mehrere Wölfe als Täter: Tote Nutztiere fanden zwei Wildtierhalter in ihrem Gehege vor. Am Samstag, 27. Februar 2021, entdeckte Nebenerwerbslandwirt Christian Leißner (37) im Betzensteiner Ortsteil Riegelstein im Landkreis Bayreuth drei Rothirsche und vier Mufflons tot in dem von ihm mitbetreuten Wildgehege. Sechs weibliche Rothirsche seien in Todesangst über den Zaun gesprungen und nun flüchtig.

Ein wahres „Schlachtfeld“ fand auch sein Berufskollege Hans Ertel (61) am frühen Mittwochmorgen (3. März) in Illafeld vor. Eines seiner 70 Damtiere lag tot in der Nähe der Futterstelle. Weitere 17 Jungtiere und trächtige Muttertiere lagen über die ganze rund vier Hektar große Weide verstreut. „Drei Tiere waren angefressen, der Rest durch einen Kehlbiss getötet“, berichtet Ertel. Seit 35 Jahren hält er Damwild in dem Gehege. Ob und wie es weitergeht, muss er mit seiner Familie noch beraten.

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Mitglieder des Netzwerks Große Beutegreifer haben die Situation vor Ort begutachtet und genetische Proben genommen. Genauere Erkenntnisse werden von der Analyse am nationalen Referenzlabor erwartet.

„Die Einzäunung wies keinen gesonderten Schutz vor Wolfsübergriffen auf“, teilte das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) mit. Es hat bereits nach dem ersten Vorfall Behörden, Interessenverbände und Vertreter von Nutztierhaltern informiert.

Diese Vorwarnung haben die Ertels genutzt, um ihren zwei Meter hohen Zaun sicherer zu machen. „Wir haben auf die Schnelle einen Untergrabeschutz gebaut“, berichtet Hans Ertel. Dass sich die Wölfe im Dorf durch den Nachbargarten buddeln würden, habe niemand erwartet. Ein provisorischer Schutzzaun mit Elektrolitzen soll nun die verbliebenen Tiere schützen. Trotzdem hat Ertel die letzten Nächte schlecht geschlafen. „Schon vor der Attacke haben wir nachts Patrouillengänge zum Schutz unserer Tiere gemacht“, berichtet er. Die neue Wildtierkamera zeichnete auf, dass der Angriff gegen drei Uhr morgens rund eine Stunde dauerte.

Material- und Montagekosten werden gefördert

Die Wildgehege liegen innerhalb der Förderkulisse der Förderrichtlinie „Investition Herdenschutz Wolf“. Nutztierhalter können hier Material- und Montagekosten für die Einrichtung wolfsabweisender Zäune zu 100 % gefördert bekommen. Anträge sind bei den zuständigen Landwirtschaftsämtern zu stellen.

„Schäden, die Nutztierhaltern durch Wolfsrisse enstehen, können durch den Freistaat Bayern kompensiert werden, teilt das LfU mit. „Wenn, wie im vorliegenden Fall, ein „Wolfsgebiet i. S. d. Schadensausgleichs“ ausgewiesen wurde, haben Nutztierhalter ein Jahr Zeit, einen Herdenschutz zu errichten, um nach Ablauf der Frist weiterhin einen Schadensausgleich gewährt zu bekommen. In dem betreffenden Wolfsgebiet im Bereich des Veldensteiner Forsts läuft diese Frist bis 30. 4. 2021.“ Informationen zu dieser Thematik bietet das Internetangebot des LfU.

Hundertprozentige Sicherheit ist schwierig

Karsten Gees ist Biologe und Wildtiermanager an der Regierung von Oberfranken. Wie auch BBV-Geschäftsführer Harald Köppel weist er auf den springenden Punkt bei den wolfssicheren Elektrozäunen hin: „Wenn das Gras hochwächst und nachts durch den Tau feucht wird, wird der Strom abgeleitet.“ Köppel: „Man müsste also jede Woche mit der Elektrosense den Zaun ausmähen.“ Selbst dann sei es fraglich, ob das reicht. „Wenn der Wolf Kohldampf hat, nimmt er einen Stromschlag in Kauf“, glaubt Köppel.

Nach seiner Überzeugung hat das Wolfsrudel im Veldensteiner Forst nun gelernt, dass das Wildgatter ein Buffett ist, an dem es sich nur zu bedienen braucht. Deshalb glaubt er nicht, „dass wir Ruhe kriegen“, selbst wenn ein oder zwei Wölfe entnommen würden.

