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Gerichtsverfahren

Über 200 Rinder tot: Bewährungsstrafe für Landwirt

Richterhammer
Claudia Bockholt
Claudia Bockholt
am Dienstag, 12.04.2022 - 14:22

Nach einem anonymen Hinweis hatten Streifenbeamte am Pfingstsonntag in einem Mastbetrieb bei Rotenburg ob der Tauber 171 tote Rinder entdeckt. Der heute 44-Jährige litt unter Depressionen und war mit dem Hof völlig überfordert.

Ansbach - Zu einem Jahr und sechs Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung hat das Amtsgericht einen 44-jährigen Landwirt aus einem kleinen Dorf nahe Rothenburg ob der Tauber verurteilt. Er muss außerdem 3000 Euro an den Bund Naturschutz bezahlen. Das ausgesprochene lebenslange Tierhaltungsverbot hatte der Bauer schon im Vorfeld akzeptiert. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Mit dem Urteil blieb der Richter unter der Forderung der Staatsanwältin, die ein Jahr und neun Monate ohne Bewährung forderte. Seine Entscheidung, deutlich unter den Forderungen der  Staatsanwältin zu bleiben, begründete der Richter damit, dass sich der Landwirt selbst, wenn auch zunächst anonym, bei der Polizei meldete und den Fall ins Rollen brachte. Während drei Polizeibeamte als Zeugen ihre ersten Eindrücke schilderten, ging ein psychiatrischer Gutachter sehr ausführlich auf die Vorgänge ein. Er gab aus den Gesprächen den Eindruck wieder, dass der 43-Jährige letztlich mit der Situation überfordert war.

Vor allem familiäre Probleme und Meinungsverschiedenheiten mit dem Vater und dann auch mit der Ehefrau, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr im Stall mithelfen konnte, hätten dann dazu geführt, dass der Landwirt völlig überfordert war. Der Gutachter sprach von Erschöpfung und Depression und erklärte, dass man seinen Zustand heute allgemein als Burn-out bezeichnet. Schließlich hatte der Landwirt mit der Rindermast von 217 Tieren, 110 Hektar Ackerbau und einer Biogasanlage sowie einem Wärmenetzt viele Bereiche zu bewältigen. Dass er das alles nicht mehr bewältigte, dafür schämte er sich, bat deshalb auch niemanden um Hilfe, sagte der Gutachter.

Laut Staatsanwaltschaft waren am Pfingstsonntag 2021 über 160 Tiere in dem Stall  tot aufgefunden worden. Weitere rund 50 Tiere konnten zunächst lebend gerettet werden. Sie befanden sich aber in einem so erbärmlichen Zustand, dass viele dann doch notgeschlachtet und alle weiteren wenig später getötet werden mussten. Der verantwortliche Halter wurde am Mittwoch vom Amtsgericht Ansbach zu einer Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren sowie einem lebenslangen Tierhaltungsverbot verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Beschuldigter psychisch erkrankt

Der Landwirt hatte die Tiere in dem abseits des Dorfes gelegenen Stall über einen längeren Zeitraum nicht mehr ordentlich mit Futter und Wasser versorgt. Wie sich schon schnell nach der Entdeckung der Kadaver herausstellte, war der Mann zu diesem Zeitpunkt krank. Er wurde anschließend psychiatrisch behandelt. Wegen der offensichtlichen Schuldminderung war fraglich, ob es überhaupt zu einem Prozess kommen würde.

Nun musste der heute 44-Jährige doch auf der Anklagebank des Amtsgerichts Ansbach Platz nehmen. Die Tiere seien langsam und qualvoll zugrunde gegangen, sagte der Richter. Eine Mitarbeiterin des Veterinäramts berichtete während der Verhandlung, dass einige der im Stall gefundenen Knochen mehr als ein Jahr alt gewesen seien. Sie nannte das Ausmaß des Tierleids unvorstellbar. 

Anonymer Hinweis bringt den Fall ins Rollen

Wie es überhaupt passieren konnte, dass die Rinder über einen längeren Zeitraum so massiv vernachlässigt wurden, ohne dass es jemandem auffiel, ist trotz der Abgeschiedenheit des Stalls schwer nachvollziehbar. Der anonyme Hinweis ging am Pfingstsonntag bei der Polizei ein. Da waren die Tiere wohl bereits seit Wochen nicht mehr ordentlich versorgt gewesen. Viele tote Rinder befanden sich schon in einem Zustand fortgeschrittener Verwesung, der Gestank muss weithin wahrnehmbar gewesen sein. Die Tiere dürften in ihrer Not auch laut geschrien haben. 

Der Hof war vom Veterinäramt zuletzt 2018 kontrolliert worden – damals ohne Beanstandungen. Tierschutzverstöße seien nicht festgestellt worden, der Stall sei in gutem Zustand gewesen, Futter ausreichend vorhanden. Die Behörde rechtfertigte sich später, dass sie für die Überwachung von fast 1200 Höfen verantwortlich sei, dafür aber nur sechs Kontrolleure zur Verfügung habe. Dass auf dem Hof drei Jahre zuvor noch alles in Ordnung gewesen sein muss, bestätigt ein Vereinsbericht des Milchviehberatungsdienstes Ostalb. Im November 2018 statteten Mitglieder dem Rindermastbetrieb – die Milchviehherde wurde 2015 aufgelöst - in Mittelfranken einen Besuch ab. Schon damals war allerdings von der extrem hohen Arbeitsbelastung des Betriebsleiters die Rede.

Einzelfall nicht verallgemeinern

Mittelfrankens BBV-Präsident Günther Felßner

Der örtliche Bundestagsabgeordnete Arthur Auernhammer (CSU), selbst Landwirt, sprach vor einem Jahr von einem „tragischen Einzelfall“. BBV-Vizepräsident Günther Felßner betonte vor einem Jahr ebenfalls, dass auch mehr Kontrollen diese Tragödie nicht hätten verhindern können. „Es handelt sich um einen bedauerlichen, schlimmen Einzelfall, der aber nicht verallgemeinert und pauschal auf die Tierhaltung in Bayern umgelegt werden darf.“ Er habe den Eindruck, dass „hier ein Betriebsleiter unter schwerem Druck zusammengebrochen ist“. Die Gerichtsverhandlung am Mittwoch bestätigte diese Einschätzung. 

Der Landwirt habe seinen Hof, zu dem auch eine Biogasanlage gehört, über Jahre sehr ordentlich und fleißig geführt und seine Tiere gut versorgt, erklärte Felßner gegenüber dem Wochenblatt. Äußerlich sei deshalb zu keinem Zeitpunkt erkennbar gewesen, dass sich hinter den Stallmauern schlimme Dinge abspielen.Der Betriebsleiter sei offensichtlich psychisch und physisch unter der Last seiner Aufgaben zusammengebrochen. Das mache den schlimmen Fall von Misshandlung und Vernachlässigung der Tiere auch zu einer menschlichen Tragödie.

(Mit Material aus dem Gerichtssaal von Fritz Arnold)