Klimawandel

Wälder im Hitzestress

Körperschaftswaldtag_B2_LF
Kein Bild vorhanden
Ludwiga Friedl
am Montag, 29.07.2019 - 13:06

11. Unterfränkischer Gemeinde- und Körperschaftswaldtag sucht nach Wegen, die Wälder auch in Zeiten des Klimawandels zu erhalten.

Körperschaftswaldtag_B1_LF

Um den Klimawandel ging es beim 11. Unterfränkischen Gemeinde- und Körperschaftswaldtag im Steigerwald – Zentrum in Handthal. Der Bezirksverband Unterfranken des Bayerischen Gemeindetages und die Bezirksgruppe Unterfranken im Bayerischen Forstverein hatten unter dem Titel: „Hitzejahr 2018: Sichtbare Spuren des Klimawandels in den Wäldern Unterfrankens – Analyse und Herausforderungen“ eingeladen. Förster, Bürgermeister und Waldbesitzer waren gekommen, um sich über das Ausmaß der Schäden auszutauschen und nach Wegen zu suchen, die Wälder zu erhalten.

Stephan Thierfelder, Vorsitzender der Bezirksgruppe Unterfranken des Bayerischen Forstvereins, sagte, dass erstmalig 2015 und 2018 zwei Extremjahre in Folge gekommen seien, „und wir sehen die Folgen“. In manchen Regionen seien gleich mehrere Baumarten von Hitze und Trockenstress betroffen, andernorts leide nur die Fichte. „Die Schadenssituation geht täglich weiter“, sagte Thierfelder, „das macht sehr betroffen und erfüllt uns mit Sorge“. Nach den Extremjahren sei deutlich zu sehen, dass heimische Baumarten schon an ihre Grenzen stoßen. Das sei „Klimawandel im Echtbetrieb“, sagte er und fragte, wie weit der Wald in Unterfranken darauf vorbereitet ist.

Bei der Fichte bis zu
70 % Trockenschäden

Bei der Fichte gebe es unterfrankenweit überall Schäden, zu 70 % Trockenschäden, obgleich auch für Borkenkäfer oder Sturm ein hohes Risiko bestehe. „Die Kiefer hatte im Vergleich wenig Probleme, bekommt nun aber durch Hitze, Pilzbefall und Insektenschäden ebenfalls Probleme“, sagte Thierfelder. Die Lärche als schöne Mischbaumart habe ein steigendes Risiko für Borkenkäfer oder sei schlicht vertrocknet. Die Schwarzkiefer kämpfe mit dem Diplodia-Pilz. Die Douglasie als wirtschaftlich sehr wertvolle Mischbaumart zeichne auf problematischeren Standorten mit Trockenschäden. Die Buche als wichtigste Laubbaumart habe zwar 2016 wieder ausgetrieben, stecke aber 2018 weniger gut weg. Komplett abgestorbene Bäume gebe es vor allem im Steigerwald, in den Haßbergen und auf der fränkischen Platte. Die Eiche habe die Trockenheit am besten weggesteckt, sei aber der Massenvermehrung durch Schwammspinner und Eichenprozessionsspinner ausgesetzt, die ihre Fraßkulisse ausgedehnt hätten.
Hainbuchen seien abgestorben, obgleich ihnen ein eher geringeres Risiko prognostiziert war. „Wir gehen davon aus, daß die Rußrindenkrankheit am Bergahorn flächendeckend da ist“, sagte Thierfelder. „Die Folgen des Hitze- und Trockenjahres zeigen neue Dimensionen und eine ungeahnte Dynamik beim Schädlingsbefall“.

Die Tropennächte
werden zunehmen

Dr. Felix Pollinger vom Institut für Geographie und Geologie der Uni Würzburg stellte Klimaprognosen für das Jahr 2100 vor. Je nach Modell steige die Jahresmitteltemperatur um 2,3°C bzw. 3,9 °C. „Die Frostnächte werden weniger, die Tropennächte nehmen zu, die Vegetationsperiode wird sehr viel länger“, sagte er. Auch die Vernalisationsdauer werde massiv abnehmen.
„Neue Bäume braucht das Land“ hieß der Vortrag von Dr. Susanne Böll, die an der Bayerischen Landesanstalt für Wein und Gartenbau seit 2010 Stadtbäume erforscht. 650 Stadtbäume werden von ihr regelmäßig auf Frostschäden, Trocken- und Hitzestress, Schädlinge, Krankheiten, Phänologie und Zuwachsraten untersucht.Als stresstolerante Klimabäume für die Stadt hätten sich zum Beispiel die Purpurerle, die Silberlinde, die Säulenhainbuche, die Blumenesche und die ungarische Eiche erwiesen. Doch jeder Standort sei anders.
„Keine einfache Lösung anbieten“ konnte auch Olaf Schmidt, der Präsident der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft. Die forstliche Situation in der wärmsten Ecke Bayerns bezeichnete er als Herausforderung. Der Trockenstress nehme vor allem in Nordbayern zu. Er analysierte nicht nur das Trockenjahr 2018, sondern auch den Winter 2018/19 „erheblich zu mild“, den Frühling 2019 „etwas zu warm“ und den „wärmsten und sonnigsten Juni, der verbreitet zu trocken war“. Trotz aller Probleme bezeichnete Schmidt den Wald als „Helfer im Kampf gegen den Klimawandel“, nicht nur weil er Kohlenstoff binde, sondern auch wegen der Schutzfunktion der Wälder bei Starkregen, Hochwasser, Erosion und Lawinen.
Trotzdem bezeichnete Schmidt den Wald auch als „Opfer“, weil die zunehmende Trockenheit für fast alle Baumarten problematisch werde, wegen zunehmender Insektenkalamitäten und Sturmwurfereignissen sowie steigender Waldbrandgefahr. Auch der Frost bleibe weiterhin ein Risikofaktor. Beim Waldumbau als Anpassungsstrategie gehe es darum den Wald mit seiner Funktionenvielfalt zu erhalten. „Das werden keine ertragreichen Wälder mehr sein“, meinte er. Und er betonte „Waldumbau braucht Zeit, Fachpersonal und Geld – all das haben wir nicht“.
Nichtheimische Baumarten stünden schon seit langer Zeit im forstwirtschaftlichen Interesse. Dabei gebe es manchmal Konflikte mit dem Naturschutz, der bei einer guten Wuchs-Konkurrenzkraft die Verdrängung anderer Baumarten befürchtet, und bei einem guten Naturverjüngungspotenzial Invasivität. Im Programm BaSIS (Bayerisches Standortinformationsprogramm) seien Leitlinien für den Umgang mit nichtheimischen Baumarten zu finden sowie Anbauempfehlungen z. B. für Edelkastanie, Flammeiche, Zerreiche, Französischen Ahorn, Japanische Lärche, Küstentanne aber auch Robinie, Roteiche, Schwarzkiefer, Vogelkirsche und Wildbirne.

