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Weinbau

Wasser bleibt in der Fläche

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Ludwiga Friedl
Ludwiga Friedl
am Freitag, 17.06.2022 - 06:47

Familie Neder hat ihren neuen Weinberg in Ramsthal quer terrassiert. Das verbessert die Wasserführung.

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Die Grillen zirpen, dass es eine wahre Freude ist. Sie haben es offenbar gut verkraftet, dass ihr Lebensraum komplett umgemodelt wurde. Vom Direktzug hat Familie Neder einen zwei ha großen Weinberg auf Querterrassen umgestellt. Das war nur möglich, weil ein Berufskollege Flächen getauscht und ein weiterer Winzer auf seine Fläche verzichtet hat.

Ewald Neder sagt: „65 % Steigung haben die steilsten Weinberge hier“. Und der Leiter des Amtes für ländliche Entwicklung (ALE) Jürgen Eisentraut ergänzt: „Das kann beim Bearbeiten lebensgefährlich werden“ Außerdem fördere der Direktzug die Bodenerosion bei Starkregenfällen. Die Angst, dass ein ganzer Hang abgeschwemmt werden könnte, wächst nach dem Unwetter im Ahrtal selbst im Sommertrockenen Franken.

„Ein Schulkollege von mir in Heilbronn hat bereits Terrassen“, berichtete Neder. Also wurde dahin ein Familienausflug gemacht und das Projekt besichtigt. „Wir waren und sind alle begeistert“, sagen Lorenz Neder und seine Frau Anja, die für das Marketing des Betriebes in Ramsthal zuständig ist.

Sechsstelligen Betrag in die Hand genommen

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Deshalb hat Familie Neder einen sechsstelligen Betrag in die Hand genommen und die 2014 aus der Bewirtschaftung genommene Fläche von längs auf quer umbauen lassen. Ihre Devise dabei: „Wir müssen es einfacher und wirtschaftlicher machen“. Dabei mussten sie viel improvisieren. „Zum Beispiel die Pflanzlöcher haben wir mit einem Minibohrer gegraben“, erzählt Lorenz Neder. Er setzte auf einen kurzen Stockabstand mit nur einer Rute je Stock. Damit die Weinstöcke gut anwachsen, wurde auch eine Tröpfchenbewässerung verlegt. Das Wasser dafür muss extra hochgefahren werden. Doch bei Kosten von 4 € pro Stock sei es wichtig, dass die jungen Stöcke auch Trockenphasen gut überstehen. Erst 2025 sollen Grauburgunder und Silvaner zum ersten Mal geerntet werden. Bis dahin sollen die Wurzeln in die Tiefe gehen und Kraft sammeln. Beide Sorten seien mit dem Klimawandel bis jetzt gut zurecht gekommen. „Allerdings haben wir uns schon auch gefragt, ob wir nicht Merlot oder Cabernet Sauvignon pflanzen sollen“, sagt Neder junior, der am Bio-Weingut Roth in Wiesenbronn gelernt hat.

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Keine Frage war es dagegen, die steilen Böschungen der Terrassen zu begrünen. „Zumal die LWG die Umstrukturierung mit 24 000 €/ha fördert“, wie Dr. Beate Wende erklärt, die Wildlebensraumberaterin für Weinbau. Gemeinsam mit ALE-Sachbearbeiter Felix Lang hat sie viel Vorarbeit für das erste gemeinsame Flur-Natur-Projekt geleistet. „Das Regio-Saatgut, das hier vor Ort gewonnen wird, ist teuer“, sagt sie, „doch dafür seien die Pflanzen bestens an den Standort angepasst. Im Anspritzverfahren wurde das Saatgut mit Nährstoffen und Mulchmaterial aufgebracht. Die Nassansaat der Böschung war an drei Tagen erledigt. In der Fahrgasse wächst eine Weinbaumischung mit Leguminosen, die bereits zum ersten Mal gemulcht wurde.

Böschung wird artenreicher Magerrasen

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„Ziel ist es, dauerhaft die Böschungen der Querterrassierung zu einem artenreichen Magerrasen zu entwickeln“, sagte Eisentraut. Neder ergänzt, dass eine ein- bis zweimalige Mahd mit einem Balkenmäher als Pflegekonzept vorgesehen ist. Das Mähgut wird auf die Fahrgassen der Terrassen aufgebracht. Wenn es verrottet, bildet es Humus, der die Reben mit Nährstoffen versorgt, und der zur Wasserspeicherung beitragen kann.

Im übrigen sollen die Böschungen auch als Ausbreitungs- und Wanderwege für Tiere und Pflanzen zum vorhandenen Biotop westlich des neu bestockten Weinbergs dienen. Das „FlurNatur“-Projekt sei eingebunden in das Gesamtkonzept der Integrierten Ländlichen Entwicklung (ILE) Fränkisches Saaletal.

Dr. Beate Wende: „Die steilen Böschungen von Querzeile zu Querzeile haben ein großes Potenzial für den Naturschutz und die Biodiversität, da sie nicht mehr direkt bewirtschaftet werden.“ In den sonnenexponierten Lagen fühle sich die an trocken-heiße Bedingungen angepasste Flora und Fauna wohl. Als Beispiel nannte sie die Rotflügelige Ödlandschrecke, die vom Aussterben bedroht sei - und die beim Grillenkonzert wahrscheinlich live dabei ist.