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Nach Köppels Ansicht ist die gepflegte Kulturlandschaft einfach nicht mit Wölfen kompatibel. Es gehe auch um die Besiedelungsdichte und die Straßen. Vor laufenden Kameras hat er deshalb dafür plädiert, wie beim Rotwild sogenannte Wolfsgebiete auszuweisen. Und er rät, von externen Tierärzten DNA-Proben nehmen zu lassen und an ein Hamburger Labor zu schicken. Denn das LfU wie das Senckenberg-Institut genießen kaum mehr Vertrauen. Zu oft habe es Hunde als Verursacher ausgemacht, wenn Bauern oder Jäger auf einen Wolfsriss getippt hatten.

Was man gar nicht brauche, sei der Shitstorm, der nun auf dem Rücken der Weidetierhalter in den digitalen Medien ausgetragen werde.

Gut getan habe dagegen die Hilfe vom Verband Fränkischer Weidetierhalter. Der Vorstand des bayerischen Verbandes Max Weichenrieder traf sich zusammen mit der Landtagsabgeordneten Gudrun Brendel-Fischer und Bürgermeister Claus Meyer zu einem Ortstermin mit den Landwirten bei den beiden Gehegen. Dabei sagte die Abgeordnete: „Wer die von der Gesellschaft erwünschte Weidehaltung auch in Zukunft gesichert sehen will, der muss sich von der Illusion des friedlichen Zusammenlebens mit dem Wolf verabschieden.“ Im dicht besiedelten Bayern sei kein Platz für die wachsende Wolfspopulation.

Absenkung der Schutzvorgaben gefordert

Angesichts der zunehmenden Risse von Nutztieren durch Wölfe in Bayern hat Agrarministerin Michaela Kaniber erneut eine Absenkung der Schutzvorgaben für Wölfe gefordert. „Die Ausbreitung des Wolfs darf nicht dazu führen, dass die naturnahe und tierwohlgerechte Landwirtschaft in manchen Regionen aufgegeben wird“, so Kaniber in ihrem Brief an die Umweltminister der EU, des Bundes und Bayerns.

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Überraschend Hilfe hat Leißner von mehreren Seiten bekommen. In Nachtwachen haben Ehrenamtliche seine noch lebenden neun Tiere bewacht, bis die LfU-Mitarbeiter den wolfssicheren Elektrozaun mit 30 cm tiefem Untergrabeschutz installiert hatten. „Ich bin dankbar, dass sie da waren“, sagt Leißner, der von einer extremen psychischen Belastung spricht.

Die Landwirte, die Rinder, Schafe oder Wild im Freien halten, sind alarmiert. Eine ganze Schar von ihnen ist am 3. März zum Gehege von Ertel gekommen. Ein Landwirt aus Weidenhüll berichtet, dass er in der Nacht zuvor draußen war, weil seine Rinderherde „verrückt gespielt“ habe. Bei Tageslicht seien dann Pfotenabdrücke und Buddelspuren zu finden gewesen. Starke Wurzeln hätten verhindert, dass sich das Tier unter dem Zaun durchgraben konnte.

Mit dem Schrecken davongekommen

Mit dem Schrecken ist auch Konrad Leibold in Henneberg davongekommen: „Um halb ein Uhr nachts haben meine Rinder im Stall auf ganz ungewöhnliche Weise geschrien.“ Als er aufgestanden ist, um nach dem Rechten zu sehen, habe er bemerkt, dass die Kühe im Offenstall blutverschmiert, durchgeschwitzt und nervös waren. „Ich habe meine Tiere nicht mehr erkannt“, sagt er. Eines hatte ein Horn abgerissen. Zwei Tage später sei die Herde immer noch nicht zur Ruhe gekommen.

Zusammen mit einem Jäger habe er Wolfsspuren identifiziert. „Jetzt weiß ich nicht, ob ich meine Tiere rauslassen kann, wenn die Weidesaison beginnt“, sagt Leibold, der bei Demeter Mitglied ist und neben den 32 Milchkühen samt Nachzucht 25 Schweine hält, die ebenfalls direktvermarktet werden.

Angst vorm Wolf wächst

Eines wurde im Dorf aber schon beschlossen: Die Kinder dürfen nicht mehr ohne Erwachsene aus dem Ort raus zum Spielen.

Die Chefredakteure der drei großen Agrarmedien agrarheute, Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt sowie LAND & FORST zeigen die Problematik rund um den Wolf in einem Video auf. Hier sehen Sie das Video: