Engagement

Weidetiere aktiv schützen

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Adriane Lochner
am Freitag, 07.05.2021 - 15:29

Den ganzen Winter über unterstützte die Freiwilligeninitiative WikiWolves den Landwirt Norbert Böhmer in Schrenkersberg dabei, für seine Weiderinder einen wolfsabweisenden Zaun zu bauen.

Pfosten in den Boden schlagen, Drähte spannen und in verschiedenen Höhen befestigen – diese schweißtreibenden Arbeiten führte ein Trupp Freiwilliger an zahlreichen Winterwochenenden in Schrenkersberg bei Plankenfels (Lkr. Bayreuth) durch. Die Mutterkühe und Rinder des Biolandwirts Norbert Böhmer waren währenddessen im Stall untergebracht. Pünktlich zum ersten Weidegang wurde ein Großteil der Zäune fertiggestellt. Insgesamt werden es 14 Kilometer sein.

Auf die Frage, wie er diese Zaunlänge kontrolliert und von Bewuchs freihält, antwortet Norbert Böhmer: „Wenn ich das wüsste.“ Dann erklärt er aber, dass er ohnehin zweimal täglich die Rinder auf seinen Weiden kontrolliert, um Weidebuch zu führen. Dabei misst er auch die Spannung am Zaun. Fällt sie unter 4000 Volt, muss er ausmähen. Da die Zäune mit der niedrigen Litze gerade erst aufgestellt wurden, weiß er noch nicht, wie oft das sein wird. Als Vorbereitung hat er alle Zäune einen halben Meter nach Innen gerutscht, damit er sie mit einem Mulchmäher abfahren kann. Dabei hat er Weidefläche verloren, die er nun aber als Mähweide kartiert.

Beutegreifer gezielt auszuzäunen

„Wichtig ist, dass der unterste Draht nur 20 cm über dem Boden läuft“, betont Gerlinde Weinhäupl. Die 55-Jährige aus Litzendorf gehört der Freiwilligeninitiative WikiWolves an. Sie erklärt, dass dies in etwa der Brustkorbhöhe des Wolfs entspreche und er so nicht mehr unter dem Zaun hindurchschlüpfen könne, ohne einen Stromschlag zu bekommen. „Wenn der Wolf einmal gelernt hat, dass der Zaun schmerzhaft ist, kommt er erfahrungsgemäß nicht mehr“, sagt Weinhäupl.

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„Wir Weidetierhalter müssen lernen, unser Vieh nicht einzuzäunen, sondern Beutegreifer auszuzäunen“, erklärt Landwirt Böhmer. Bereits im Jahr 2009 wurde auf Böhmers Hof ein neugeborenes Kalb gerissen, ob von Hund oder Wolf war nicht klar. Doch in den Folgejahren verschwanden vier weitere Kälber spurlos. Böhmer begann bereits damals, sich über Herdenschutz zu informieren und besuchte gemeinsam mit anderen Landwirten aus dem Bayerischen Fleischrinderverband verschiedene Herdenschutzprojekte. Nach einem Besuch in der Schweiz, wo es kaum Viehzäune gibt, schaffte sich Böhmer Herdenschutzhunde an. Seither wurde auf seinem Hof kein Vieh mehr gerissen. Da der Landwirt künftig aber nur dann Entschädigung für Risse bekommt, wenn er seine Rinder ausreichend sichert, war der Bau eines wolfsabweisenden Zauns unerlässlich. „Wenn ich das alleine hätte machen müssen, wäre ich durchgedreht“, sagt er.

Die Nachfrage nach Zäunen steigt

Im Rahmen der „Förderrichtlinie Investition Herdenschutz Wolf“ können sich Weidetierhalter neben Herdenschutzhunden auch den Bau wolfsabweisender Zäune fördern lassen. Anträge kann man bei den zuständigen Ämtern für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) stellen. Auch Landwirt Böhmer bekommt für seinen Zaun Förderung, doch derzeit ist die Nachfrage so hoch, dass Zaunbaufirmen, von denen es in der Region nur wenige gibt, kaum hinterher kommen.