Baumarten am Rande ihrer Möglichkeiten

„In Unterfranken gibt es keine Baumart ohne Waldschutzrisiko“, sagte Schmidt. In seinem Fazit sagte er, dass Fichten, Kiefern und Lärchen „am Rande ihrer Möglichkeiten existieren“ werden sowie auch die weniger anfälligen Buchen, Weißtannen, Bergahorne und Elsbeeren. Gewinner werden die südlichen Arten sein. Außerdem erinnerte er daran, dass jeder Waldumbau angepasste Wildbestände erfordere.
„Naturschutz als Chance für unsere Wälder“ war das Thema von Dr. Christian Stierstorfer vom Landesbund für Vogelschutz, Bezirksgeschäftsstelle Niederbayern. Dass sehr viele Baumarten in Schwierigkeiten sind, müsse man auch als Naturschützer zur Kenntnis nehmen. „Einheimische Baumarten bilden weiterhin die Substanz einer naturnahen Forstwirtschaft“, sagte er. Zentraleuropäische Baumarten könnten das Spektrum erweitern, doch chemische Bekämpfung müsse „der absolute Ausnahmefall“ sein. Gefragt seien neue Offenheit und Toleranz gegenüber sukzessiven Veränderungen mit ungewissem Ausgang.
Josef Mend,Vorsitzender des Bezirksverbandes Unterfranken des Bayerischen Gemeindetages, moderierte die Verabschiedung eines Positionspapiers (siehe oben stehender Kasten) und die Abschlussdiskussion. Sein bitteres Fazit: „Der Wald, unsere wichtigste Lebensgrundlage, quält sich wie ein Hund.“

Dramatisches Schadensausmaß wahrnehmen

Handthal/Lks. Schweinfurt Beim 11. unterfränkischen Gemeinde- und Körperschaftswaldtag wurde folgendes Positionspapier verabschiedet: Mit den trocken-heißen Jahren 2015 und 2018 haben kurz hintereinander zwei Extremereignisse auf den unterfränkischen Wald eingewirkt. Die bereits 2018 auffälligen, in 2019 aber noch viel deutlicher in den Wäldern sichtbaren Schäden erfüllen die unterfränkischen Waldbesitzer und Forstleute mit tiefer Sorge. Das bisher erkennbare Schadensausmaß fällt innerhalb Unterfrankens regional unterschiedlich aus. Besonders beunruhigend ist die Tatsache, dass auch Baumarten, die seit Jahrtausenden von Natur aus in Unterfranken wachsen und denen bisher für die Zukunft im Klimawandel ein geringes Risiko attestiert wurde, örtlich schlicht vertrocknet sind. Dies gilt insbesondere für die Buche.

Es handelt sich um Symptome, die Waldbesitzer und Förster bisher nicht gekannt haben. Örtlich ist die Situation so zugespitzt, dass es künftig nicht mehr um eine Bewirtschaftung des Waldes gehen wird, sondern um dessen Erhalt! Wir brauchen neue Waldstategien jetzt!

Die unterfränkischen Gemeinden und Körperschaften sowie der Bayerische Forstverein, Bezirksgruppe Unterfranken, appellieren an

  • Öffentlichkeit und Entscheidungsträger, das dramatische Schadensausmaß der neuen Entwicklungen bewusst wahrzunehmen und daraus energisch die notwendigen Konsequenzen zu ziehen;
  • Fachverwaltungen und Forschungseinrichtungen, die Entwicklungen im unterfränkischen Wald zeitnah genau zu erheben sowie zu analysieren und daraus umgehend aktualisierte Zukunftskonzepte für den Wald im Klimawandel abzuleiten;
  • Gesellschaft und Politik, die notwendigen Ressourcen für die Schadensaufarbeitung und den Wiederaufbau und Umbau in klimastabile Wälder in Unterfranken bereitszustellen; die Waldbesitzer alleine können dies nicht bewältigen;
  • alle Bürger, mit einem klimafreundlichen persönlichen Lebensstil den Wald vor ihrer Haustüre und damit einen Teil der eigenen Lebensgrundlagen zu schützen. LF