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Diskussionsveranstaltung

Vom Versuch eines Dialogs

Michaela Kaniber musste sich vorzeitig von der Veranstaltung verabschieden. BBV-Präsident Walter Heidl, Regionalberater Dieter Popp und Kreisobmann Erwin Auernhammer (v. l.) stellten sich schützend hinter die Landwirtschaftsministerin.
Jürgen Leykam
am Freitag, 09.09.2022 - 07:27

Bei einer als Dialogauftakt deklarierten Veranstaltung in der Gunzenhausener Stadthalle kam es zu einer unerwarteten Wendung.

Sowohl Staatsministerin Michaela Kaniber als auch BBV-Präsident holten in ihren Referaten zu Rundumschlägen aus. Durch ihren verfrühten Weggang drohte die Ministerin allerdings zur „Buhfrau“ zu werden.

Gunzenhausen „Eine Frechheit!“ So mancher Besucher einer als Dialogauftakt zwischen Landwirten und Verbrauchern deklarierten Veranstaltung in der Gunzenhausener Stadthalle machte seinem Ärger dort lauthals Luft, als das Treffen eine unerwartete Wendung nahm. Denn just als die Publikumsfragerunde beginnen sollte, machte sich die Bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber daran, den Saal zu verlassen und die Heimreise anzutreten.

Die Aufregung aus den Reihen der rund 350 Gäste war verständlich. Reiste so mancher doch gerade deswegen an, um das eigene Herz ausschütten zu können und beendete dazu verfrüht die Hofarbeit, wie etwa Karin Heller aus Ellingen-Walkershöfe.

Zeitrahmen gesprengt

Sowohl Staatsministerin Michaela Kaniber als auch BBV-Präsident holten in ihren Referaten zu Rundumschlägen aus. Durch ihren verfrühten Weggang drohte die Ministerin allerdings zur „Buhfrau“ zu werden.

Die Ministerin und der Präsident des Bayerischen Bauernverbands (BBV) Walter Heidl legten ihren Standpunkt dar und sprengten dabei den vorgesehenen Zeitrahmen – bei der komplexen Agrarthematik kein Wunder. Ein Missverständnis hatte es offenbar im Vorfeld gegeben. Denn laut ihren Unterlagen war Kaniber gar nicht als Teilnehmerin einer Podiumsdiskussion vorgesehen und hatte sich somit auch nicht darauf eingestellt. Weil sie gehen musste, drohte sie zur „Buhfrau“ zu werden – unfreiwillig passend zum Titel des Abends „Der Landwirt – vom Volksernährer zum Buhmann der Nation“.

Initiator und BBV-Kreisobmann Erwin Auernhammer moderierte den Abend gemeinsam mit Regionalberater Dieter Popp. Er hielt den Verbrauchern einen Spiegel vor, der erkennen ließ, dass viele von ihnen genau das tun, was sie Landwirten vorwerfen, etwa bei der Unkrautbekämpfung zu Glyphosat zu greifen. Oder den Mähroboter laufen zu lassen, während dem Bauern Mähverbote oder -fristen verordnet werden. „Es ist überfällig, mehr miteinander zu reden“, betonte der Kreisobmann aber zugleich. Denn „die Bauern sind am Ende ihrer Kräfte und die Verbraucher es leid, sich Vorwürfe anhören zu müssen.“

Kuh als Klimakiller umstritten

Ein offener und ehrlicher Diskurs werde aber oft torpediert durch Behauptungen, die „unsinniger nicht sein könnten“: So sei etwa die Kuh mitnichten schuld am Klimawandel, sondern mit Gras und Luft nur ein Teil eines CO2-Kreislaufs. Vielmehr werde durch die fossile Energie die Atmosphäre mit zusätzlichem Kohlendioxid angereichert.

Aus Klimagründen Fleischverzicht zu fordern, „ist völlig daneben – Kühe belasten das Klima nicht!“ Im Gegenteil: Werde die effektive Milchviehhaltung in unseren Landen aufgegeben und durch eine hektarintensivere etwa in Brasilien ersetzt, bedeute dies dort verstärkte Abholzung des Regenwalds. Außerdem machten Rinder das Gras für den Menschen erst verwertbar.

