Franken

Vorzeigeprojekt oder Agrarindustrie?

Montagsdemonstration Langenzenn
Fritz Arnold
am Dienstag, 06.10.2020 - 11:07

Landwirte im Knoblauchsland planen ausgeklügelte, ressourcenschonende Gewächshäuser - trotzdem gibt es Widerstand aus der Bevölkerung.

Keidenzell Höfler und Peter

Weil es den Gemüsebauern im Knoblauchsland zu eng geworden ist, um die steigende Nachfrage zu decken, bauen Gemüsebauern etwa seit zehn Jahren Produktionsstätten in der Region auf. Den Anfang machte der Betrieb Pfann aus Wetzendorf mit einem Gewächshaus für Kräuter in Keidenzell. Dann folgte der Betrieb Scherzer mit einer Tomaten- und Gurkenproduktion auf 10 ha unter Glas bei Dinkelsbühl. Inzwischen hat Scherzer mit seinem Kollegen Boss im Landkreis Kulmbach einen weiteren Gemüsebetrieb aufgebaut. Der Gemüsebetrieb Drechsler betreibt einen Anbau unter Glas bei Abenberg im Landkreis Roth. Und der Betrieb Peter Höfler aus Almoshof übernahm die Gewächshäuser des Biobetriebes Maier in Weisenbronn. All diese Produktionserweiterungen auf das flache Land hinaus verliefen weitgehend geräuschlos.

Gegen die neuen Pläne von zwei Gemüsebaubetrieben bei Keidenzell und Hardhof große Gewächshausbetriebe zu errichten, erhebt sich nun aber Protest. Zur inzwischen zweiten „Montagsdemo“ kamen am 21. September knapp 150 Bürger und Bauern zusammen.

Synergie-Effekte mit der Agrar Kompost

Bei dem Vorhaben bei Keidenzell sind die Planungen vorangeschritten. Das Gewächshaus soll gegenüber der Kompost- und Biogasanlage errichtet werden. Gemüsebauer Peter Höfler und Johann Peter von der Agrar Kompost GmbH (AKG) erwarten sich erhebliche Synergieeffekte, weil die AKG-Anlage Wärme für den Gemüsebau liefert. Pflanzenreste werden bei der AKG verarbeitet und gehen als Dünger zurück in die Gewächshäuser.

Weiter kann die AKG ihr Dach- und Kondenswasser aus einer Gärprodukttrocknung, in der die überschüssige „Sommerwärme“ des Biomasseheizkraftwerk verwertet wird, dem Gewächshaus als Gießwasser zu Verfügung stellen und somit die Wasserbilanz der Gemüseproduktion neutral halten.

Zukunftsgerichtetes Gewächshaus-Konzept und biologisch

Laut Höfler, dessen Familienbetrieb Gemüse in Nürnberg-Schnepfenreuth auf 8 ha unter Glas und 25 ha Freiland bislang nur konventionell anbaut, soll der neue Betrieb in Keidenzell nach einem zukunftsgerichteten Gewächshaus-Konzept arbeiten und biologisch produzieren.

Höfler plant auf dem zehn Hektar großen Grundstück, das sich im Eigentum der AKG befindet und bisher auch durch die AKG bewirtschaftet wurde, eine Gewächshausfläche von rund 6 ha. Der Anbau von Tomaten und Paprika in Bioqualität läuft von Januar bis Oktober. Die CO2-neutrale Wärmeversorgung stellt die AKG durch ein Biomasseheizkraftwerk sicher. Die Nährstoffversorgung erfolgt durch Kompost der AKG, die auch die Pflanzenreste aus der Gemüseproduktion verwertet. Wie im Bioanbau vorgeschrieben, wächst das Gemüse nicht auf Substrat, sondern auf gewachsenem Boden (Humus). Auf dem Areal werden voraussichtlich zehn ständige Fachkräfte benötigt. In der Spitze sollen rund 50 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze im Gewächshaus entstehen.

Regenerative Energie und kurze Wege

Die Nutzung ausschließlich regenerativer Energie sowie das Kondenswasser aus der Gärprodukttrocknung und die Verwertung der Pflanzenreste als Kompostdünger nennt Höfler eine regionale Produktion der kurzen Wege. Eine optimale Kulturführung durch moderne Technik beuge zudem Krankheiten vor. Durch die geschlossenen Kreisläufe entstehe kein Verlust von Nährstoffen und Wasser.

Als Nebengebäude entstehen neben dem Produktionsgewächshaus eine Gemüseaufbereitungshalle mit Büro, Sozial- und Aufenthaltsräumen sowie ein Unterkunftsgebäude für die Saisonmitarbeiter. Ein Warmwasserpufferspeicher für die Wärmeenergie sowie Wasserspeicher für Regen-, Kondens- und Brunnenwasser sollen ebenfalls gebaut werden. Selbstvermarktet wird über die Franken Gemüse e. G., die Großmärkte Nürnberg und München sowie an Discounter und den Lebensmitteleinzelhandel.

Forderung: „Geht dahin, wo es mehr Wasser gibt“

Die Demonstranten sorgen sich , dass über 50 Hektar Ackerland mit drei Photovoltaikanlagen und zwei „Gemüse-Industrieanlagen“ verloren gehen sollen. Die Redner wandten sich vor allem dagegen, dass in dem Gebiet, das zu den trockensten in Bayern gehört, enorme Mengen Wasser benötigt würden, die dann in Form von Tomaten in ganz Süddeutschland verteilt werden. „Geht dahin, wo es mehr Wasser gibt“, war eine der Forderungen.

Nach der Kundgebung zogen die Demonstranten durch die Straßen und skandierten: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns das Wasser klaut.“ Auf den Transparenten hieß es unter anderem: „Nein zu Größenwahn und Agrarkapitalismus – Kein XXL-Gewächshaus – Wir sind für bio und regional, aber gegen industrielle Größenordnungen.“ Zur Sorge um das Wasser wurde angeführt, dass der auf die Gewächshausdächer niedergehende Regen zwar aufgefangen werde, aber nur zu 85 Prozent für die Bewässerung reiche. Zusätzlich könne aus der bebauten Fläche kein Niederschlag ins Grundwasser gelangen.

2023 die ersten Tomaten?

Die Bauplänein Keidenzell werden in Kürze eingereicht. Höfler hofft, im Frühjahr 2023 mit der Pflanzung der ersten Tomaten und Paprika beginnen zu können. Noch nicht soweit gediehen sind die Planungen von Johannes Höfler aus Kleinreuth, der bei Hardhof bauen möchte.