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Das bestätigt Jürgen Münch, Mitarbeiter der Firma Frankenstall in Welschenkahl im Landkreis Kulmbach. Allein dieses Jahr habe die Firma Aufträge, um die hundert Zäune aufzustellen im Raum Bayreuth, Bamberg und Kulmbach. Wenn die Nachfrage künftig noch weiter steige, würden die Kapazitäten möglicherweise überschritten. Bereits jetzt sei die Arbeit ohne Mithilfe der Landwirte vor Ort kaum noch zu schaffen, erklärt Münch.

Die WikiWolves-Freiwilligen kommen aus ganz Bayern. Es ist die Faszination für den Wolf, die sie miteinander verbindet – egal, ob Manager, Sekretärin, Krankenpflegerin oder Einzelhandelskauffrau. Der freiwillige Helfer Sven Wiegärtner erklärt: „Der Wolf kann nur dann mit uns leben, wenn wir etwas für ihn tun. Nur, wenn er die Weidetiere in Ruhe lässt, geht es ihm weiterhin gut.“ Ebenfalls unter den freiwilligen Helfern war Fabian Dörner, Stadtrat in Bamberg (Die Partei). Er nennt ein weiteres Argument: „Bioprodukte sind im Trend. Weidehaltung wird von den Verbrauchern ausdrücklich gewünscht. “ Als Konsument finde er es wichtig, die Landwirte zu unterstützen und „aktiven Umweltschutz“ zu betreiben. Seiner Meinung nach wäre es gut, wenn mehr Politiker bei solchen Hilfsaktionen vor Ort mitmachen würden. Denn nur so könnten sich die Entscheidungsträger ein umfassendes Bild vom Konflikt um den Wolf machen.

Weidetierhalter aus Betzenstein

Die Zaunbauarbeiten begutachtete am Wochenende der Plankenfelser Bürgermeister Harald Wich (CSU) gemeinsam mit besorgten Weidetierhaltern aus Betzenstein, wo bei zwei Wolfsangriffen insgesamt 25 Stück Gatterwild gerissen wurden. Ein LfU-Pressesprecher teilt mit: „Wenn, wie im Fall Betzenstein, ein ,Wolfsgebiet im Sinne des Schadensausgleichs‘ ausgewiesen wurde, haben Nutztierhalter ein Jahr Zeit, einen Herdenschutz zu errichten, um nach Ablauf der Frist weiterhin einen Schadensausgleich gewährt zu bekommen.“
In Schrenkersberg wurde unter anderem diskutiert, was passiere, wenn der Wolf in die Ortschaften komme. Die Forderung der Weidetierhalter, den Wolf stärker zu bejagen, kommentiert Landwirt Böhmer so: „Der beste Herdenschutz ist ein gut erzogenes Wolfsrudel in der Nähe.“ Mit „gut erzogen“ meint er, dass die Wölfe gelernt haben, sich vom Elektrozaun fernzuhalten. Ein standorttreues Rudel würde durchziehende, einzelne Wölfe vertreiben. Bejagung sei nur bei solchen Wölfen notwendig, die sich nicht von den Herdenschutzmaßnahmen einschüchtern ließen, so der Landwirt.

Die Chefredakteure der drei großen Agrarmedien agrarheute, Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt sowie LAND & FORST zeigen die Problematik rund um den Wolf in einem Video auf. Hier sehen Sie das Video:

Bürgermeister Wich zufolge hat die Weidetierhaltung in Plankenfels einen hohen Stellenwert, zum einen, weil man die Wiesen wegen ihrer starken Hanglage gar nicht anders bewirtschaften kann, zum anderen, weil die offenen Wiesenflächen das Landschaftsbild prägen und relevant für den Tourismus sind. Bürgermeister Wich freut sich, dass Böhmers Biobetrieb in Schrenkersberg möglicherweise bald zu einem Kompetenzzentrum für Herdenschutz innerhalb eines Projekts der Europäischen Union werden könnte.