Sowohl Kaniber wie auch Heidl holten nach dieser Steilvorlage zu Rundumschlägen aus. Die Ministerin sah die Landwirte durch das Volksbegehren als Tierquäler und Bodenvernichter stigmatisiert und warnte davor, in Europa 30 Prozent von Wald und Flur stilllegen zu wollen: „Dann gehen die Lichter aus und wir brauchen uns erst gar keine Sorgen um eine strategische Verteilung mehr zu machen.“ Statt ökologischer Vorrangflächen brauche es schon eher „Vorranggebiete für die Produktion von Lebensmitteln.“ Ärgerlich sei auch die „Lüge, dass 60 Prozent des Getreides im Trog landen.“ Wahr sei vielmehr, dass „86 Prozent des Tierfutters aus für den menschlichen Verzehr ungeeigneten Pflanzenresten bestehen.“

Landwirtschaft kann CO2 binden

„Die Landwirte stehen mit dem Rücken zur Wand!“, machte Helmut Rottler auf den Ernst der Lage aufmerksam.

Heidl rief in Erinnerung, dass „alleine Land- und Forstwirtschaft in der Lage sind, CO2 überhaupt zu binden“ und somit Teil der Lösung seien. Er forderte ein stärkeres Regionalbewusstsein, das immer noch zu oft dem Diktat des Geldes weiche – wenn etwa teurer deutscher Spargel aus den Regalen verschwinde, weil die billige griechische Variante von den Verbrauchern bevorzugt werde. Heidl bedauerte, dass Tierwohlware rückläufige Absatzzahlen schreibe, was zeige, dass die Standarddiskussion „auf den Rücken der Bauern ausgetragen wird“. Immerhin habe die hohe Politik aber erkannt, dass es „Unsinn ist, Heizen mit Holz zu verbieten“. Denn ein Verrotten im Wald setze ebenso viel CO2 frei wie etwa das Schüren mit Pellets. Die Holznutzung sei mengenmäßig geringer als der Zuwachs in den Wäldern.

Nach diesen Sätzen hatte Popp dann die unliebsame Aufgabe, den Abschied von Kaniber verkünden zu müssen. „Jetzt werden wir wieder im Regen stehen gelassen!“, echauffierte sich darauf das Publikum. „Es gibt keinen Grund, an dieser Stelle abzubrechen!“, ärgerte sich am Mikrofon dann Stefan Hauck, Biobauer aus Windischhausen. „Ich gehe keiner Diskussion aus dem Weg“, konterte die Ministerin, nachdem sie ihre Situation erklärt hatte. Und erntete prompt Widerspruch: „Auch in Ansbach haben Sie eine Diskussion abgebrochen!“, rief ein Besucher aus dem Publikum. Das sei aber nach dreieinhalb Stunden erst so weit gewesen, so Kaniber. Die Ministerin bot allen schließlich ein Folgetreffen an. Was eigentlich auch im Sinne der Initiatoren gewesen sein dürfte, die ja ohnehin von der Gunzenhausener Veranstaltung als einem Dialogauftakt sprachen.

Es geht hitzig weiter

Kaum war Kaniber gegangen, nahm der Ärger erneut Fahrt auf. Denn nun gab es einen Austausch am Podium statt mit dem Publikum. In der Runde machte der Bundestagsabgeordnete Artur Auernhammer dann auch noch klar, dass die andauernde Diskussion um die Düngeverordnung deren Ergebnis eher noch verschlechtere und es besser sei, den „schwarzen Schafen“ auf die Finger zu klopfen.

Helmut Rottler aus Burgsalach wiederum warb um Verständnis für die Bauern: „Die Landwirte stehen mit dem Rücken zur Wand!“ Lösungen seien kaum in Sicht: „Ich verliere langsam meine Geduld – uns läuft die Zeit davon!“, bekräftigte Heller.

Als Erwin Auernhammer dann noch die über die knapp hinter die deutschen Grenzen ausgewanderte Legehennen-Käfighaltung anprangerte, war dies einer Besucherin zuviel: „Ich bin nicht gekommen um mich bashen zu lassen!“ Auf seine Forderung zu einheitlichen Standards in Europa aber konnten sich alle einigen.