Strategie

Auch das Unmögliche denken

Unternehmer
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Externer Autor
am Montag, 13.01.2020 - 10:54

Unternehmer Michael Horsch referiert beim Würzburger Bauerntag.

Gaukönigshofen/ Lks. Würzburg - War’s die seit Monaten anhaltende grundschlechte Stimmung in der Landwirtschaft? Oder der (gefühlte) fehlende Rückhalt für die Landwirte in der Politik? Der angekündigte Gastredner? Das richtige Timing? Wie auch immer: Viel mehr Besucher des Würzburger Kreisbauerntages hätte das Haus der Jugend in Gaukönighofen nicht vertragen.

Vor um die 300 Berufskollegen und -kolleginnen, Gästen aus Politik und Behörden machte Kreisobmann Michael Stolzenberger seinem Unmut über das – trotz Bauerndemos – Festhalten von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner an ihrem Agrarmaßnahmenpaket, über mangelnde Kompromissbereitschaft und fehlenden Rückhalt für die Landwirte seitens der „großen Politik“ Luft. Habe die Bevölkerung in den Nachkriegsjahren die Bauern gefeiert, sehe sie heute vieles, was Bauern machen, als falsch an. Bei allem Lob für die (Aktivitäten der) Landwirte verwies Stolzenberger auch auf eigene Versäumnisse: „Wir müssen lernen, mehr Öffentlichkeitsarbeit zu machen, Gespräche zu führen“, damit die bisherigen Leistungen anerkannt würden. 

Artenschutz auf freiwilliger Basis

Einer, der durchaus ein Auge für das Tun der Bauern habe – und ihnen laut dem unterfränkischen BBV-Präsidenten Stefan Köhler beim Volksbegehren ,Rettet die Bienen‘ den „Rücken gestärkt“ habe, sei Landrat Eberhard Nuss. Ihn fragte Köhler nach den Aktivitäten des Landkreises in Sachen Artenschutz. Nuss‘ Antwort: „Da passiert sehr viel gemeinsam mit dem Landschaftspflegeverband und den Landwirten, ohne die gar nichts geht.“

Dass viel auf freiwilliger Basis gelingen kann, stellte Harald Blankart heraus. Seit wenigen Monaten Chef des Würzburger AELF, verwies er auf das Werntalprojekt zum Trinkwasserschutz – eine gelungene Kooperation zwischen Wasserversorgern und Landwirten, die über 1100 ha grundwasserverträglich bewirtschaften. Für Blankart stand fest: „Die Pauschalschelte gegen Landwirte ist kontraproduktiv.“

Werbung für landwirtschaftliche Produkte nötig

Nach der kurzen Frage-Antwort-Runde zu Landkreis-/Amts-Aktivitäten in Sachen Artenschutz, die die traditionellen Grußworte ersetzte, übernahm Michel Horsch das Mikro. Mehr als eine Stunde lang bannte der Gründer der Horsch Maschinen GmbH mit heute über 1600 Mitarbeitern weltweit und über 400 Mio. € Umsatz die Zuhörer im Haus der Jugend. Man müsse es „immer wieder wagen, das Unmögliche zu denken“, leitete er seinen Vortag ein, den er mit „schwierigen Infos“ zu Entwicklungen/Trends in der Gesellschaft und Fakten gespickt hatte.

Laut einer Analyse des Verbraucherverhaltens kauften 75 % billig, 15 % nachhaltig/regional und 10 % Bio. Allerdings seien 50 % der „Billig“-Käufer bereit, nachhaltig oder sogar Bio einzukaufen. Hier liege ein „gewaltiges Potenzial für uns Landwirte“. Das müsse man nutzen. Auch auf das ,Wie‘ hatte er Antworten parat: durch Einigkeit untereinander, durch Vorantreiben von Werbekampagnen, die richtig viel Geld kosten.

Neben der Aufgabe, Menschen gesund zu ernähren, sieht er für die Landwirtschaft weitere (neue) Geschäftsfelder: sich ums „Klima kümmern“, Kohlenstoff im Boden speichern, CO2 aus der Luft nehmen, „Fleisch“ produzieren aus vegetarischen Rohstoffen, was mittels Präzisionsfermentation (PF) möglich sei. Dass dafür kein Tier mehr getötet, zugleich das Klima geschützt werde, dass Geschmack und Nährwerte eines Nahrungsmittels verbessert werden, seien schlagkräftige Argumente, sagte Horsch.

Breites Spektrum möglicher Tätigkeiten

Mit effektiven Mikroorganismen (EM), wie sie bereits heute in Brasiliens gigantischen Betrieben eingesetzt würden, könne man die Belastung des Bodens stark reduzieren, Pflanze und Nahrungsmittel stark beeinflussen, so der Unternehmer.

Auch die – jahrzehntelang nicht beachtete – mikrobakterielle Carbonisierung (MC) biete der Landwirtschaft ein vielversprechendes Geschäftsfeld: die Herstellung von hochwertigem Humus durch einen einfachen natürlichen Prozess, der dazu führe, dass der so hergestellte Kompost mehr Kohlenstoff enthalte als die herkömmliche Variante. 

Zum Ende des Bauerntages gab Claus Hochrhein vom Vorstand der Organisation LsV (Land schafft Verbindung) noch einen Überblick über die Aktivitäten der letzten Wochen und die Reaktionen von Zuschauern. Sein Appell an die Kollegen: „Redet mit den Verbrauchern. Ohne sie kommen wir nicht weiter.“ Nach den Mutmachern endete die Versammlung mit einem Novum: dem Schlusswort der Kreisbäuerin. Man könne, so Martina Wild, die „derzeitige Krise auch als Chance begreifen“.