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Nach Urteil: Unfassbare Tragödie für Mensch und Tier

Gericht
Fritz Arnold
am Donnerstag, 14.04.2022 - 13:23

Ein 44-Jähriger war mit dem Hof völlig überfordert. Mehr als 200 Rinder starben. Wie konnte diese Tragödie passieren?

Ansbach - Zu einem Jahr und sechs Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung hat das Amtsgericht einen 44-jährigen Landwirt aus einem kleinen Dorf nahe Rothenburg ob der Tauber verurteilt, in dessen Stall 160 der 217 weiblichen Mastrinder an Hunger und Durst verendet sind und weitere 18 eingeschläfert werden mussten. 

Der Fall hatte bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Es bleibt die Frage: Wie konnte diese Tragödie geschehen? Und warum ist die Tragödie erst so spät aufgefallen? Laut Staatsanwaltschaft waren am Pfingstsonntag 2021 über 160 Tiere in dem Stall  tot aufgefunden worden.

In der Umgebung wurde der Landwirt als tüchtig beschrieben. Er habe sich auch ehrenamtlich in der Gemeinde engagiert, bevor es zu der Überforderung kam. Derzeit arbeitet er bei einem Lohnunternehmen. Vorherige Tätigkeiten als Gemeinderat und bei der Feuerwehr habe er aufgegeben, heißt es aus dem Umfeld des Landwirts.

Eine unerklärliche Tragödie

Ansbachs BBV-Geschäftsführer Rainer Weiß bezeichnet den Vorfall als „Tragödie, die vielen von uns unerklärlich ist“. Der Betriebsleiter und seine Frau seien im ganzen Landkreis als „sehr tüchtige Leute“ bekannt gewesen. Er sei auch als Gemeinderat und in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv und sehr anerkannt gewesen. Als die Tragödie ans Licht kam, seien alle „geschockt“ gewesen. „Das kam komplett überraschend und ist bis heute unverständlich“, sagt Weiß. Er selber hat bis vor zehn Jahren Rinder gehalten und kann sich noch gut erinnern, wie die brüllen, wenn es mit dem Füttern mal eine Stunde später wird.

Dass im Dorf nichts zu hören war, ist ihm ein Rätsel. „Der Stall liegt rund 300 m weg von der Ortschaft“, sagt er. „Man hätte doch etwas bemerken müssen“, meint auch der stellvertretende BBV-Kreisobmann Karlheinz Brand, der aber einräumt, dass der Stall sehr abgelegen ist und die umliegenden Flächen vom Betriebsleiter selber bewirtschaftet werden. Weil der Weg, der zum Stall führt, nur weiter zu einer Schafhutung führe, kämen wahrscheinlich keine Spaziergänger vorbei. Er spricht von „Tragik auch für die Familie“.

Als Berufskollege stehe man „sprachlos“ davor, das sagen auch viele Berufskollegen aus der Umgebung, die den 44-jährigen als sehr hilfsbereiten und zuverlässigen Menschen kannten. Dass es zu dieser schrecklichen Tragödie für Tier und Mensch gekommen war, führt einer von ihnen auch auf die durch Corona massiv eingeschränkten Kontakte zurück. Feuerwehrübungen hatten nicht stattgefunden. Und die Gemeinderatssitzungen waren online vorbereitet worden und fanden sehr verkürzt statt. So sei es nicht aufgefallen, dass sich hier eine Depression mit schrecklichen Folgen anbahnte. Auch von den Generationenkonflikten - die es auf mehreren Betrieben gebe - sei kaum etwas nach außen gedrungen.

Der Bürgermeister des Dorfes will nicht zitiert werden. Niemand im Dorf wünscht sich, dass der Name künftig mit unermesslichem Tierleid in Verbindung gebracht wird. Je näher die Menschen dem Geschen waren, umso bestürzter wirken sie, dass sie nichts von der Tragödie mitbekommen haben. Seit Pfingsten 2021 habe die ganze Familie sehr viel durchgemacht. Deshalb sei es nun zu begrüßen, dass die Gerichtsverhandlung einen notwendigen Schlusspunkt gesetzt habe.

Vor Ort wolle niemand weiteres Öl ins Feuer gießen, zumal dem Landwirt weder Bösartigkeit noch Profitgier attestiert werden könne. Dass sich Depressionen in Verbindung mit Alkoholismus so verheerend auswirken konnten, habe niemand für möglich gehalten. Nun sei die Resozialisierung wichtig. Mehrfach hieß es gegenüber dem Wochenblatt: „Wir lassen ihn nicht fallen."