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Weidetiere

Weideabtrieb: Bonanza in der Rhön

Weideabtrieb
Ludwiga Friedl
Ludwiga Friedl
am Mittwoch, 06.11.2019 - 09:47

Tausende Schaulustige säumten den Weideabtrieb mit rund 1500 Tieren in Ginolfs.

Franken

Als Dankeschön, dass wieder ein Weidesommer gut über die Bühne gegeangen ist, wollen die Tierhalter ihren elften Weideabtrieb verstanden wissen. Dabei war ihnen das Wetter wohlgesonnen, so dass rund zwei- bis dreitausend Schaulustige kamen. Etwa 1500 Tiere konnten sie in Ginolfs im Landkreis Rhön-Grabfeld aus nächster Nähe erleben.

Peter Schrenk ist eigentlich Diplomingenieur. „Die Schäferei ist mein großes Hobby“, sagt er, der zusammen mit Klaus Pörtner und Reinhard Omert die Weidegemeinschaft Rhönschaf mit rund 1000 Mutterschafen bildet. Beim elften Weideabtrieb ist Schrenk der Moderator. Begeistert begrüßt er die vielen Menschen, die von den Ginolfser Vereinen versorgt werden, während sie auf die Herden warten. Zum Mittagessen gibt es das klassische fränkische Hochzeitsessen, Rindfleisch mit Meerrettichsauce.

Herzlich begrüßt auch Bürgermeisterin Birgit Erb die Besucher. In ihren Grußworten stellt sie den Zusammenhang von Landschaftspflege und einheimischen Tierrassen dar. „Wir haben der blauen Lupine den Kampf angesagt“, erklärt sie. Auf den Hauptflächen der Rhön gebe es gottseidank noch keine Lupinen. Denn durch den Stickstoff­eintrag der Knöllchenbakterien gehe die Artenvielfalt zurück. „Wenn wir Lupinen haben, müssen wir die Flächen dreimal so lang beweiden, damit sie gescheit abgefressen werden“, sagt Schrenk. Die Schafe fressen den Neophyten gerne und danken mit guten Zunahmen.

Zu den Klängen von Bonanza

Weideabtrieb

Und dann geht es los: zu den Klängen von „Bonanza“ trabt die Gelbviehherde von Nadine und Klaus Manger in den vorbereiteten Pferch. Zwei Rinder sind mit Blumengebinden geschmückt. Aber sie wirken, als wären sie den Kopfschmuck lieber los. Bei Leitkuh „Mutti“ hat Klaus Manger das Schmücken gar nicht erst versucht.

Die 17-jährige Chefin der Herde sei „etwas eigen“ und offenbar der Ansicht, dass ihre natürliche Schönheit keiner zusätzlichen Blumen bedarf. Und so kommt die Herde ziemlich stressfrei ins Tal, wie Landrat Dr. Thomas Habermann bekräftigt, der sie als Aushilfstreiber „mit viel Freude“ begleitet hat. Er war beim ersten Weideabtrieb vor zwölf Jahren dabei. Der sei eine schweißtreibende Angelegenheit gewesen, weil die Tiere noch überhaupt nicht wussten, wie ihnen geschieht. „Jetzt weiß Mutti Bescheid und die Sache läuft“, grinst der Landrat.

Das Gelbvieh gehört inzwischen zu den seltenen Haustierrassen. Vor 14 Jahren hat Klaus Manger angefangen mit dem gelben Frankenvieh eine Direktvermarktung aufzubauen, die inzwischen gut läuft. 35 Stück umfasst seine Mutterkuhherde, insgesamt hält die Familie rund 70 Tiere. Zwei Jahre werden die Ochsen auf dem Hof gehalten, bis sie direkt vermarktet werden. Klaus Manger selber ist auch Metzger. „Täglich gucken wir nach der Herde“, sagt er. „So muss Landwirtschaft sein, dass der Mensch und seine Mitgeschöpfe in Frieden zusammenleben“, sagt der Landrat unter Beifall. 

Selbst Alpakas sind dabei

Weideabtrieb in Franken

Inzwischen joggen schon die Ziegen von Sven und Günther Breunig in den Pferch. „Wir machen vor allem Landschaftspflege“, sagt Sven Breunig ins Mikrofon. Weil die Ziegen auch kleine Bäume und Büsche fressen, sorgen sie dafür, dass die Rhön das „Land der offenen Fernen“ bleibt und nicht zuwächst. „Die Lämmer kommen im Winter im Stall auf die Welt“, erklärt er einer Besucherin. Sie werden im Winter nur mit Heu und Silage gefüttert, Kraftfutter gibt es gar nicht. Allerdings sei diese Form der Tierhaltung nur im Nebenerwerb möglich. Im trockenen Sommer hätten 30 Ziegen nicht aufgenommen, „da gehste bankrott, wenn Du davon leben musst“, kommentiert Breunig.

Trotzdem ist Josef Kolb sehr stolz, als er zu den Klängen von „Conquest of paradise“ mit seiner Frau Zita und seiner Herde einzieht. Er dankte auch für die Bund-Naturschutz-Initiative, die mit seinerzeit 40 Tieren das Rhönschaf vor dem Aussterben gerettet hat. Gut 500 Mutterschafe hält Kolb nun. Weitere 1000 Rhönschafe umfasst die Herde  der Weidegemeinschaft Rhönschaf, die zur Musik von „Winnetou“ über den Leitenberg zieht. Aus dieser Herde stammt auch der Zuchtbock, dessen Gewicht die Zuschauer schätzen durften. Er hat auf der Auktion von Alsfeld noch weit über 100 kg auf die Waage gebracht. Nach acht Wochen Decksaison in der Herde hat er aber deutlich sichtbar abgenommen. „Die Herde wird tags gehütet, nachts eingezäunt“, erklärt Kolb.

Zu guter Letzt kommt eine kleine, bunte Truppe den Berg herunter: die Alpakas der Familie Janz. Als besonderes Erlebnis bieten die Brüder Florian und Marc-Andre Janz Wanderungen mit den Alpakas durch die Rhön als „Auszeit vom Alltag“ an. Die Neuweltkameliden aus den Anden wurden schon 3000 vor Christus dmoestiziert. Sie gehören zu den Paarhufern und Schwielensohlern, erklärt Florian Janz. Einmal im Jahr müssen sie geschoren werden. Die Stuten sind 350 Tage trächtig. „Alpakas spucken nur bei Machtkämpfen in der Herde“, sagt er auch. Ein Grund mehr für viele Besucher, den niedlichen Vierbeinern so nahe wie möglich zu kommen.