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Krise

Ukraine: Der Wahnsinn macht sprachlos

Ludwiga Friedl
Ludwiga Friedl
am Freitag, 13.05.2022 - 16:00

Martin Ritter aus Franken hat den einzigen Naturland-Betrieb in der Ukraine aufgebaut. Seine Sorge gilt nun den Menschen vor Ort.

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„Heute Abend beladen wir den 26. und 27. LKW mit Hilfsgütern“, sagt der Landwirt Martin Ritter aus Ostheim in der Rhön. Darin sind nicht nur tausende gespendete Teebeutel, sondern auch 500 Schlafsäcke für Menschen in der kriegsgeschüttelten Ukraine, die infolge der Bombenangriffe obdachlos geworden sind.

„Es ist ein Wahnsinn“, sagt Ritter immer wieder, „des kann man sich bei uns gar nicht vorstellen“. Er hat geholfen, 33 Menschen aus der Ukraine nach Ostheim in Sicherheit zu bringen. Frauen mit ihren Kindern und Omas.

Ihren Männern war und ist die Flucht verwehrt, weil sie die Ukraine gegen die russischen Truppen verteidigen. Solange sie noch nicht ins Militär eingezogen sind, bestellen die Landwirte die Felder.

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„Selbstverständlich haben wir mit der Saat angefangen“, sagt Martin Ritter“, „und wir hoffen, dass es funktioniert“. Mit „Wir“ meint er in dem Fall nicht seine Frau Inge und seinen 25-jährigen Sohn Tim, mit denen er in Ostheim einen Naturland-Betrieb führt. Auf den 70 ha wächst Futter für das bio-Geflügel (Puten und Masthähnchen), auf den Wiesen Heu für die elf Pensionspferde. Wesentliches Standbein für den Betrieb in der Rhön sind 7,5 ha Holunder und zwei ha Quitten, die für bionade angebaut werden.

Zusammen mit den bionade-Gründern Kowalski suchte man schon vor zehn Jahren nach einer Möglichkeit, „sicheren“ bio-Zucker anzubauen. Weil in der EU die Zuckermarktordnung herrschte und kaum Bio-Zucker angebaut wurde, habe bionade damals viel Rohrzucker bezogen, der aber auch umstritten war, vor allem wegen Kinderarbeit.

Der Plan, außerhalb der EU selber Bio-Zucker anzubauen, verschwand zunächst in einer Schublade, denn bionade wurde verkauft. Doch von den neuen Besitzern öffnete jemand die Schublade und jemand hatte in der Ukraine Bekannte, die einen landwirtschaftlichen Betrieb haben.

Und so kam Martin Ritter wieder ins Spiel. Er pachtete 2015 einen Teil dieses Betriebs in der Rivne-Region, rund 300 km westlich von Kiew. Und baute den bislang einzigen Naturlandbetrieb der Ukraine auf. Auf 5000 ha.

„Für die Ukraine ist das ein kleiner bis mittlerer Betrieb“, sagt der Landwirt und erklärt gleich, dass es dort keinerlei staatliche Förderung gibt. Ein 200 ha-Betrieb könne deshalb dort nicht überleben. Es gebe zwar Selbstversorger, die auf drei-vier ha einige Kühe und Schweine halten. Aber niemand denke daran, sich bei den im Kommunismus gewachsenen Strukturen selbstständig zu machen. „Was du erntest, hast du, sonst gibt es nix.“

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„Der Betrieb war da, mit Hofstelle außerhalb des Dorfes, Lagerhallen, Trocknung und Maschinenpark“, erzählt Ritter, der zunächst 800 ha auf Bio umgestellt hat. Im laufenden Betrieb sind rund 80 Arbeitskräfte beschäftigt, dazu 40 Saison-Arbeitskräfte.

Im letzten Jahr wurden 2500 ha Sojabohnen angebaut, 600 ha Mais, 1000 ha Weizen und 400 ha Buchweizen. Die Luzerne auf 500 ha wird mehrere Jahre genutzt, hauptsächlich von den 280 Milchkühen und der weiblichen Nachzucht. Im Stall hat Ritter begonnen, mit gutem Erfolg Fleckvieh einzukreuzen.

Zuckerrüben werden infolge von massiven Vermarktungsproblemen nicht mehr angebaut. Dafür stehen auf 50 ha Erdbeeren und Himbeeren, die als Tiefkühlware an einen Verarbeiter in Polen gehen. Der Hauptgrund für den Beerenanbau sei die „soziale Verantwortung“ gewesen.

Dann kam der Anruf, dass die Russen schießen

Gemeinsam mit dem Direktor, der den Betrieb leitet, hatte Ritter vieles überlegt, um die Leute in die Arbeit zu bekommen. Ohne Verdienst fehlt das Geld zum Einkaufen. „Das sind fähige, gute Leute“, sagt er über seine Mitarbeiter. Alle vier Wochen ist er „in normalen Zeiten“ für vier, fünf Tage von Frankfurt über Lemberg hingeflogen.

Deshalb wurde er im Februar auch sehr nervös, als bei uns im Fernsehen über den russischen Aufmarsch berichtet wurde. „Noch am Mittwochabend haben wir telefoniert und in der Ukraine waren alle ganz ruhig, felsenfest davon überzeugt, dass Putin niemals einmarschieren würde“, sagt Ritter.

Er hat trotzdem angeboten, allen, die flüchten wollen, zu helfen. „Schon am nächsten Morgen um halb sieben kam der Anruf, dass die Russen schießen und Raketen fliegen.“

Umgehend machte sich Ritter gemeinsam mit drei Freunden im Auto auf den Weg an die ukrainisch-polnische Grenze. „Am Freitag wollten wir die Frauen und Kinder holen, doch es wurde Sonntag, bis sie endlich die Grenze passieren konnten“, berichtet er. „70 Stunden Wartezeit, ein Wahnsinn.“

Doch dann klappte alles reibungslos. Die Stadt Ostheim habe sofort reagiert und ein Ferienhaus zur Verfügung gestellt, in dem inzwischen 33 Personen untergekommen sind. Die Kinder gehen online in die Schule - in der Ukraine. „Das klappt besser als bei uns“, findet Ritter. „Aber alle wollen wieder heim“.

Unverzüglich Hilfe organisiert

Unverzüglich hat er mit seinen guten Bekannten Alexander Trost, Tanja Metz und Michael Ahrend „Ostheim hilft“ initiiert. Die Initiative hat sich inzwischen mit „Deine Ukrainehilfe“ zusammengeschlossen und liefert gespendete Hilfsgüter in die Ukraine.

Teils werden von Volvo gesponsorte LKWs auf dem Breslauer Umschlagplatz der Firma Geis-group auf ukrainische LKWs umgeladen, teils kommen ukrainische LKWs direkt nach Ostheim. Vor Ort werde die Verteilung in jeder Phase kontrolliert. Bedürftige bekommen Bezugsscheine für Hilfsgüter von ihrem Landkreis, mit denen sie Spenden ausgehändigt bekommen.

„Und die Leute stehen Schlange“, das zeigt Ritter mit einem Video, in dem ihm und den vielen anderen Spendern gedankt wird. „Die Spendenbereitschaft, des is der W...“, will Ritter sagen, aber er korrigiert sich und sucht nach Worten „nicht zu beschreiben... großartig... wunderbar“.

„Wahnsinn“, das ist für diesen Krieg reserviert. Dort gehe es nicht darum, Militär auszuschalten. Ohne Rücksicht auf Verluste werde Infrastruktur zerstört. „Welcher normale Mensch zerbombt ein Krankenhaus?“

Ritter fühlt sich in der sozialen Pflicht, den Leuten Arbeit zu geben. Dass bereits 60 Prozent der Ukrainer ihre Arbeit verloren haben, bezeichnet er als humanitäre Katastrophe. Rund 50 Schlepperfahrer hat der Betrieb beschäftigt, 25 von ihnen sind im Krieg, drei von ihnen sind schon gefallen, sie wurden nur 20 bis 23 Jahre alt.