Kalamitäten

Wald pflegen für die nächste Generation

Klöckner-Laubwald_LF
Ludwiga Friedl
Ludwiga Friedl
am Freitag, 30.10.2020 - 05:04

Die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner besucht einen klima-gestressten Laubmischwald im unterfränkischen Wasserlosen.

Klöckner-Schwammspinnergelege

Ich bin ja oft im Wald, aber so etwas habe ich noch nie gesehen.“ Das sagte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner bei einem Besuch mit MdL Dr. Anja Weisgerber im Gemeindewald von Wasserlosen, Ortsteil Brebersdorf. So kommentierte sie die Folgen von Trockenheit und Forstschädlingen, die Stephan Thierfelder, der Leiter der Abteilung Forsten am Landwirtschaftsamt Schweinfurt, erklärte.

„Jeder Baum, der heute heranwächst, ist ein Versprechen an die nächste Generation“, sagte Klöckner und überreichte gemeinsam mit Weisgerber einige Elsbeeren-Setzlinge an den Bürgermeister von Wasserlosen, Anton Gößmann. In „seinem“ Gemeindewald waren die Besucher unterwegs, um sich ein Bild von den Auswirkungen von Trockenheit und Forstschädlingen zu machen.

Drei niederschlagsarme Jahre in Folge

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„Die niederschlagsarmen Jahre 2015, 2018 und 2019 haben den Wäldern schwer zugesetzt“, berichtete Stephan Thierfelder. Heuer konnten sich die Bäume dank der Winterniederschläge bis Mitte Juli „etwas stabilisieren“. Doch seither herrschten Bodenwasserverhältnisse wie 2018. Infolgedessen zeigen die Bäume „auch auf besten Böden massive Schäden“. „Wären die Flächen ebener, würden hier ebenfalls Zuckerrüben angebaut“, sagte er. Die 120 Jahre alten Buchen seien teilweise abgestorben, oft unten noch etwas grün, oben kahl. Deshalb seien viele Schäden von außen besser zu sehen als von unten.

„Die Eichen schauen aus wie das blühende Leben“, sagte er auch und wollte das als Fingerzeig bei der Baumartenwahl verstanden wissen, mehr Eichen in die Buchenmischwälder einzubringen.

Brüchige Äste durch Pilzbefall

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Auch auf wirtschaftliche Schäden ging er kurz ein: „Durch den Schädigungsprozess weisen die Stämme unterschiedliche Holzfeuchten auf.“ Hinzu komme „rasend schnell“ Pilzbefall, der die Äste brüchig mache. Das erschwere nicht nur die Holzbe- und verarbeitung, sondern erhöhe auch die Unfallgefahr im Wald – deshalb bekamen alle Exkursionsteilnehmer Schutzhelme. „Der Waldbesitzer muss für Sicherheit sorgen“, sagte Thierfelder. Damit seien nicht nur Kleinstprivatwaldbesitzer, sondern auch viele Kommunen überfordert, merkte der Bürgermeister an. Chancen ergäben sich dagegen im Hinblick auf den Waldnaturschutz.

Wo der Wald verjüngt werde, „wird es Richtung Eiche, Elsbeere und Kirsche gehen“, sagte Thierfelder. Augezeichnet habe sich der Bergahorn ausgebreitet, doch nun vernichte die Rußrindenkrankheit den Nachwuchs. In einem Wald bei Greßthal haben die Forstleute die Schäden sichtbarer gemacht: Rote Bänder kennzeichnen tote Bäume, gelbe solche, deren Krone oben abgestorben ist. Mit blauen Kringeln haben sie an einzelnen Exemplaren die so harmlos wirkenden Gelege von Schwammspinnern sichtbar gemacht.

Klimawandel begünstigt neue Schädlinge

„Der Wald wird wärmer, sonniger und insektenfreundlicher“, kommentierte Klöckner, was nicht nur für sie beklemmend wirkte. „In dieser Massivität ist mir das noch nicht begegnet“, sagte sie. Forstexperte Dr. Ralf Petercord merkte an, dass der Klimawandel auch neue Schädlinge begünstigt. Der Schwammspinner als typischer Eichenschädling sei „im Buchenwald angekommen“. Petercord wies auf die vorhandene Naturverjüngung hin – „alles Rehfutter“ – und sprach sich in deutlichen Worten für angepasste Wildbestände aus.
Der Vorsitzende der Forstlichen Vereinigung Unterfranken (FVU) Wolfgang Borst stellte fest, dass eine Pflanzung nur mit der notwendigen Bodenfeuchte gelingen könne. Nicht zuletzt deshalb müsse die Naturverjüngung im Vordergrund stehen, doch ohne Zaun gelinge sie in den seltensten Fällen. 6300 Kleinprivatwaldbesitzer seien in der FVU organisiert und „denen geht die Luft aus“, denn sie hätten nur laufende Kosten und keine Einnahmen. „Wir müssen Perspektiven aufbauen“, forderte er.

Zustand hat sich dramatisch verschlechtert

Der Zustand des Waldes habe sich dramatisch verschlechtert, sagte Klöckner, „er ist im Klimastress“. Umso entscheidender sei es, „dass wir unserem Wald jetzt alle erdenklichen Hilfen zukommen lassen“. Rund 285 000 ha müssten wiederbewaldet werden. Leider scheine sich die Situation nicht zu entspannen. Laut neuesten EU-Forschungsdaten war der vergangene Monat weltweit der wärmste September seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen.

„Für Wald und Holz sind im Konjunkturpaket insgesamt 700 Mio. € an Bundesmitteln vorgesehen“, sagte sie. „Uns stehen außerdem rund 800 Mio. € im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes von Bund und Ländern zur Verfügung“. Mit diesen 1,5 Mrd. € will die Ministerin für klimastabile Mischwälder, naturnahe Waldbewirtschaftung und eine Unterstützung der Waldeigentümer in Krisenzeiten sorgen. So könnten wichtige Arbeiten geleistet werden: Schadholz räumen, standortangepasste stabile Baumarten pflanzen und den Forst vor Schädlingen schützen. Damit werde Forstbetrieben geholfen, die wegen Waldschäden, der Verwerfungen des Holzmarktes und auch durch die Folgen von Corona große Schäden haben.
Die Klöckner dankte allen Forstwirten und Waldbesitzern. Dank gezielter Förderung von Bund und Ländern werde der Wald bereits seit den 1990er Jahren aktiv umgebaut. Die Waldfläche habe in den vergangenen 20 Jahren um 50 000 ha zugenommen.