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Trockenheit

So früh wie heuer wurde in Franken noch nie Mais gehäckselt

Problematisch: So früh wie nie und so schlecht wie lange nicht fällt heuer die Maisernte in Franken aus.
Sabine Dähn Siegel
am Donnerstag, 11.08.2022 - 15:47

Am zweiten August hat Roland Lenhart begonnen, für die Biogasanlage zu häckseln. Am dritten August war der erste Bestand eines Milchviehhalters dran.

Sie zeigen auf dem Acker die Trockenheit: Betriebsleiter Jochen Klein (links) und der unterfränkische BBV-Bezirkspräsident Stefan Köhler.

Obwohl, von Bestand kann man dabei kaum reden: Die Lieschen waren schon zu zwei Drittel vertrocknet. Und Kolben habe der Mais zwar angesetzt, aber darin waren höchstens acht bis zehn Körner ausgebildet.

Manche Spindeln seien auch komplett leer geblieben. Das berichtet der Landwirt, der für den Maschinenring Gerolzhofen schon seit Jahren Mais häckselt. „Wir sind halt auf der Fränkischen Platte“, sagt er, der Niederschläge auf seinem Betrieb in Donnersdorf genau notiert. „207 Liter hatten wir in sieben Monaten.“

Speziell auf kiesigen Böden sei das viel zu wenig gewesen. Wegen der Winter- und Frühjahrsniederschläge seien viele Felder zunächst gar nicht befahrbar gewesen, so dass sich die Maisaussaat verzögerte. Doch wer Mitte Mai erst auf den Acker kam, hoffte noch auf gute Erträge. Wo vielleicht ein Gewitter niederging, hofften die Praktiker lange auf einen Kolbenansatz.

Körnermais fällt dieses Jahr aus

<b>Der unterfränkische BBV-Bezirkspräsident Stefan Köhler</b> maß mit dem Zollstock nach: Der Boden auf dem Acker von Jochen Klein war bis in eine Tiefe von 60 Zentimetern knochentrocken und betonhart.

Aber jetzt muss alles abgeräumt werden. „Nichts, was als Körnermais gedacht war, bleibt stehen“, sagt Lenhart, der pro Saison mit seinem Häcksler rund 300 ha schafft. Dass die Biogasanlage Unterspießheim im Umkreis von zehn Kilometern Mais zukauft, interpretiert er als Zeichen dafür, „dass nix da ist“. Denn die Biogasanlage habe noch nie zugekauft.

Frühe Maisernten hat Lenhart schon in den Jahren 2003 und 2013 erlebt. Damals war die komplette Ernte innerhalb von drei Wochen weg. „Aber heuer wird es nicht mal so lange dauern“, schätzt er.

Mau wird es auch mit den Erträgen aussehen. Lenhart zählt die Muldenkipper, die etwa 12 t Frischmasse fassen, was einer Trockenmasse von 4 t entspricht. Wo die Landwirte im letzten Jahr vier Muldenkipper pro ha wegfahren konnten, sei es heuer gerade mal einer, „wenn er überhaupt voll wird“. Angesichts dessen „müssen wir dankbar sein für die Futtervorräte aus dem letzten Jahr“, sagt er. Auf dem Familienbetrieb in Donnersdorf hält er rund 60 Milchkühe mit der weiblichen Nachzucht. Um die insgesamt 140 Rinder satt zu bekommen, ist er froh, dass es 2021 tüchtig Masse gegeben hat, auch wenn die Futterqualität nicht so besonders sei.

Retten, was zu retten ist

Was die Qualität anbelangt, versuchen die Praktiker zu retten, was zu retten ist. „Landwirte bitten die Bevölkerung um Verständnis für abendliche Erntearbeiten“, hat der BBV Weißenburg-Gunzenhausen kürzlich in einer Pressemitteilung geschrieben. Darin wurde erklärt: „Aufgrund der aktuellen Trockenheit hat der Reifeprozess beim Silomais zu einem außergewöhnlich frühen Zeitpunkt begonnen. Leider ist die Aussicht auf anhaltenden Regen gering, wenn nicht sogar ausgeschlossen, sodass in diesem Jahr bereits seit Anfang August die ersten Bestände des Silomais geerntet werden müssen.“

Dies bringe für die Landwirte erhebliche Probleme mit sich. Denn bei einer Ernte im August bei den aktuellen Temperaturen über 30°C komme der geerntete Mais mit deutlich höheren Temperaturen in die Silos wie zum gewohnten Erntetermin Ende September / Anfang Oktober. Gerade diese hohen Temperaturen des Erntegutes führten im Silo zu Fehlgärungen und Futterverlusten, da der Silohaufen sehr lange braucht um abzukühlen.

Den Landwirten fehlt das Futter

Dem Landwirt gehe somit Futtermenge sowie Futterqualität verloren. Um hoffentlich dieses Problem zu umgehen, werden in den nächsten Wochen viele Landwirte versuchen die Ernte in die Morgen-/ Abendstunden zu verlegen, um kühleren Mais zu ernten.

Beim Erntepressegespräch des BBV- Bezirksverbands Unterfranken auf dem Lindenhof ging es um mehr als Vegetationsverlauf, Hektarerträge, Markterlöse in Unterfranken. Bezirkspräsident Stefan Köhler gab ein aktuelles Bild von der Stimmung in der Landwirtschaft. Er verwies auf die großen Herausforderungen, vor der sie angesichts der Umsetzung der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik, vor allem auch angesichts des Ukraine-Kriegs und seiner Auswirkungen steht.

Eines der ganz großen und drängenden Probleme für Landwirte in Unterfranken führte Jochen Klein, seit kurzem Betriebsleiter des klassischen Ackerbaubetriebs mit circa 150 ha und (reduzierter) Schweinehaltung, den Pressevertretern auf seinem abgeernteten Gerstenfeld oberhalb des Hofs vor Augen: Trockenheit. In einem selbst für das niederschlagsarme Unterfranken ungewohnten Ausmaß, wie die mit der Palettengabel des Traktors herausgehobenen Erdbrocken zeigten.

60 cm tief ist der Boden knochentrocken

Weil seit Wochen kein nennenswerter Niederschlag gefallen ist, waren diese Klumpen knochentrocken, der Boden bis mindestens 60 Zentimeter Tiefe betonhart. „Da wächst nichts drauf, nicht mal Zwischenfrucht“, sagte Klein. In dessen Scheune lagert entsprechendes Saatgut für 50 ha. „Doch wann ist dafür der richtige Saatzeitpunkt?“, rätseln die Praktiker zur Zeit.

Noch arbeiten die Landwirte an der sicheren Versorgung mit Lebensmitteln. Aber: Vielerorts mussten sie mit ansehen, wie die Pflanzenbestände notreif wurden, auf den Feldern verdorrten. Die Erträge bei Winterweizen, der mit rund 67 000 ha Anbaufläche flächenmäßig wichtigsten Kultur in Unterfranken, fielen laut Köhler heuer gegenüber dem Durchschnitt der letzten Jahre um 20 % geringer aus.

Bei Sommergerste 50 % Ausfall

Bei Sommergerste betrage der Ausfall gar 50 %. Daher sei trotz gegenüber dem Vorjahr gestiegener Anbaufläche (in Unterfranken von 15 250 auf 19 700 ha) „die Versorgung der Bevölkerung mit heimischer Braugerste nicht gegeben“.

Mit einem ähnlich hohen Ernteausfall müssten die Landwirte bei Zuckerrüben und Mais, „dem Verlierer des Jahres“ rechnen, weil „die Trockenschäden bereits so groß sind, dass jetzt selbst Regen für die Früchte nichts mehr bringt“. Wegen der teils „verheerenden Erträge beim Silomais“, dessen Ernte um circa vier Wochen früher als gewöhnlich begonnen habe, dürften viele Rinderhalter ihren Bestand reduzieren, wenn nicht gar einstellen, sagte der BBV-Bezirkspräsident voraus.

Mit knapp unterdurchschnittlichen bis guten Erträgen sei bei Winterraps zu rechnen. Dessen Anbaufläche war in Unterfranken heuer auf circa 25.000 Hektar geklettert – was einen guten Schritt in Richtung Unabhängigkeit von ausländischen Salatöl- und Soja-Lieferungen bedeute.

„Dinkel enttäuscht“, berichtete mainkorn-Geschäftsführer Thomas Zehnter. Als Gründe nannte er neben schlechten bis durchschnittlichen Erträgen die großen Mengen überlagerter Ware aus 2021 und den starken Import osteuropäischer Ware.

Bei Zuckerrüben, die wie im Vorjahr auf rund 17 000 ha angebaut werden, sei mit schlechten Erträgen und einem deutlichen Produktionsrückgang zu rechnen, machten die BBV-Männer klar und warfen noch einen Blick auf die Sonnenblumen. Hier wäre die Anbaufläche noch stärker gestiegen (Vorjahr knapp 4000 ha, 2022: gut 5400 ha), hätte sich nicht ein großer Verarbeiter wegen befürchteter Absatzprobleme bei teurem heimischen Sonnenblumenöl zurückgezogen.

Rückzug von Verträgen, Verzicht auf Vorverträge

Rückzug von Verträgen, Verzicht auf Vorverträge – das sei kein Einzelfall. Etliche Mälzereien etwa schlössen aktuell keine Getreide-Abnahmeverträge. Wegen der hohen Preise, aber auch wegen der unsicheren Lage bei der Gasversorgung. Ohne Gas können eben viele landwirtschaftliche Rohstoffe nicht weiterverarbeitet, Gewächshäuser für den Gemüseanbau nicht beheizt werden.

Roland Lenhart macht sich auch Sorgen um die Dieselversorgung. Ihm wurde mitgeteilt, dass er erst im September wieder beliefert werden kann. „Diesel wird auch gebraucht, um die Milch tagtäglich von unseren Betrieben abzuholen“, sagt er und hofft, dass die Molkereien nachhaltig damit versorgt werden. Er versteht nicht, dass derzeit viele Urlauber sinnlos „Sprit naushauen“, während die systemrelevanten Betriebe vertröstet würden.

Deutlich höhere Preise für Energie

Deutlich höhere Preise für Energie und Lebensmittel bekämen alle zu spüren, sagte Stefan Köhler, der darauf verwies, dass sich die Auswirkungen der Krise auch im geänderten Kaufverhalten der Bürger spiegele. „Der Trend zur Bioware ist deutlich gebremst. Verbraucher und Verbraucherinnen schauen noch stärker als bisher auf den Preis.“ Der Preis sei freilich ein starkes Kaufkriterium, doch sollte auch die Herkunft der Rohstoffe und Lebensmittel beachtet werden. „Wer in Supermärkten und bei den Produzenten gezielt danach fragt, leistet einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der heimischen Landwirtschaft.“